# taz.de -- Wie wird man zur deutschen Boxlegende?: Argwohn gegen das Rebellische
> Warum ist nur Max Schmelings Name bis heute der Goldstandard für
> deutschen Faustkampf? Es ist nicht einfach hierzulande, Anerkennung zu
> erhalten.
(IMG) Bild: Größte deutsche Boxikone: Max Schmeling (r.) hier bei einem Kampf 1938 gegen Steve Dudas
Wenn in Deutschland vom Boxen die Rede ist, dann braucht es keine zwei
Wortmeldungen, bis einer „Max Schmeling“ sagt. Ehrfurcht umweht diesen
Namen. Aber interessanterweise wurde der frühere Weltmeister nie
bedingungslos gefeiert und geliebt. An großen Namen mangelte es im
deutschen Profiboxen der 1920er und frühen 1930er Jahre nicht: Hans
Breitensträter, Gustav Eder, Paul Samson-Körner [1][oder Johann „Rukeli“
Trollmann.] Warum aber ist nur Max Schmelings Name bis heute der
Goldstandard für deutschen Faustkampf?
Vor 100 Jahren begann sein Aufstieg. 21 Jahre alt war er und wurde durch
Sieg über Max Diekmann Deutscher Meister im Halbschwergewicht. Das Berliner
Tagblatt sah in Schmeling einen „entschlossenen, wuchtigen Angreifer,
rücksichtslos in der Taktik“. Entschlossen war Schmeling unzweifelhaft,
vermutlich auch rücksichtslos. Aber er war niemand, den man Liebling der
Massen nennen könnte. [2][Der „blonde Hans“, wie Breitensträter gerufen
wurde,] war eines der ersten Sexsymbole der Weimarer Republik;
Samson-Körner war so faszinierend, dass Bertolt Brecht einen Roman über ihn
schreiben wollte; Trollmann galt als Idol proletarischer Fans, die sich vom
NS-System nicht einbinden ließen. Aber Schmeling blieb halt Schmeling.
Sogar als er 1927 erster deutscher Europameister wurde, änderte sich das
nicht. Etwas anderes kam Schmeling zupass: ein Kampf gegen Hein Domgörgen
aus Köln, der wie er selbst nicht als Publikumsheld galt, aber sehr wohl
einer der besten Boxer seiner Zeit war. Als amtierender Deutscher
Mittelgewichtsmeister forderte er Schmelings EM-Titel. Als „Hassduell“
wurde der Kampf in Leipzig inszeniert. Um die Dramatik herauszustreichen,
wurde vereinbart, dass der Sieger die gesamte Börse einstreicht und der
Verlierer leer ausgeht.
Diese Konstruktion funktionierte: Zwei hochklassige Boxer lieferten sich
einen exzellenten Kampf, den Schmeling gewann. Weil keiner von beiden auf
mitreißende Weise boxte und keiner als Idol galt, schon gar nicht beim
Leipziger Publikum, wurden die Sympathiepunkte neu sortiert.
Ein Jahr später, 1928, verteidigte Schmeling seinen EM-Titel gegen den
Italiener Michele Bonaglia, der als Günstling Mussolinis galt. Schmeling
erlebte etwas, was er nicht kannte: Er galt als Symbol der Demokratie, des
Antifaschismus. „Es lebe Paganini, nieder mit Mussolini“ skandierten Fans
im Berliner Sportpalast. Doch Schmeling als „Deutschlands Sportheros“, wie
es der Journalist Rolf Nürnberg damals formulierte, das hielt dann doch
nicht so lange.
Als Schmeling ins Schwergewicht wechselte und nach Amerika ging, war er
nicht mehr so populär. Weltmeister gegen Jack Sharkey wurde er 1930, weil
der Titel damals vakant war und Sharkey wegen Tiefschlags disqualifiziert
wurde. „Ick hau dir unter die Jürtellinie, dette Weltmeister wirst“,
lautete ein Berliner Witz, in dem nicht einmal Respekt durchschimmerte.
1932 verlor Schmeling den Rückkampf gegen Sharkey, 1933 unterlag er Max
Baer, und erst 1936, als er gegen das junge Boxgenie Joe Louis überraschend
gewann, konnte er Respekt erheischen.
Es bleibt ein interessantes Muster: Kämpfern, die von den Massen
leidenschaftlich geliebt werden, wird in Deutschland nie der große Bahnhof
gemacht. Es sind vielmehr Boxer wie Henry Maske, die Klitschko-Brüder und
allen voran Max Schmeling, die als die Helden gelten – unnahbar,
respektiert, aber auch irgendwie entrückt. Kämpfern wie Hans
Breitensträter, Johann „Rukeli“ Trollmann, Peter „de Aap“ Müller [3][oder
Graciano Rocchigiani,] die etwas Rebellisches und Subversives umgibt, wird
solch quasi offizielle Anerkennung nicht zuteil.
19 Aug 2026
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