# taz.de -- Die Wahrheit: Sünder mit Persilschein
> Eine besondere Form des katholischen Ablasshandels kann auf der irischen
> Insel auch alkoholbedingt tragische Folgen nach sich ziehen.
Zu spät, liebe Leserinnen und Leser: Sie haben den Portiuncula-Ablass knapp
verpasst. Den kann man nämlich nur erlangen, indem man zwischen dem 1.
August mittags und dem 2. August um Mitternacht eine Franziskanerkirche
besucht. Mit dem Kirchgang ist es freilich nicht getan. Um die Sünden zu
tilgen, muss man außerdem die Kommunion empfangen, in den acht Tagen vor
oder nach dem 2. August beichten, für den Papst beten und die Bereitschaft
zur Loslösung aller Sünden mitbringen.
Der Begriff ist eine Verballhornung des italienischen Porziuncola, was
„kleine Portion“ bedeutet. Der Ablass wurde ursprünglich 1216 von Franz von
Assisi erbeten, nachdem er in der Kapelle Portziuncola bei Assisi, die er
gerade restauriert hatte, eine Vision von Jesus und Maria und ein paar
Engeln hatte. Papst Honorius III. gewährte die Bitte, und nachfolgende
Päpste weiteten das Privileg auf Franziskanerkirchen weltweit aus, damit
die Sünder nicht nach Italien reisen mussten.
Das 700. Jubiläumsjahr der Erscheinung fiel in Irland mit dem Osteraufstand
zusammen, der den Unabhängigkeitskrieg gegen die englischen Besatzer
einläutete, und Papst Benedikt XV. beschloss einen Sonderbonus für Irlands
Sünder: Der Ablass galt vom 1. August 1916 bis zum 2. August 1917 – ein
Persilschein für ein Jahr. Die Iren machten sich auf die Reise.
Der Kult war in Irland bis Mitte des vorigen Jahrhunderts so populär, dass
Sonderbusse zu den Mitternachtsmessen in vielen Orten eingesetzt werden
mussten, wobei der Multyfarnham Friary in der Grafschaft Westmeath
traditionell ein besonderer Status zukommt.
## Müdigkeit nach Messe
Der Grund dafür ist ein tragisches Ereignis in den frühen Morgenstunden des
2. August 1944. Zwei junge Männer, der 19-jährige Thomas Carroll und der
20-jährige Daniel Tighe, waren sechs Meilen nach Multyfarnham zur
Mitternachtsmesse gelaufen. Dann machten sie sich wieder auf den Heimweg,
bis sie sich, von Müdigkeit überwältigt, auf ein Bahngleis setzten und
einschliefen.
Sie schliefen noch, wie bei einer gerichtlichen Untersuchung festgestellt
wurde, als entweder der Zug um 6.15 Uhr oder der um 7.20 Uhr vorbeifuhr.
Carroll hatte Glück. Er war auf der Stelle tot. Der arme Tighe lebte noch
lange genug, um seinem Vater zu erklären, dass er sich nicht daran erinnern
könne, was geschehen war.
Wenn man in Irland von solchen Fällen hört, liegt der Verdacht nahe, dass
Alkohol im Spiel war. Schon 1925 hatte sich der Bischof von Derry äußerst
besorgt über unheilige Praktiken im Zusammenhang mit dem Portiuncula-Ablass
geäußert. In einigen Fällen handle es sich um nichts weiter als
„schändliche Zechgelage, bei denen die schlimmsten Leidenschaften der
menschlichen Natur durch den Gebrauch der giftigen Droge entflammt werden“,
wetterte er. Aber wenigstens waren Carroll und Tighe bereits alle Sünden
erlassen worden. Glück im Unglück.
3 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Ralf Sotscheck
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