# taz.de -- Leichtathletikdisziplin Gehen: Einer geht noch
       
       > Christopher Linkes Leidenschaft gilt seit über 20 Jahren dem Gehen. Bei
       > der Leichtathletik-EM am Samstag hat er ein klares Ziel: eine Medaille.
       
 (IMG) Bild: Christopher Linke bei den diesjährigen deutschen Meisterschaften im Straßengehen
       
       Abdruck, Schwung, Stand, Abdruck, Schwung, Stand, Abdruck, Schwung, Stand:
       Die drei Phasen im Bewegungsablauf des Gehers haben das Leben von
       Christopher Linke in den letzten zwanzig und mehr Jahren maßgeblich
       geprägt. Manchmal kann er sie auf der Straße so perfekt synchronisieren,
       „dass ich denke, ich könnte noch stundenlang weitermachen“. Völlig im
       Tunnel, also bei sich zu sein, ist schließlich „das Beste, aber auch das
       Schwerste“. Denn auf dem langen Weg ins Ziel kommen die Gedanken und
       Zweifel früher oder später von allein. Darum erlebt einer wie er die
       federleichte Stille im Kopf „bei hundert Wettkämpfen vielleicht fünf Mal“.
       
       Ist diese kostbare Erfahrung vielleicht der Grund, warum der 37-jährige
       Athlet aus Werder bei Potsdam weiter antritt – so wie diesen Samstag, bei
       der Leichtathletik-EM in Birmingham? Er selbst sagt, das käme allenfalls
       obendrauf. In erster Linie will der 1,90 Meter große Schlaks, der kaum 70
       Kilo wiegt, sich einfach noch ein paar Träume erfüllen. Das heißt: die
       Bilanz von bisher fünf Platzierungen unter den Top 8 bei großen
       internationalen Wettbewerben ausbauen. Dass er immer noch das Zeug dazu
       hat, bestätigen auch Experten. Sie haben Linke in einer EM-Vorschau der
       Veranstalter zu den „Five to Watch“ über die neue Marathonstrecke gezählt.
       
       Andere wären wohl längst zufrieden mit der Silbermedaille von der EM 2022
       in München (über 35 Kilometer), dem Europacup-Gold 2017 (20 Kilometer)
       sowie 21 nationalen Titeln – eingesammelt zwischen 2008 und letztem April.
       Doch Linke hat sich letzten November auf eine neue Perspektive bis zu den
       Sommerspielen ’28 festgelegt. Dafür hat er seinen Heimatverein USC Potsdam
       zugunsten von Eintracht Frankfurt verlassen, wo er nun finanziell halbwegs
       abgesichert ist.
       
       Dass ihm der ganz große Wurf bisher nicht gelungen ist, wie er vor drei
       Jahren fand, gilt ja weiterhin. Zumal er bei den Olympischen Spielen 2024
       in Paris (19. über 20 Kilometer) und an der WM 2025 in Tokio (14. über 35
       Kilometer) deutlich hinter seinen Ansprüchen zurückgeblieben ist.
       
       ## Dreimal so schnell wie jeder Durchschnittswanderer
       
       „Ich mache das nicht, weil es mir Spaß macht, sondern weil ich darin
       erfolgreich bin“, sagt der selbst diagnostizierte Wettkampftyp. „Würde ich
       die hundert Meter in neun Sekunden laufen, wäre ich jetzt kaum Geher.“
       
       In seiner traditionsreichen Disziplin, die 1932 olympisch wurde (Frauen:
       1992), ist Linke immerhin mit gut 15 Kilometer in der Stunde unterwegs –
       etwa dreimal so schnell wie ein Durchschnittswanderer. Er hält die
       nationalen Rekorde über 20 bis 35 Kilometer und darf sagen, dass er da
       „schneller als jeder Deutsche vor mir“ gewesen ist.
       
       Außerdem hat mit dem Berliner Johannes Köpp (startet im Halb-Marathon) ein
       weiterer Hoffnungsträger in seinem Schlepptau zur internationalen Elite
       aufgeschlossen. Mit ihm, vier weiteren nominierten Athlet*innen und
       Bundestrainer Alexander Fromm hat sich Linke in St. Moritz viereinhalb
       Wochen auf die EM vorbereitet. Von dort ging es direkt nach Birmingham.
       
       Das intensive Pensum auf 1.820 Meter Höhe ist ihm nicht leichtgefallen,
       erklärt er am Telefon, „ich brauche jetzt deutlich länger, um zu
       regenerieren. Dafür setze ich die Schwerpunkte gezielter. Aber wie gut man
       wirklich ist, merkt man sowieso erst im Flachen.“ Bei der Frage nach dem
       persönlichen Ziel bei der EM will er allerdings nicht lange fackeln: „Ich
       fahre dahin, um eine Medaille zu gewinnen.“
       
       ## Wettbewerbsformate ändern sich öfter mal
       
       Die Veranstalter versprechen „eine aufregende Erfahrung für Athleten und
       Fans“, sobald die Geher und Geherinnen sich am Samstagmorgen um sieben Uhr
       dreißig Ortszeit auf der Colmore Row in Bewegung setzen. Sie werden den
       Ein-Kilometer-Loop nahe der Town Hall so oft absolvieren, dass die
       Zuschauer:innen hinter den Sperrgittern ihre skurril anmutende Motorik
       wie auch schweißglänzende Gesichter immer wieder unmittelbar erleben.
       
       Das klingt verlockend. Nur werden die beiden neu festgelegten Distanzen für
       Männer und Frauen, also Halb-Marathon und Marathon, simultan ausgetragen.
       Weshalb Linke sich auf „ein mittleres Chaos“ einstellen will.
       
       Zum einen dürften sich die vier Startfelder mit rund 130 Aktiven gleich so
       vermischen, dass jeder Überblick verloren geht. Zum anderen wird die Arbeit
       der Streckenposten dadurch noch schwerer gemacht. Sie sollen auf
       kontinuierliche Bodenhaftung sowie das durchgedrückte Knie im aufsetzenden
       Bein achten – und etwaige Verstöße mit Gelben oder Roten Karten
       sanktionieren. „Vielleicht werden aber auch alle durchgewunken, bis der
       Halb-Marathon zu Ende ist“, meint Linke etwas sarkastisch.
       
       Geht es also tatsächlich um eine effektvolle Präsentation, oder soll die
       ausgemachte Nischendisziplin bloß in einem Aufwasch über die EM-Bühne
       gehen? Auffallend ist, dass an ihren Wettbewerbsformaten seit Jahren
       herumgedoktert wird. So wurde die klassische 50-Kilometer-Distanz 2022 vom
       Verband World Athletics (WA) auf 35 verkürzt sowie zum Jahreswechsel wieder
       auf Marathonlänge gestreckt. Gleichzeitig wurden die 20 Kilometer minimal
       zum Halb-Marathon verlängert. Das ist für WA-Präsident Sebastian Coe ein
       smarter Schritt, damit Zuschauer die Zeiten nun mit denen der [1][besten
       Läufer] abgleichen können. Schließlich werde „oft übersehen, wie talentiert
       und schnell unsere Geher gehen“.
       
       ## Am Ende entscheidet sich alles im Kopf
       
       Für manche Aktive fühlen sich die Manöver dennoch nach Willkür an. „Wir
       werden vor vollendete Tatsachen gestellt“, klagt Linke, „nach dem Motto:
       Seid froh, dass ihr überhaupt mitmachen dürft. Und das liegt daran, dass
       man mit dieser Disziplin überhaupt kein Geld verdient.“
       
       Nicht dabei zu sein, ist jedoch keine echte Option. Denn zur Wahrheit
       gehört auch, dass die besten Geher*innen des Kontinents bei der EM
       kurzfristig im großen Fenster stehen – während ihre Performance in der
       Premiumserie der World Athletics Race Walking Tour nur im Inner Circle
       beachtet wird. Also geht Linke weiter, Abdruck, Schwung, Stand, Abdruck,
       Schwung, Stand – immer auf der Suche nach dem klaren Kopf. Dort entscheide
       sich „viel mehr als man denkt, ansonsten sind wir eigentlich alle gleich
       schnell“.
       
       14 Aug 2026
       
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