# taz.de -- Die Wahrheit: Brötchen mit Bodenhaftung
       
       > Humanoiden sind der nächste große Scheiß. Zu Besuch bei einem der
       > Nutznießer menschenähnlicher Wesen.
       
 (IMG) Bild: Per Handschlag besiegeln Roboter die Freundschaft Foto: dpa
       
       Als langjähriger Tierhalter hätte sich Roland Perthes lieber einen
       vierbeinigen Humanoiden gewünscht. Früher hatte er Minka, seine liebe
       Katze. Ganz früher den WG-Hund Paul, der dann nach Hamburg ging, um
       Soziologie zu studieren. Aber das ist eine andere Geschichte. Und Kaffee
       kochen konnten beide nicht.
       
       Trotzdem wäre dem 55-jährigen Frührentner aus Bremen ein vierbeiniger
       Humanoid irgendwie vertrauter gewesen. „Vier Beine stehen für größere
       Bodenhaftung“, findet er. „Außerdem strecken Vierbeiner gelegentlich alle
       Viere von sich und rollen sich unter dem Tisch zusammen.“
       
       Nun ist es aber ein Zweibeiner geworden. Ein drei Jahre alter Humanoid
       chinesischer Bauart, ausrangiert von Freund Hein, der in einen noch
       fähigeren Haushaltsroboter investiert hat. Seinen alten hat er Perthes
       überlassen. Für lau! „Wie sagt man: Einem geschenkten Humanoiden schaut man
       nicht … na ja, ‚Maul‘ reimt sich nicht. Und ‚Hämorrhoiden‘ macht bei einem
       Roboter keinen Sinn“, schmunzelt Perthes. Noch nicht, schmunzeln wir.
       
       Einzig den noch zwei Jahre laufenden Wartungsvertrag hat Perthes übernehmen
       müssen. Aber die 500 Euro im Jahr stemmt der Pensionär gern. Denn nach den
       ersten drei Wochen muss er einfach sagen: „Nicht schlecht, so ein
       Humanoid.“
       
       ## Ersatz für die Hausperle
       
       Humanoide gelten als der nächste heiße Scheiß. Egal ob in der vier- oder
       zweibeinigen Version, als Pflegekräfte oder Haushaltshelfer versprechen sie
       ein Milliardengeschäft zu werden. Chinesische Fabrikate sind inzwischen so
       ausgereift, dass US-Präsident Trump erst kürzlich ihre Einfuhr in die USA
       untersagt hat. Hierzulande setzt man eher noch auf Altbewährtes, sprich:
       die gute alte Hausperle („Bewerbungen bitte nur von ungeimpften Damen mit
       beglaubigtem Ariernachweis, eigenes Kfz Voraussetzung“). Nur sehr
       vereinzelt sind bereits humanoide Geräte im Einsatz.
       
       Freund Hein gebe seinen Robotern stets einen Namen, erklärt Perthes. Ihm
       aber falle es schwer, eine Maschine als Tom oder Fred anzusprechen. „Ich
       sage deshalb: Mach dieses, Humanoid, mach das.“ Und der Humanoid macht. Er
       räumt die Spülmaschine aus, holt die Post aus dem Briefkasten, pumpt das
       Fahrrad auf. Er mäht den Rasen und füllt frisches Wasser in die
       Vogeltränke. Alles perfekt. „Manchmal habe ich den Eindruck, dass er besser
       organisiert ist als ich es je war.“
       
       Auch den Gang zum Bäcker hat Perthes ihm beigebracht. Das war allerdings
       nicht ganz einfach, denn dazu musste die Maschine lernen, eine viel
       befahrene Straße zu überqueren. Die ersten Versuche waren aufregend. Nicht
       für ihn. Für die Autofahrer.
       
       Selten allerdings bringt der Humanoid die Brötchen heim, die Perthes ihm
       aufträgt. Er kommt regelmäßig mit anderen Sorten zurück. Aber auch das ist
       im Grunde keine richtige Enttäuschung. „Auf diese Weise lerne ich immer
       neue Brötchen kennen. Der Humanoid hat meinen kulinarischen Horizont
       erweitert.“
       
       Auch sonst hat sich Perthes Leben gründlich verändert: „Früher musste ich
       morgens entscheiden, was ich zuerst erledige. Heute muss ich entscheiden,
       was ich dem Humanoiden zuerst befehle. Das ist ein Unterschied.“ Aber
       sicher auch ein gewisser Komfort. Während der Roboter die Wäsche aufhängt,
       kann Perthes darüber nachdenken, ob er ihn anschließend das Bett beziehen
       oder erst das schwerere Sudoku erledigen lässt. „Man gewinnt Zeit, wenn man
       nicht mehr alles selbst machen muss. Allerdings verliert man viel Zeit, um
       einem Humanoiden zu erklären, was ‚alles selbst‘ bedeutet.“
       
       ## Fahrkarte für die Bahn
       
       Als nicht ganz ohne erwies sich auch, mit einem Schaffner zu klären, ob
       sein Humanoid für den Tagesausflug neulich nach Cuxhaven mit der Bahn eine
       Fahrkarte benötigt. Oder er nicht als Gepäck durchgehe, wie Perthes geltend
       zu machen versuchte. Schließlich beanspruche der Roboter keinen Sitzplatz,
       schaue nicht mal aus dem Fenster. Allerdings passe er in keine
       Gepäckablage, argumentierte der Bahnmitarbeiter. Sie einigten sich
       schließlich auf eine Fahrradtageskarte.
       
       Um auch die sexuellen Dienstbarkeiten seines Humanoiden nutzen zu können,
       brauche es eine erhebliche Systemerweiterung, gibt Perthes ungefragt zu
       Bedenken. Da scheue er die Kosten. Zumal noch einige Tools dazu kämen, die
       in den Zubehörkatalogen zum Beispiel als „Flutschfinger“ oder „Wedelhand“
       geführt werden.
       
       Manchmal sitzt Roland Perthes einfach nur da und sieht seinem
       elektronischen Butler bei der Hausarbeit zu. „Dann frage ich mich, ob er
       noch mein Helfer ist oder ich nicht längst sein Sklave geworden bin.“ Aber
       natürlich benötigt jeder Humanoid eine gewisse Pflege, die ihm nur sein
       Eigentümer angedeihen lassen kann. Die Gelenke müssen regelmäßig gefettet
       werden, die Software gelegentlich ein Update erhalten und das System hin
       und wieder daran erinnert werden, dass die Klobürste nicht im Wohnzimmer
       steht.
       
       Neulich hat Perthes dann doch versucht, seinem „Humi“, wie er ihn
       inzwischen schon mal zärtlich nennt, einen richtigen Vornamen zu geben.
       Fred, wie es Freund Hein tut, ging nicht. „‚Fred, stech den Nachbarn ab‘,
       klingt für mich, als würde ich einen alten Bekannten losschicken.
       ‚Humanoid, töte Herrn Raab‘, klingt irgendwie sachlicher, klarer,
       angemessen.“
       
       Vielleicht ist das das Geheimnis des Zusammenlebens von Mensch und
       Maschine: Wir Menschen geben ihnen unsere Aufgaben und irgendwann
       vielleicht sogar einen Namen. Sie verschaffen uns mehr Freizeit, bringen
       nur manchmal die falschen Brötchen. Doch damit kann Roland Perthes gut
       leben. Jedenfalls so lange sie frisch und knackig sind.
       
       3 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fritz Tietz
       
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