# taz.de -- Neofluxus-Kunst in Bochum: Glanz und Elend des Verfalls
       
       > Mit Witz widmen sich Yuko Mohri und Ei Arakawa-Nash der Gegenwart. Der
       > Ausstellung „How We Meet“ gelingt ein Brückenschlag zur Geschichte des
       > Hauses.
       
 (IMG) Bild: Yuko Mohris Repliken der Installationen Tokioter U-Bahn-Arbeiter sorgen für zartes Trommeln
       
       Katastrophen sind möglich: Wie eine makabre Pointe wirkt, dass vor fünf
       Jahren die bewundernswerte Galeristin Ingrid Baecker ausgerechnet infolge
       der Ahrtalflut auf schreckliche Weise starb. Auch in Erinnerung daran zeigt
       das Kunstmuseum Bochum gerade die Ausstellung „How We Meet“ mit den
       Neofluxus-Größen Yuko Mohri – sie hat 2024 bei der [1][Biennale von
       Venedig] Japan vertreten – und Ei Arakawa-Nash, der es dieses Jahr tut.
       
       Baecker nämlich war für Bochums Verankerung in der Kunstwelt und für die
       [2][Fluxus-Bewegung] weltweit ungemein wichtig. Diese strebte an, die Welt
       der toten mit lebendiger Kunst „zu überschwemmen“. So hatte Georges
       Maciunas 1963 in seinem „Manifesto“ eine Definition dieser damals neuen
       Strömung versucht. Sie lehnte den Leistungsdruck und Verwertungszwang für
       ihre Arbeiten ab: „Whatever you do is fine“, war das von George Brecht,
       einem anderen ihrer Protagonisten, ausgegebene Credo. Egal was du machst,
       es ist okay: „No catastrophes are possible.“
       
       Der Anspruch, lebendig zu sein, verankerte in Fluxus von Anfang an dabei
       auch eine ökologische Komponente. Die Interventionen und Kunstaktionen
       reagierten mit wachsendem Schrecken und finsteren Späßen auf den
       zerstörerischen menschlichen Konsum von Welt. Die Kohlestadt Bochum,
       Baeckers Heimat, war dafür eine einleuchtende Kulisse.
       
       Dort betrieb sie, erst in der Privatwohnung, ab 1970 dann in der Tiefgarage
       des mütterlichen Hauses, [3][zum Schluss in der Bergstraße in ganz eigenen
       Räumen eine Galerie,] in der von Anfang an Wolf Vostell, Allan Kaprow oder
       Alison Knowles gezeigt wurden.
       
       ## Retterin der Kunst
       
       Vor allem aber bewahrte sie die Avantgarde davor, sich in Köln und
       Düsseldorf in elitär-akademischen Blasen des Kunstbetriebs nur noch selbst
       zu bestätigen. Sie lockte sie – [4][und alle kamen!] – in den Alltag des
       Ruhrpotts, konkret: an Orte wie das Einkaufszentrum Ruhr Park, wo es eben
       noch etwas in Bewegung und Wallung brachte, wenn Charlotte Moorman nackt
       auf dem Rücken liegend Cello spielte.
       
       Baecker wechselte dann später nach Köln. Ihre Sammlung aber hat sie dem
       Bochumer Kunstmuseum vermacht: Unter dem Titel „How We Met“, der den einer
       zentralen Fluxuspublikation zitiert, waren die Relikte, Dokumentationen und
       Serials der Konzerte, Happenings, Videos und Performances hier im
       vergangenen Jahr zu sehen, um den Neuerwerb zu feiern. Die jetzige Schau,
       „How We Meet“, tritt dagegen im Präsens den Beweis an, dass Fluxus nicht
       versiegt ist.
       
       Der Impuls pflanzt sich fort, die Anti-Kunst-Kunst performt weiter. So
       beschließt Arakawa-Nash seine Happeningreihe „Water Money Salad“ mit
       Studierenden der Düsseldorfer Kunsthochschule am 2. September, wobei der
       Titel natürlich an [5][Wolf Vostells] „Salat“ erinnert: Er hatte vor 55
       Jahren einen Güterwaggon mit Blattgemüse mehrere Tage lang zwischen Köln
       und Aachen hin und her fahren lassen und danach einen Stahlkoffer mit einer
       Auswahl an Salatköpfen bis zur endgültigen Dekomposition, was seinerzeit
       erheblich moralisierende Brot-für-die-Welt-Entrüstung verursachte.
       
       ## Anarchischer Witz
       
       Ja, die Vorfahren waren mit anarchischem Witz ihren Atomtodängsten
       begegnet. Er ähnelt dem, mit dem die zwei Japaner*innen sich dem
       konkret-messbaren, schleichenden Untergang stellen, der die Gegenwart
       geprägt: So hat Arakawa-Nash das Konzept „Kyoto-Protokoll“ für die Bochumer
       Ausstellung als ein Kunstwerk gescripted.
       
       Grundlage ist die errechnete CO2-Bilanz der Reise von seinem Wohnort Los
       Angeles über Venedig – im Pavillon in den Giardini lässt er massenhaft
       gruselige Babypuppen an Tauen herumklettern – ins Ruhrgebiet. Verursacht
       hat der Trip demnach 3,47 Tonnen CO2-Äquivalent, die der Künstler wiederum
       in die Größeneinheit Schritte auf Stelzen umgerechnet hat. Das Publikum nun
       bekommt die Gelegenheit, etwas für sein gutes Gewissen zu tun.
       
       Es soll sich in einem Einkaufswagen bereitgestellte Holzklötze mit
       Klebeband unter die Sohlen kleben und kompensatorische Steps zählen, die
       von der Aufsicht zu dokumentieren sind. Wenn 72.000 gemacht wurden, kann
       Arakawa-Nash sie über eine UN-Plattform registrieren lassen und ein
       Zertifikat erwerben: Es soll real dem Dongjiang-Flussprojekt helfen. Vor
       allem aber macht es Emissionshandel als einen wackelig-hinkenden und
       stolpernden Prozess erlebbar.
       
       ## Das Trommeln des Untergangs
       
       Noch schöner findet sich der Verfall der Welt in Mohris neuestem Kapitel
       ihres Langzeitprojekts „Moré Moré“. Das Wort bedeutet „undicht“, der
       Untertitel „leaky“ unterstreicht, dass es auf den Sinn hier durchaus mal
       ankommt. Es hat in Japan seit Fukushima ja auch einen besonders prägnanten
       Klang. Seit 2011 dokumentiert die Tokyoter Künstlerin fotografisch die
       einfallsreichen Konstruktionen, mit denen die U-Bahn-Arbeiter das an
       zahllosen Stellen in die Metroschächte der größten Stadt der Welt
       eindringende Wasser auffangen.
       
       Diese aus Gummistiefeln, alten Schirmen, Zinkgießkannen, Eimern und
       Flatterband geschaffenen genialen Interimsplastiken bastelt sie nach,
       [6][auch in Venedig waren solche Installationen 2024 zu erleben]. Hier
       allerdings stehen sie nicht auf dem dunkel strukturierten Marmorboden des
       japanischen Pavillons, sondern in einem weißen langen Saal.
       
       Und das ist von Vorteil: Wie ein dürrer Wald aus toten Bäumen ragen die
       Gebilde auf, an denen wie Lianen Gummischläuche hängen: Mit Pumpen hat
       Mohri das Wasser in einen Kreislauf überführt und dafür gesorgt, dass seine
       Bewegung Bongos, Becken, Snaredrums oder anderes Schlagwerk in Schwingung
       versetzt. Und wie verzaubert bleibt man stehen, um ihm zu lauschen, diesem
       zarten, aber beharrlich-fordernden Trommeln der Katastrophe.
       
       25 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Kontroverse-Kunstbiennale-in-Venedig/!6173819
 (DIR) [2] /Holy-Fluxus-Ausstellung-in-Berlin/!6027360
 (DIR) [3] https://cafedeutschland.staedelmuseum.de/gespraeche/inge-baecker
 (DIR) [4] https://d-nb.info/1036909980/04
 (DIR) [5] /Cadillacs-am-Rathenauplatz/!5958731
 (DIR) [6] https://whitehotmagazine.com/articles/60th-venice-biennale-in-pictures/6744
       
       ## AUTOREN
       
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