# taz.de -- Nacktheit als politische Frage: Meine Haut, an der Sand klebt
> Sogar am Leipziger Badesee zeigt sich der Rechtsruck: In der Art, wie die
> Menschen ihre Körper inszenieren.
(IMG) Bild: Nacktbaden hat im Osten Tradition
Jahrelang weiß ich nicht, wie mein Körper nackt aussieht. Ich bin fünf,
wache auf, ziehe den Pyjama aus und schlüpfe direkt in die Kleidung für den
nächsten Tag. Ich bin zehn und merke nicht, wie sich meine Brüste
verändern, bis mir ein Mitschüler zuflüstert: Wie wär’s mit ’nem BH?
Ich bin dreizehn und trage im Sportunterricht einen Badeanzug, bis mich
eine Mitschülerin darauf hinweist, wie mutig ich sei, dass ich meine Beine
nicht rasiere.
Ich bin vierzehn und in unserer Wohnung gibt es keinen Ganzkörperspiegel.
Ich bin fünfzehn und trage ein Top, das etwas über meiner Hüfte endet. Ihre
Blicke haften auf der Höhe meines nackten Bauchnabels, ich ziehe ihn ein,
solange, bis mir schwindelig wird, die Luft geht mir aus. Ich bin siebzehn
und sage zu meiner besten Freundin: Wenn du in kurzer Hose gehst, gehe ich
auch. Wir machen es nie.
Mit jedem Jahr, dass ich älter werde, werden die Kleidungsschichten über
meiner Haut dicker, mein Körper verändert sich und ich habe keine Ahnung
wie. Die Umrisse in Secondhandkleidung verschwunden. Ich kenne meinen Bauch
nicht, kenne die Oberschenkel nicht.
## Ein nackter Sommer
2024 sitze ich mit meinen Freundinnen oberkörperfrei am Cospudener See im
Süden von Leipzig. Das machen wir nackt: Wir lösen Kreuzworträtsel, wir
baden, spielen Volleyball und essen Erdbeeren. Ich schaue meine Arme an,
meine schlecht gestochenen Tattoos, die sich mit dem Wasser vollsaugen. Es
ist ein nackter Sommer. Meine Haut atmet.
Was ist passiert?
Meine heißen Tage finden im Osten statt. Hier, wo die Überbleibsel von FKK
zum Glück noch ihre Früchte tragen, werden noch nackt die Füße im Sand
vergraben. Die Engstirnigkeit meines Dorfes in Westdeutschland zwang mich
in weite Kleidung. Bei meinen Freundinnen war es anders. Sie erzählen von
Campingurlauben mit ihren Eltern, die den ganzen Tag nackt rumgerannt sind.
Trotzdem fällt es ihnen schwer, ihren Bauch nicht einzuziehen, wenn sie
neben mir sitzen.
2026. Auch jene Utopie scheint ihr Ende zu finden. Eine Freundin und ich
fahren zum Cospudener See, wollen anbaden. Wir suchen uns eine Stelle am
Wasser, aber als ich anfange, meine Unterhose von meinen Beinen zu
streifen, schleicht sich ein unwohles Gefühl in meine Brust.
Anders als die letzten Jahre stelle ich fest, dass wir wirklich die einzig
nackten Menschen sind. Sonst gibt es um uns herum: Bikinis, Badeanzüge,
lange Haare, die sich wie ein Vorhang über die Gesichter schieben. Ich
bemerke eingezogene Bäuche, glattrasierte Beine, weiße, bleiche Haut.
## Comeback der Tradwife
Dann die Realisation: Natürlich macht der Rechtsruck nicht vor unseren
Körpern halt. Das Comeback der Tradwife und die ausgehungerten Körper,
Skinnytok, wird langsam eine sichtbare Konsequenz auf den Straßen. Körper
wie meine haben sich wieder zu schämen. Die Rückeroberung meines nackten
Körpers, an dem nass gewordener Sand klebt, bleibt als eine zerfließende
Erinnerung zurück. Meine Hände verdecken meine Brüste.
Ich will gerade meine Unterhose wieder hochziehen, da taucht zwischen den
Gebüschen eine alte Frau auf, die ganz nackt ist, bis auf die Adiletten an
ihren Füßen. Sie schaut in die Weite des Sees, dann geht sie langsam einen
Schritt aufs Wasser zu.
Ich begehre meinen nackten Körper im Wasser, zwischen den Algen und der
Angst, dass eines der Tiere in eine meiner Körperöffnungen treiben könnte.
Es fällt nicht leicht, aber wir lassen unsere Kleidung liegen, bevor wir
gemeinsam anbaden gehen.
19 Jun 2026
## AUTOREN
(DIR) Jona Rausch
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