# taz.de -- Die Wahrheit: Vertikales Trinken
> Im Ausgehherzen Londons tobt ein bizarrer Streit zwischen den Behörden,
> wie es mit dem Stehen am geliebten Pub-Tresen weitergeht. Ausgang? Noch
> offen.
Es ist seit Jahrhunderten englische Tradition, dass die Trinker im Pub am
Tresen stehen und versuchen, die Aufmerksamkeit des Wirts zu erhaschen, um
ein warmes Bier zu bestellen. Das soll anders werden. Der Gemeinderat von
Westminster, der für Soho und das Londoner West End – die belebtesten
Ausgehviertel Europas – zuständig ist, hat empfohlen, bei neuen
Lizenzanträgen das „vertikale Trinken“ und das Bestellen an der Theke zu
verbieten.
Stattdessen sollen die Kneipiers genügend Sitzgelegenheiten bereitstellen
und „übermäßigen Alkoholkonsum eindämmen“. Die Durstigen müssen dann am
Tisch ausharren und auf den Kellner oder die Kellnerin warten, mit
gedämpfter Stimme ihr Getränk bestellen und auf eine zügige Bedienung
hoffen. Das ist, als würde man zurück in die Corona-Zeiten versetzt.
Möglicherweise müssen Eintrittskarten verkauft oder vorab Tische wie im
Restaurant reserviert werden.
Dabei sei der britische Pub doch ein warmer und gemütlicher Ort nach einem
Spaziergang auf dem Land, wo schlammige Stiefel, regennasse Mäntel und
Hunde am Kamin Teil der Atmosphäre seien, behauptet das Fremdenverkehrsamt:
„Englische Wirtshäuser bieten Besuchern die Möglichkeit, Einheimische
kennenzulernen und einen wesentlichen Teil der britischen Kultur zu
erleben.“
Damit wäre es beim Sitzzwang vorbei. Ein Anwalt für Schanklizenzrecht
namens Philip Kolvin erklärte dazu jüngst: „Das vertikale Trinken ist auch
geselliges Trinken, das es den Menschen ermöglicht, sich nach Belieben zu
vermischen und Kontakte zu knüpfen, anstatt auf ihre vorgegebenen Gruppen
beschränkt zu bleiben.“ Vermutlich werden die Engländer aber dennoch
mitspielen, schließlich gelten sie als emotionslose und selbstbeherrschte
Stoiker. Sie seien der festen Überzeugung, dass eine Tasse Tee die einzig
angemessene Reaktion auf eine Krise sei, meint etwa BBC-Korrespondent
Olivier Guiberteau. Widrigkeiten mit hocherhobenem Kopf zu begegnen, sei
für die Briten ein berauschendes Bild.
## Mentalität wie am Dorfplatz
Noch ist das letzte Wort aber nicht gesprochen. Und ein Regierungssprecher
findet: „Belebte Pubs voller Menschen, die miteinander reden, sind keine
öffentliche Belästigung, sondern englisches Leben.“ Die Regierung will dem
Londoner Bürgermeister die Befugnis für Schanklizenzen übertragen, die ihn
bevollmächtigt, Entscheidungen des Gemeinderats über den Haufen zu werfen.
Sadiq Khan, der Bürgermeister, ist einverstanden: „Man kann ein
weltberühmtes Ausgehviertel nicht mit der Mentalität eines
Dorfgemeinschaftshauses führen.“
Paul Swaddle, der Tory-Vorsitzende des Westminster-Gemeinderats, erwidert:
„Wir brauchen keine Belehrungen darüber, wie man das Gastgewerbe
unterstützt, wenn Sie die Polizei angewiesen haben, jeden neuen
Lizenzantrag abzulehnen – als Ihre Lösung zur Eindämmung der Kriminalität
im West End.“ Vielleicht sollten Swaddle und Khan ein Bier trinken gehen –
im Stehen.
17 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Ralf Sotscheck
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