# taz.de -- Studentische Langschläfer: Der Paketdienst als Weckdienst
       
       > Unser Sohn Mehmet schläft immer bis spätnachmittags, klagt meine Frau
       > Eminanim. Meine geniale Idee: Mit externer Hilfe lässt sich der Rhythmus
       > ändern.
       
 (IMG) Bild: Wenn der Paketbote mehrfach klingelt: der praktisch einzusetzende Weckdienst für unseren Sohn Mehmet
       
       „Osman, ich hab wirklich keinen Nerv mehr! Es macht überhaupt keinen Spaß,
       unseren Mehmet morgens, genauer gesagt, spätnachmittags wecken zu müssen“,
       klagt meine Frau Eminanim verzweifelt.
       
       „Er geht ja auch erst morgens ins Bett, wie soll er ein paar Stunden später
       wieder aufstehen? So ist nun mal das schwere Studentenleben“, lache ich.
       
       „Deswegen wirst du ihn ab jetzt wecken!“, ruft Eminanim energisch.
       
       „Denkst du, mir wird es großen Spaß machen, einen Halbtoten aufzuwecken?“
       
       In dem Moment klingelt es an der Tür.
       
       „Warte, Eminanim, mach die Tür nicht auf“, stoppe ich sie. „Ich habe eine
       glänzende Idee: Wir verstecken uns im Badezimmer. Wir lassen Mehmet vom
       Paketboten aufwecken.“
       
       Es klingelt erneut, und zwar sehr lang. Und noch mal.
       
       Nach einer Weile geht Mehmets Zimmertür auf und der ewige Student torkelt
       mit zerzausten Haaren schlaftrunken zur Wohnungstür und macht sie wie ein
       Roboter auf.
       
       „Guten Tag, würden Sie bitte dieses Paket annehmen?“, fragt der Paketbote
       höflich.
       
       „Sie haben ein Paket für mich?“, nuschelt Mehmet.
       
       „Nein, [1][das ist für Ihren Nachbarn oben.“]
       
       „Für unseren Nachbarn? Wieso geben Sie’s dann mir?“, fragt Mehmet
       irritiert.
       
       „Weil ich das immer so mache“, lächelt der Paketbote.
       
       „Sie geben die Pakete unserer Nachbarn immer bei uns ab? Wollen Sie mich
       verarschen?“, wird Mehmet patzig.
       
       „Wenn die Nachbarn nicht zu Hause sind, nimmt Ihre Frau Mutter sie
       netterweise immer gerne an.“
       
       „Die Nachbarn?“
       
       „Nein, die Pakete!“
       
       „Das ist ja echt heftig! Wenn man nicht zu Hause ist, bekommt also der
       Nachbar mein Paket?“, kratzt Mehmet sich ungläubig am Kopf.
       
       „Darf ich es nun hierlassen?“
       
       „Wenn Sie mir sagen, was da drin ist, dann vielleicht.“
       
       „Wir dürfen die Pakete doch nicht öffnen!“
       
       „Aber was ist, wenn jemand mir eine Bombe geschickt hat, weil der
       Attentäter ja genau weiß, dass Sie die Pakete der gesamten Nachbarschaft
       immer bei uns abliefern?“
       
       „Wissen Sie was, ich nehme das Paket wieder mit“, zischt der Mann und
       knallt die Tür zu.
       
       Mehmet schleppt sich in die Küche, um Kaffee zu kochen. Im Badezimmer
       strahlt Eminanim regelrecht: „Das war eine tolle Idee, Osman! Heute brauche
       ich weder Mehmet zu wecken noch den Nachbarn die Pakete hinterherzutragen“,
       flüstert sie anerkennend.
       
       „Wenn wir das eine Woche konsequent durchziehen, wird Mehmet sich an die
       neuen Verhältnisse gewöhnen. Er wird [2][früher ins Bett gehen,] weil er ja
       früher aufstehen muss. Aber wir dürfen nichts dem Zufall überlassen“, sage
       ich, schüre schnell ein Paket zusammen, laufe zur Post und gebe es ab.
       
       Am nächsten Tag reißt Mehmet das Paket völlig benommen auf und wird
       schlagartig wach, als er sieht, dass jemand ihm seine alten, stinkenden
       Socken als Expresspaket geschickt hat.
       
       „Sind die Socken für unseren Nachbarn von oben bestimmt?“, fragt er den
       Paketboten verwirrt.
       
       „Nein, diesmal dürfen Sie das Paket behalten. Aber eine Bombe wäre Ihnen
       sicherlich lieber, so wie die Socken stinken, nicht wahr“, lacht der
       Paketbote.
       
       Nach einer Woche gönne ich dem armen Kerl eine Pause und bestelle
       stattdessen den Klempner.
       
       Am nächsten Tag den Pizzadienst. Danach die Feuerwehr. Und als i-Tüpfelchen
       für Sonntag [3][die Zeugen Jehovas.] Auf diesen Weckdienst freue ich mich
       am meisten.
       
       23 Aug 2026
       
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