# taz.de -- Die Wahrheit: Torkelnde Angreifer
       
       > Wespen sind schon schlimm genug, aber Hornissen sind der Untergang des
       > Abendlandes, wenn sie zu zwölft anrücken.
       
       Begegnungen mit Wespen (Vespula vulgaris) sind deshalb so unangenehm, weil
       sich die Viecher mit ihrem Schunkelflug wie Volltrunkene benehmen.
       Wesentlich lieber nachgerade willkommen ist mir die Europäische Hornisse
       (Vespa crabro) in ihrer stolzen Pracht, nicht zu verwechseln mit der
       Asiatischen Hornisse (Vespa velutina) in ihrer verschlagenen
       Kümmerlichkeit.
       
       Die Asiatische Hornisse ist ein Arschloch und hat hier nichts zu suchen.
       Hockte ich bei Piaggio im Vorstand, würde ich meine kultigen Roller aus
       italienischer Fertigung Vespa Crabro nennen, die Billigvariante vom
       chinesischen Fließband ehrlicherweise Vespa Velutina.
       
       Umso irritierender, was für Irritationen 12 Hornissen auslösen können, wenn
       sie, angelockt von einem hellen Strahler und ermöglicht durch ein „auf
       Kipp“ stehendes Fenster, sonore Brummkreise durch den Luftraum einer
       nächtlichen Küche ziehen. Meine beiden Besucher ergriffen sofort die Flucht
       ins Wohnzimmer, wo sie sich unter spitzen Schreien und weichen Kissen auf
       dem Sofa verbarrikadierten. Dabei interessieren sich Hornissen weder für
       Bier noch für Pflaumenkuchen. Sie attackieren nur bei direkter Bedrohung,
       Annäherung oder Erschütterung ihres Nestes.
       
       ## Brennende Fackel
       
       Ich mahnte streng zur Ruhe, öffnete sperrangelweit die Tür zum Garten und
       löschte alle Lichtquellen im Haus, bevor ich die Lampe auf der Terrasse
       einschaltete. Auf diese Weise konnten wir seelenruhig beobachten, wie alle
       Hornissen nacheinander den Weg ins Freie fanden. Und meine Besucher
       feierten mich, als wäre ich eine Figur von Jack London, die 12 Wölfe mit
       brennender Fackel vertrieben hat.
       
       Am folgenden Morgen erwachte ich von schweren Schritten über meinem Kopf.
       Der Schornsteinfeger! Ganz vergessen! Der Schornstein! Das Nest im
       Schornstein! Halbnackt stürmte ich ins Freie – zu spät. Schon hatte der
       Schornsteinfeger seine Schornsteinfegerkugel in den Schornstein geworfen.
       Und das war eindeutig eine Bedrohung, Annäherung oder Erschütterung des
       Nestes. Die nackte Panik in den Augen des Schornsteinfegers werde ich nie
       vergessen. Sofort erhob sich ein biblisches Brausen, tief und zornig wie
       ein Geschwader aus Vesparollern mit Rennauspuff. Es war, als verdunkelte
       sich kurz der Himmel. Eine Wolke aus Wut hatte den Schornsteinfeger
       komplett verschluckt.
       
       Und dann passierte etwas Merkwürdiges. Allmählich entdunkelte sich der
       Himmel wieder. Auch die Wolke verzog sich und gab einen unversehrten,
       geradezu vergnügten Schornsteinfeger frei. „Das ist das größte Nest, das
       ich je gesehen habe“, erzählte er mir später bei Pflaumenkuchen und Bier:
       „Wären das Wespen gewesen, würden wir zwei Hübschen jetzt nicht hier
       sitzen.“ Eine einsame Hornisse patrouillierte quer über den Küchentisch.
       Wir waren in Sicherheit.
       
       28 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Arno Frank
       
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