# taz.de -- Anime „Chihiros Reise ins Zauberland“: Groß werden mit Göttern
> „Chihiros Reise ins Zauberland“ hat die Filmwelt auf den Kopf gestellt
> und Animes endgültig nach Deutschland gebracht. Jetzt kommt das
> Meisterwerk zurück ins Kino.
(IMG) Bild: Das Mädchen Chihiro macht in „Chihiros Reise ins Zauberland“ die Bekanntschaft mit so manchen Göttern
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich Chihiro zum allerersten Mal
erblickte. Es muss Mitte der 2000er gewesen sein. Ich hockte als Kind
abends bei Familienfreunden im Fernsehzimmer, während die VHS-Kassette über
den Röhrenfernseher flimmerte.
Unsere Heldin stieg gerade in den Heizkeller des fantastischen Badehauses
hinab, in dem sich große Teile des Films abspielen. Dort trifft sie auf den
vielarmigen Heizer Kamaji und seine Arbeiterkolonne an unzähligen winzigen
und wuseligen Rußmännchen. Chihiro nimmt den kohlrabenschwarzen Wesen ein
wenig ihrer Arbeit ab und sie entscheiden sich kurzerhand dazu, gegen ihren
Chef aufzubegehren. Was mir heute wie der süßeste Generalstreik aller
Zeiten vorkommt, hat damals vor allem eins in mir ausgelöst: pure
Faszination.
So richtig begreifen konnte ich damals nicht, was dort vor meinen Augen
Wundersames passierte. Die unzähligen kulturellen Anspielungen und Verweise
auf die japanische Mythen- und Sagenwelt waren mir völlig neu und einige
der Monster gruselten mich. Und doch war ich sofort eingesogen von der Welt
des Anime.
## Siegeszug der japanischen Animation
Seitdem hat sich viel getan. „Chihiros Reise ins Zauberland“ von [1][Hayao
Miyazaki] wurde mit jedem nur erdenklichen Preis überhäuft, allen voran dem
Goldenen Bären und dem Oscar als bester Animationsfilm. Er gilt als einer
der größten Animationsfilme der Geschichte – und ehrlich gesagt verdient er
jede dieser Lobpreisungen. Denn er eröffnete einer ganzen Generation eine
völlig neue Filmerfahrung, von der sie auch 25 Jahre später noch zehrt.
Mindestens ein halbes Dutzend Mal habe ich mittlerweile miterlebt, wie
Chihiro ins Reich der Götter und Geister eindringt und dabei versucht, ihre
in Schweine verwandelten Eltern zu retten. Und jedes Mal, wenn ich ihn
wieder schaue, hält der Film etwas Neues für mich parat.
Als Kind war es das fantastische Abenteuer, das mich fesselte. Als
Jugendlicher konnte ich mich allmählich für die Liebesgeschichte zwischen
Chihiro und Haku, einem Flussgott in Jungengestalt, erwärmen. Und auch als
Erwachsener bietet sich stets eine etwas andere Lesart.
Da gibt es etwa die Freundschaft und die Unterstützung zwischen den
Badehausmitarbeitenden und Chihiro, die sich nach und nach auf die ganze
Belegschaft unterhalb der despotischen Hausherrin und Hexe Yubaba
(wunderbar schräg von Nina Hagen synchronisiert) ausbreitet. Hinzu kommen
die konsum- und materialismuskritischen Anstriche, als der Goldrausch im
Onsen ausbricht und die Gier ihre Opfer buchstäblich verschlingt. Nur
Chihiro mit ihrem reinen Herzen kann bestehen und so letztlich auch ihre
Eltern heil aus der Geisterwelt zurückbringen.
Verpackt ist all das in eine farbenfrohe und grandios animierte
Zeichentrickstory, die immer noch inspiriert. Schon die Eröffnungssequenz
ist Bildsprache in Perfektion: Während die Eltern in ihrem Audi ratlos
durch die japanischen Wälder brettern, schmollt Chihiro zwischen
Umzugskartons auf dem Rücksitz und klammert sich an den Blumenstrauß, den
sie zum Abschied von ihrer Freundin bekam. Im Hintergrund setzt der
großartige Orchestersoundtrack von Joe Hisaishi ein, der mir jedes Mal die
Gänsehaut hochtreibt.
## Jede Träne wert
Das nächste Mal, als wir die gleiche Melodie hören, heißt Chihiro nicht
mehr Chihiro, sondern Sen. Ihren echten Namen und damit ihre Freiheit
raubte ihr Yubaba. Während Haku versucht, ihr Mut zu machen, kullern Sens
Tränen nur so über ihre Wangen. Sie ist noch lange nicht am Ende ihrer
Reise – aber sie beißt sich durch.
Es ist kein Zufall, dass gerade „Sen und Chihiros magisches Verschwinden“,
wie sich der Originaltitel ins Deutsche übersetzen lässt, als
[2][Miyazakis] womöglich größter Meilenstein gilt. Denn der Film vereint
viele seiner besten Elemente: eine starke Protagonistin, eine liebevolle
Story und ganz viel Magie in den großen und kleinen Dingen des Lebens. Die
grandiosen Details und deren herzerwärmende Umsetzung sind schier endlos.
Für mich ist Chihiros Reise die vielleicht schönste
Coming-of-Age-Geschichte der Filmwelt. [3][Anime ist heute aus der
deutschen Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken]. Einen Anteil daran hat
nicht zuletzt auch dieses zehnjährige Mädchen, das ihren Trotz ablegt und
über sich hinauswächst. Mit ihr großgeworden zu sein, ist ein Privileg. Und
deshalb kommen auch mir jedes Mal die Tränen, wenn sie weint, kämpft und
mit ganzem Herzen liebt.
16 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Alexander Kloß
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