# taz.de -- Kleingärten in Berlin: Wenn was nervt, dann das Amt
       
       > In der Britzer Kleingartenkolonie „Guter Wille“ versteht man sich in der
       > Regel gut. Aber das große Gemeinschaftsgefühl schwindet zunehmend.
       
 (IMG) Bild: Britzer Kleingartenkolonie „Guter Wille“: Frau Dörr und Frau Reda haben Spaß
       
       „Guter Wille“. Lustiger Name für eine Kleingartenkolonie. Man fragt sich,
       wer auf den gekommen ist. Und warum. Waren die Koloniegründer vor vielen
       Jahrzehnten schlaue Leute, die wussten, dass es zwischen Kolonistennachbarn
       gern mal zu Zank kommt, der aber mit gutem Willen zu befrieden ist?
       
       Sie hätten die Kolonie in Britz ja auch anders benennen können. Zum
       Beispiel „Genaue Vorschrift“, was ebenfalls dicht an der Realität in einer
       [1][deutschen Kleingartenanlage] wäre. In der muss ja immer alles
       ordentlich und vorschriftsmäßig sein. So ist beispielsweise der Anbau von
       einem Drittel Obst und Gemüse Kleingartengesetz.
       
       Gut 400 Parzellen gibt es in der Kolonie „Guter Wille“. Macht an die 1.000
       Menschen, die hierherkommen, um Ruhe zu finden vor der Berliner Hektik und
       den nervigen Großstadtmitbürgern. Dass diese Kolonisten unterschiedlich
       ticken, zeigt ein flüchtiger Blick über die Grundstücke, die sich dicht
       aneinanderreihen. Auf manchen herrscht strenge Akkuratesse inklusive
       Rasenschnitt, Beete und Wegkanten.
       
       ## Auch Lokalpatriotismus geht
       
       In einer Parzelle sollen Buddha-Figuren aus dem Baumarkt offenbar
       Kleingartenspiritualität erzeugen. Daneben zeigen National- und
       Lokalpatrioten Flagge: Schwarz-Rot-Gold beziehungsweise Weiß-Rot plus
       Berliner Bär. Vor allem rund ums Vereinslokal am zentralen Kolonieplatz
       sieht man oft Blau-Weiß – [2][auf Hertha-Stickern].
       
       Auf wenigen Quadratmetern kommt da einiges zusammen, was sich draußen in
       der Stadt womöglich eher aus dem Weg gehen würde. Anders als in einem
       Mietshaus verschwinden die Nachbarn nach der Begegnung aber nicht hinter
       Wohnungstüren. Zwischen den Grundstücken stehen meist nur Hecken. Man
       sieht, hört und trifft sich.
       
       Und dann gibt es dort noch eine echte Sensation: ein Feuerwehrhäuschen.
       „Unsere Kleingartenanlage ist die einzige in ganz Deutschland mit eigener
       Feuerwehr. Die [3][Feuerwehrleute] haben eine richtige Ausbildung und sogar
       Uniformen“, sagt Julia Werner.
       
       Die braungebrannte, mit Geschmeide behangene Dame ist seit 17 Jahren
       Schriftführerin im Vorstand des Gartenvereins. Ein Ehrenamt, das sie gern
       ausübt, weil es wahnsinnig interessant sei. Warum? Kurze Nachdenkpause.
       
       ## Glückwunschkarten gehören auch dazu
       
       „Ich bin recht offen, mich interessieren viele Sachen. Man kann sich
       einbringen. Und das Soziale ist schön“, sagt sie nach einer Weile.
       Gespräche seien ganz wichtig, gerade in einer kleineren Gemeinschaft. So
       schreibe sie beispielsweise auch Glückwunschkarten für Geburtstage oder
       goldene Hochzeiten der Koloniemitglieder. Und wenn neue, jüngere Leuten zur
       Kolonie stoßen, ist auch das für sie Teil ihrer sozialen Arbeit.
       
       Denn dadurch träfe hier nicht nur Alt auf Jung, sondern manchmal auch
       Lebensweise auf Lebensweise. „Für ein 80-jähriges Ehepaar kann das schon
       eine Umstellung sein, wenn orientalische Bewerber mit fünf Kindern auf die
       Parzelle nebenan ziehen.“ Anders als in der Stadt kann man hier nicht
       einfach die Tür zumachen. Man begegnet sich am Zaun, auf dem Weg, beim
       Vereinsfest. Und manchmal muss man eben miteinander reden.
       
       Das klingt zunächst nach einer jener Konstellationen, aus denen anderswo
       schnell eine Grundsatzdebatte mit anschließend getrennten Wegen wird. In
       der Kleingartenkolonie muss es eine Nachbarschaft bleiben. Man sieht sich
       am Zaun, beim Gießen, auf dem Weg zum Vereinslokal. Ausweichen ist möglich,
       aber nur begrenzt. Größere Konflikte gebe es hier aber nicht, sagt Julia
       Werner. Etwas lautstarke Diskrepanzen, die kämen mal vor, aber so was gebe
       es schließlich überall. „Dann wird vermittelt, das ist ja das A und O bei
       Streitigkeiten.“
       
       ## Reizthemen sind eher selten
       
       Wenn es nach ihr geht, macht ohnehin etwas anderes mehr Stress: die
       „megaviele Bürokratie“ vom Amt. Gemeint ist das Grünflächenamt mit seinen
       Vorgaben und Kontrollen. Das scheint tatsächlich das größere Reizthema zu
       sein – jedenfalls größer als irgendwelche Zwistigkeiten zwischen den
       Kolonisten. Auch eine spontane Befragung von zwei alten Damen, die in der
       Vereinsgaststätte Karten legen, landet bei dieser Thematik. Die beiden
       sitzen an einem Tisch und spielen Skip-Bo. Das laute Ploppen der Dartpfeile
       von den Dartspielern nebenan stört sie nicht.
       
       Frau Dörr, 78, hat ihren Kleingarten zusammen mit ihrem Mann gar nicht
       hier, sondern in der Kolonie „Ostelbien“ – noch so ein interessanter Name.
       Die liegt etwas um die Ecke. Zweimal in der Woche kommt Frau Dörr ins
       „Pascham“, das Vereinslokal von „Guter Wille“, auch zum Bingo. Ihre
       Mitspielerin Frau Reda, 77, ist Witwe und ebenso der Geselligkeit
       zugeneigt. Auch am Wochenende kommen beide her, um Hertha-Spiele zu
       schauen.
       
       Früher seien sie zu viert gewesen, erzählen sie. Eine Freundin sei
       gestorben, die andere kümmert sich um ihren kranken Mann. Also spielen sie
       ihre Skip-Bo-Partien nur noch zu zweit. Ob das mehr Spaß mache als
       Gartenarbeit? „Nee.“ Zwiebeln, Bohnen, Gurken, Tomaten damit hätte man auch
       gut zu tun.
       
       ## Wat soll’n dit?
       
       Frau Dörr zeigt sich jedoch genervt über die Vorschriften und Kontrollen
       des Bezirksamts. Ein Nachbar habe eine Solaranlage auf dem Dach, die
       bereits vom Vorbesitzer stamme. Nun solle er sie wieder abbauen. „Wir sind
       ja nun im 21. Jahrhundert. Wat soll’n dit?“
       
       Das „Pascham“ ist der soziale Mittelpunkt der Kolonie, logisch. Betrieben
       wird es seit 2020 von Hülya Wendt und ihrem Mann. Die türkischstämmige Frau
       hatte vorher bereits 5 Jahre als Servicekraft hier gearbeitet. Als der
       Vorgänger aufgab, übernahm sie das Lokal, das zuvor „Casino“ hieß. Davon
       wollte sich das Paar mit dem neuen Namen ein wenig abheben.
       
       Auch türkische Abende hat es schon gegeben, mit türkischer Musik und Essen.
       Am meisten brummt der Laden jedoch am „Schnitzeltag“, immer dienstags.
       Sonntags ist Frühschoppen. So versammelt sich im „Pascham“ einiges, was in
       der großen Stadt problemlos getrennte Wege gehen könnte. Nicht weil alle
       unbedingt zueinandergefunden hätten, sondern weil dies der Ort ist, den es
       gibt.
       
       Der Zulauf wird allerdings geringer. Der klassische Stammtisch ist schon
       ausgestorben. Auch hier macht sich also bemerkbar, was Julia Werner bei den
       Parzellen beobachtet: Der Wunsch nach Gemeinschaft scheint nachzulassen,
       der nach Rückzug zuzunehmen.
       
       ## Politikgespräche bleiben draußen
       
       Umso interessanter ist, nach welchen Regeln die verbliebene Gemeinschaft
       funktioniert. Politikgespräche werden aus dem Kneipenbetrieb
       herausgehalten. „Das sollte man auch besser, um größere Konflikte zu
       vermeiden“, sagt Herr Wendt, der seine Frau, die heute just einen
       Zahnarzttermin hat, vertritt. Wenn Alkohol fließt, könne es natürlich mal
       was geben, aber das kläre sich schnell. „Jeder kennt im Prinzip die
       Regeln.“ Ein bemerkenswertes Vorgehen an einem Ort, wo so unterschiedliche
       Menschen zusammenkommen – und fast schon ein bisschen schade, dass es ein
       Betriebsgeheinis der Wendts bleibt, wie sie das machen.
       
       Laut wird’s am ehesten beim Fußball, sagen sie. Wenn Hertha spielt, sitzt
       auch Can, einer der beiden Söhne des Wirtspaares, mit seinen Freunden im
       „Pascham“. Can hilft zudem regelmäßig im Lokal aus. Die Stammgäste sind
       zwar überwiegend älter, ihre Geschichten und Späße finden die jungen Männer
       trotzdem lustig. „Gemeinsam lachen, das ist halt das Schönste, der Kontakt
       mit den Menschen.“
       
       Vielleicht ist es dieser Kontakt, der der jüngeren Generation zunehmend
       fehlt. Nicht nur in der Kleingartenkolonie ziehen sich junge Leute stärker
       in ihre eigenen vier Wände und Parzellen zurück. „Die jüngeren Leute suchen
       vielleicht einen Kleingarten, aber nicht mehr so sehr die Gemeinschaft,
       eher einen persönlichen Rückzugsraum“, sagt Julia Werner.
       
       Aber auch die älteren Kolonisten brächten sich zunehmend weniger ein.
       Ehrenamtliche Helfer fürs Sommerfest zu finden, sei schwieriger geworden.
       Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung: dass rund 1.000
       Menschen mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen vom Kleingartenwesen
       trotzdem irgendwie zusammenpassen. Nicht immer ohne Streit, selten mit
       Begeisterung für die Vorschriften. Aber, immer wenn’s darauf ankommt, mit
       gutem Willen.
       
       25 Sep 2026
       
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