# taz.de -- Doku über Verschwundene in Mexiko: „Kartelle kommerzialisieren die Angst“
> Alles dreht sich im Film „Toshkua“ um das Verschwindenlassen von Menschen
> in Mexiko. Aktivistin Mariana Ávila Montejano hilft Familien bei der
> Suche.
(IMG) Bild: Protest gegen schleppende Ermittlungen zum Schicksal von Vermissten: Komplizenschaft der mexikanischen Institutionen
taz: Frau Ávila, Sie werden am 31. August im Anschluss an die
Filmvorführung von „Toshkua“ im Abaton auf dem Podium sitzen. Was hat Sie
nach Hamburg geführt?
Mariana Ávila Montejano: Ich bin Politologin, Menschenrechtsaktivistin und
begleite Menschen, die nach ihren verschwundenen Angehörigen suchen. Ich
habe in Aguascalientes, einer Stadt, die oberhalb von Mexiko-Stadt im
Zentrum des Landes liegt, 2014 die Beobachtungsstelle für soziale und
geschlechtsspezifische Gewalt gegründet – in erster Linie, um auf Gewalt
gegen Frauen aufmerksam zu machen. Doch wir sind schon sehr früh um Hilfe
bei der Suche von gewaltsam Verschwundengelassenen gebeten worden. Von
Müttern, Angehörigen, Familien – nicht nur aus Mexiko, sondern auch aus
Honduras, El Salvador oder Guatemala.
taz: In Mexiko ist je nach Quelle von 90.000 bis 150.000 gewaltsam
Verschwundengelassenen die Rede. Sind da Menschen aus anderen Ländern
berücksichtigt?
Ávila Montejano: Nein, zudem sind die Zahlen reine Schätzungen. Es gibt
mehr und mehr Opferorganisationen, die von 150.000 Verschwundenen sprechen
und es ist wahrscheinlich, dass es viele Opfer aus anderen Ländern wie
Honduras, Guatemala, El Salvador oder auch Kolumbien und Venezuela gibt,
von denen wir bis heute nichts wissen.
taz: Mary Martínez heißt die Mutter eines Verschwundenen, die im Zentrum
von „Toshkua“ steht. Welche Erfahrungen macht sie?
Ávila Montejano: Mary ist ein exemplarischer Fall, der die Komplizenschaft
auf all diesen Ebenen der mexikanischen Institutionen aufzeigt. Zudem wird
der Umgang der Behörden mit den Suchenden aufgezeigt. Sie versuchen, die
Angehörigen zu isolieren – so gibt es zum Beispiel keine Ermittlungen von
Opfergruppen. Das sorgt dafür, dass die Familien auf sich gestellt sind –
diese Vereinzelung sorgt wiederum für Frustrationen.
taz: Gibt „Toshkua“ Einblick in die Gründe für die Auswanderung?
Ávila Montejano: Ja, der Film zeigt auf, warum die Menschen aus
Mittelamerika weggehen, warum es so schwierig ist, sie wiederaufzufinden,
wer verantwortlich dafür ist, dass sich die Suche so schwierig gestaltet.
Alles dreht sich in „Toshkua“ um die Grundlagen des Verschwindenlassens von
Menschen in Mexiko.
taz: Ist der Dokumentarfilm in Mexiko bekannt, lief er in großen Kinos?
Ávila Montejano: Nein, wir unternehmen immer wieder große Anstrengungen, um
ihn zu zeigen, über die Strukturen hinter dem gewaltsamen
Verschwindenlassen zu diskutieren – dafür bietet der Film eine gute
Grundlage. Ludovic Bouleux, der französische Regisseur, der in Mexiko lebt,
hat nicht die großen Kinosäle im Visier gehabt. Er arbeitet mit sozialen
Organisationen in Mexiko – macht in Dokumentarfilmen sichtbar, was unseren
Alltag prägt und worüber ungern diskutiert wird.
taz: Wie verhält sich die aktuelle Präsidentin – [1][Claudia Sheinbaum]?
Ávila Montejano: Mit ihr gibt es zumindest mehr Raum, um über die
Menschenrechte zu diskutieren. Sie hört zu, aber von Lösungen sind wir weit
entfernt. Ein Problem ist das Schwarz-Weiß-Malen, es gibt nur ein mit oder
gegen mich in Mexiko. Das ist bei Claudia Sheinbaum anders, aber in den
Strukturen, in den Institutionen herrscht dieses Denken vor. Das wird sich
nicht in zwei, drei oder auch vier Jahren ändern – wir reden über
strukturelle Probleme in der Politik meines Landes.
taz: Welche Kartelle sind in Ihrer Region, in Aguascalientes präsent und
sind sie international vernetzt?
Ávila Montejano: Es sind drei: Jalisco Nueva Generación, das Kartell von
Sinaloa und Los Talibanos. Die [2][Kartelle sind international immer besser
vernetzt], agieren längst nicht mehr allein in Mexiko und beziehen ihre
Ausrüstung aus den USA, aus Israel und vielen anderen Ländern – darunter
auch Deutschland. Teil der bitteren Realität ist auch, dass die Kartelle,
die zum Teil ganze Regionen kontrollieren auch Migrationsrouten
dichtmachen. Da stellt sich die Frage, ob das in Absprache mit der Politik
geschieht? Heute kommerzialisieren die Kartelle nicht nur die Drogen, sie
kommerzialisieren den Terror, die Angst.
taz: Mussten Sie aus Mexiko fliehen – sind Sie verfolgt worden?
Ávila Montejano: Ja, ich habe mich dank der Vermittlung von [3][Peace
Brigades International] für einen Schutzaufenthalt der
Elisabeth-Selbert-Initiative beworben und wurde angenommen. Meine Situation
in Aguascalientes war in den vergangenen zwölf Monaten extrem schwierig. Es
wurde in meine Wohnung eingebrochen, ich habe dreimal die Wohnung
gewechselt, war de facto auf der Flucht, weil ich Familien bei der Suche
nach ihren Verschwundenen geholfen habe, Dokumente zusammengestellt, bei
Behörden und Polizei nachgefragt und dadurch auch die eine oder andere
Razzia angeschoben habe.
27 Aug 2026
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