# taz.de -- Comic „Der Schnee war schmutzig“: Abgründiges Gesellschaftsporträt
       
       > Der Autor Jean-Luc Fromental und der Zeichner Yslaire adaptieren einen
       > Roman von Georges Simenon. Die Bilder sind in fast giftigem Stil
       > gehalten.
       
 (IMG) Bild: Im Comic „Der Schnee war schmutzig“ von Jean-Luc Fromental und Yslaire sind die Farben bewusst fahl gehalten
       
       Eine triste Szenerie. In der Kaschemme „Timos Bar“ trifft sich allabendlich
       eine Reihe zwielichtiger Männer, die untereinander mit ihren Schandtaten
       prahlen. Darunter der Zuhälter Kromer und der 18-jährige Frank Friedmaier,
       ein Dandy, dessen Mutter ein Bordell betreibt. Frank leiht sich von Kromer
       ein Messer, um in derselben Nacht einen Mord an einem anderen Gast der Bar
       zu begehen, einem Angehörigen der Besatzungsmacht.
       
       Der belgische Zeichner Yslaire (bürgerlich Bernard Hislaire) wurde 1957
       geboren und veröffentlichte ab 1975 Comics im Magazin Spirou. Mit der
       poetischen Serie um „Bidouille et Violette“ schuf er eine humoristische
       Lovestory-Serie. Sein größter Erfolg gelang ihm in den 1980er Jahren mit
       der Historienserie „Sambre“, für die er seinen realistisch-romantisierenden
       Zeichenstil entwickelte. Die Geschichte eines Paares vor dem Hintergrund
       politischer Ereignisse in Frankreich um 1830 bot ihm die Möglichkeit,
       Historie und Melodram auf grafisch reizvolle Weise zu verbinden.
       
       In den letzten Jahren wandte er sich vermehrt literarischen Stoffen zu, wie
       in dem One-Shot „Mademoiselle Baudelaire“ (auf Deutsch 2021 im Splitter
       Verlag erschienen), der eindringlich, in kunstvoll-fließenden Seitenlayouts
       von der Liebe des Dichters Charles Baudelaire zu seiner Muse, der
       „schwarzen Venus“ Jeanne Duval erzählte.
       
       ## Zur Zeit des Existenzialismus entstanden
       
       Diesmal widmet er sich einem [1][Werk von Georges Simenon (19031989)]. „Der
       Schnee war schmutzig“ erscheint im Carlsen Verlag als Teil der neuen Reihe
       von Comicadaptionen der sogenannten „Romans durs“ des [2][belgischen
       Krimiautors, der durch seine (häufig verfilmten) Geschichten um den
       charismatischen „Kommissar Maigret“ auch heute noch sehr populär ist]. Als
       „romans durs“ bezeichnete Simenon seine „richtigen“ Romane, literarisch
       anspruchsvollere Prosawerke, die ebenfalls meist von mörderischen
       Geschehnissen handeln, aber die jeweilige Hauptfigur psychologisch tief
       ausloten und ein komplexes Gesellschaftsbild zeichnen.
       
       Den 1948 erstmals publizierten Roman „Der Schnee war schmutzig“ bezeichnete
       Simenon selbst als einen seiner besten. Er entstand zur Zeit des
       Existenzialismus und ist vermutlich von [3][Albert Camus' wenige Jahre
       zuvor erschienenem Meisterwerk „Der Fremde“ (1942)] beeinflusst. Wie der
       Franzose erzählt auch der Belgier Simenon eine existenzielle Geschichte um
       einen gefühllosen Menschen, der jede Moral vermissen lässt. Der halbstarke
       Held ist von beispielloser Kälte, mordet mehrfach grundlos und verrät
       selbst die ihm nahestehende, sexuell unerfahrene Sissy an seinen
       Zuhälterkumpan.
       
       Schauplatz ist ein namenloses Städtchen in einem kleineren europäischen
       Land, das von einer fremden Macht besetzt wird – die deutschen
       Expansionsbestrebungen während des Zweiten Weltkriegs werden nur vage
       angedeutet, Belgien könnte gemeint sein. Manche Kunstgriffe der Verfremdung
       der politischen Umstände und der Kriegsgegenwart weisen Verwandtschaften zu
       George Orwells Dystopie „1984“ auf, die erst ein Jahr nach Simenons Roman
       erschien. Die Täterperspektive wiederum ähnelt jener von Fjodor
       Dostojewskis mörderischem Protagonisten Raskolnikow im Roman „Schuld und
       Sühne“ (1866).
       
       ## Anspielungen auf die Entstehungzeit
       
       Simenon gelang damit ein eindrucksvoller Spiegel der Nazi-Besatzungszeit,
       in der Menschen Gelegenheit zu vielfältigen Verbrechen und Kollaborationen
       bekamen. Der Szenarist Jean-Luc Fromental hat den Roman sorgfältig in eine
       dichte Comicerzählung übertragen (und erläutert im Nachwort einige
       Hintergründe zur Romanvorlage). Zeichner Yslaire überzeugt mit seinen
       stimmungsvollen Zeichnungen: In Grautönen und ausgesucht fahlen, oft giftig
       anmutenden Zusatzfarben kreiert er eine düstere, wahrhaft winterliche
       Atmosphäre.
       
       Seinen ausdrucksstarken, plastischen Figuren haftet etwas Puppenhaftes an,
       sie wirken lieblich und abstoßend zugleich. Geschickt flicht Yslaire
       Anspielungen auf die Entstehungzeit ein: So läuft in einem Kino, das Frank
       und Sissy besuchen, die Simenon-Verfilmung „Panique“ (1946, nach dem Roman
       „Die Verlobung des Monsieur Hire“), und der Schriftsteller selbst bekommt
       einen markanten Auftritt: In für ihn typischem Outfit (Hornbrille, Fliege
       und Pfeife, Hut und Anzug) mischt er sich unter die halbseidenen Besucher
       von „Timos Bar“.
       
       Die eindringliche Erzählung ist der erste Höhepunkt der ambitionierten
       Reihe von Comicadaptionen des belgischen Klassikers. Sie zieht ihre
       Leserinnen und Leser dank Yslaires feiner Zeichnungen hinab in einen
       dunklen Strudel menschlicher Abgründe.
       
       23 Aug 2026
       
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