# taz.de -- 35 Jahre Städtepartnerschaft: Warschau auf der Überholspur
       
       > Die erste Partnerschaft besiegelte das vereinte Berlin 1991 mit Warschau.
       > Inzwischen muss sich die Stadt fragen lassen, warum sie nicht von
       > Warschau lernt.
       
 (IMG) Bild: Flanieren statt Autofahren: die umgestaltete ulica Złota in der Warschauer Innenstadt
       
       Warschau feiert gerade eine Straße. Vor wenigen Tagen wurde die [1][neu
       gestaltete ulica Złota] im Zentrum der polnischen Hauptstadt den
       Bewohnerinnen und Bewohnern übergeben. Sie ist ein Traum in Grün mit dem
       Kulturpalast als krönendem Abschluss. Grüne Inseln zum Picknicken.
       Wasserduschen zur Abkühlung. Die Straßenränder nicht für Autos, sondern zum
       Flanieren.
       
       Augenblicklich ploppt da die Frage auf: Wäre eine solche radikale
       Umgestaltung in Berlin auch möglich gewesen? In der Friedrichstraße gab es
       zumindest einmal den Versuch. Vergleicht man ihn mit der ulica Złota, sieht
       man sofort, wie halbherzig er gewesen ist. Und gescheitert obendrein. Durch
       die Friedrichstraße ließ der CDU-geführte Senat von Kai Wegner nach der
       Wiederholungswahl schnell wieder Autos rollen.
       
       Von der ulica Złota war am Mittwochabend keine Rede, doch der Vergleich
       zwischen beiden Städten war allgegenwärtig beim Auftakt der Feierlichkeiten
       anlässlich des 35. Jahrestags der Städtepartnerschaft Berlin–Warschau. Bei
       einem Empfang auf dem Dach des [2][Polnischen Instituts] erinnerte Kai
       Wegner zu Recht daran, dass die Partnerschaft mit der Stadt an der Weichsel
       die erste war, die das vereinigte Berlin 1991 besiegelt hat. „Berlin und
       Warschau“, sagte Wegner, „verbindet Dynamik und Vielfalt.“
       
       Dynamik ist derzeit aber vor allem in Warschau zu beobachten. Zum Beispiel
       am [3][Boulevard an der Weichsel]. In einem städtebaulichen Kraftakt hat
       Warschau die Uferstraße in einen Tunnel versenkt und Platz geschaffen für
       eine der aufregendsten Flusspromenaden Europas. Im Sommer scheint ganz
       Warschau seinen Fluss feiern zu wollen.
       
       Auch die Touristen strömen inzwischen zur Weichsel. [4][Auf der neuen
       Brücke für Fußgänger und Radfahrer] gelangen sie nicht nur bequem ins
       aufstrebende Praga am rechten Weichselufer mit seinen lange Zeit
       bröckelnden Fassaden an Fabriken und Mietskasernen. Von der Brücke aus hat
       man auch einen guten Blick auf die Warschauer Skyline. Spätestens in diesem
       Moment verbietet sich jeder Vergleich mit Berlin.
       
       ## Eine Frage des Blicks
       
       Polens Botschafter Jan Tombiński hat die Dynamik, mit der Warschau Berlin
       in weiten Teilen überholt hat, am Mittwochabend diplomatisch formuliert.
       „Als Sie in Warschau waren“, sagte Tombiński zu Kai Wegner, „haben Sie
       gesehen, wie sich die Stadt verändert hat.“ Polen gebe heute auch
       Deutschland Wachstumsimpulse. „Man muss in Deutschland nicht immer nur nach
       Westen oder die Alpen schauen.“
       
       Nach Osten schauen, fordert Tombiński Berlin also auf. Das heißt auch,
       darüber nachzudenken, was die Stadt von Warschau lernen könnte. Aber will
       Berlin das überhaupt?
       
       Kai Wegner jedenfalls will. Neidlos erkennt er an, dass die Warschauer
       Verwaltung inzwischen durchgehend digitalisiert ist. Im [5][Interview mit
       der RBB-„Abendschau“] verweist er auf die Verwaltungsreform, die der
       schwarz-rote Senat begonnen habe. „Aber da ist noch viel Luft nach oben“,
       sagt Wegner. Bei den Genehmigungsverfahren etwa sei Warschau viel schneller
       als Berlin.
       
       Etwas schwerer mit der neuen Realität tat sich im vergangenen Herbst
       Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD). Sie war mit einer
       Wirtschaftsdelegation nach Warschau gereist und musste sich auf einer
       Podiumsdiskussion die Frage gefallen lassen, warum Berlin an vielen Stellen
       dysfunktional geworden sei.
       
       Plötzlich fand sich Giffey also auf der Anklagebank – [6][und schaltete um
       in den Gegenangriff]. Den 3.000 Start-ups in ganz Polen könnte allein
       Berlin 5.000 entgegenstellen. Es gebe Rekordzahlen bei den Übernachtungen
       und auch einen deutlich höheren Frauenanteil unter Berliner Gründerinnen
       als in Warschau. Giffeys „Pitch für Berlin“ ging viral.
       
       Ähnliches hat Kai Wegner am Mittwoch gar nicht erst versucht. Hat vielmehr
       den Running Gag bemüht und sich gewünscht, dass endlich die Bahnverbindung
       zwischen beiden Städten funktioniert. „Auf der Ostbahn“, ergänzte Berlins
       Regierender Bürgermeister, „herrscht gerade eher Busverkehr als
       Schienenverkehr.“
       
       Da fragt man sich schon, ob Wegner jemals mit dem Zug nach Warschau fuhr.
       Die Ostbahn jedenfalls fährt nicht von Berlin über Frankfurt (Oder) in die
       polnische Hauptstadt. Sie führt über Strausberg und Müncheberg ins
       polnische Kostrzyn.
       
       ## Mehr Mut statt Mutlosigkeit
       
       Natürlich kennt auch Peter Oliver Loew die Bilder von der neuen ulica
       Złota. „Was Berlin von Warschau lernen kann“, sagt der Direktor des
       [7][Deutschen Polen-Instituts] der taz, „ist mehr Mut im städtischen Raum.“
       Zuvor hat Loew beim Auftakt der Feierlichkeiten betont, dass Verträge wie
       der Partnerschaftsvertrag vom 12. August 1991 nur Papier seien. „Wichtig
       ist, dass sie mit Leben gefüllt werden.“
       
       Zum 35. Partnerschaftsjubiläum hat das mit dem Leben füllen Loews Institut
       übernommen. Zu Beginn des Jubiläumsprogramms gastierte am Mittwoch der
       Pianist Cédric Pescia mit einem Programm von Chopin und Bach. Bis Dezember
       wird es zahlreiche Veranstaltungen geben. Und ab 24. September wird ein
       Kulturzug mit Lesungen zwischen beiden Städten verkehren – falls bis dahin
       die Sperrung der Strecke auf deutscher Seite und der Schienenersatzverkehr
       beendet sein sollten.
       
       „Näher als du denkst“, lautet das Motto des Jubiläumsprogramms. Das ist
       wohl eher eine Aufforderung an die Berlinerinnen und Berliner, mal die
       Partnerstadt zu besuchen. Die Warschauer dagegen kennen Berlin ganz gut.
       Manche vielleicht zu gut.
       
       Zum [8][Aufreger in den polnischen Medien] wurde vor zwei Jahren die
       Rückkehr des Schriftstellers Jacek Dehnel aus Berlin nach Warschau.
       Deutschland, sagte er damals, pfeife aus dem letzten Loch. Rechte Medien
       haben das auch gleich zum Anlass für ihr Berlinbashing genommen.
       
       Im selben Jahr, in dem Dehnel zurückkehrte, war die Zahl derer, die von
       Deutschland nach Polen auswanderten, erstmals größer als umgekehrt. Auch
       Warschaus Erfolg ist anziehend. Berlin scheint dagegen ins Hintertreffen zu
       geraten. Immer öfter mehren sich in sozialen Medien Beiträge von Polinnen
       und Polen, die in Berlin leben: zu dreckig, zu unsicher. Keine
       rechtskonservativen Stimmen sind das, sondern liberale.
       
       In Warschau selbst feiert man lieber den neuen Straßentraum in Grün, den
       Weichsel-Boulevard und die neue Brücke, als im Jubiläumsjahr allzu
       auffällig nach Berlin zu schauen. „Die Deutschen haben ihren Sonderstatus
       verloren“, sagt dazu Bartosz Wieliński. „Sie sind nicht mehr der gute Onkel
       oder die gute Tante.“ Der stellvertretende Chefredakteur der liberalen
       [9][polnischen Tageszeitung Gazeta Wyborcza] hat einst in der taz
       hospitiert, arbeitete einige Jahre als Korrespondent in Berlin und ist dann
       nach Warschau gegangen. „In Polen schaut man heute eher nach Schweden oder
       Norwegen als nach Deutschland“, sagt er.
       
       ## Neue Phase der Partnerschaft
       
       Es ist wohl wieder sehr diplomatisch, wenn Polens Botschafter Jan Tombiński
       von Warschau und Berlin am Mittwochabend im Beisein von Kai Wegner als
       einer Partnerschaft „auf Augenhöhe“ spricht.
       
       Viel eher tritt im 35. Jahr ihres Bestehens die Partnerschaft in eine neue
       Phase des Ungleichgewichts. Giffeys Verteidigungsrede mag ein erster
       Hinweis darauf sein, wie es sich anfühlt, wenn die gute Tante ihre
       Autorität verloren hat und die Nichte plötzlich aufmüpfig wird.
       
       Womöglich macht Warschaus Erfolg Berlin gerade sogar etwas Angst. Nicht
       wegen des Muts im städtischen Raum, der dem mutlosen Berlin den Spiegel
       vorhält. Auch nicht wegen des Muts am Fluss, wo Warschau das rechte
       Weichselufer in Praga weitgehend naturnah belässt.
       
       Angst macht eher die Mentalität, die einer solchen Dynamik zugrunde liegt.
       Warschau sei eine liberale und keine linke Stadt, [10][schrieb dieser Tage
       der Tagesspiegel]. Das soll vielleicht auch heißen, dass Warschau New York
       inzwischen ähnlicher geworden ist als Berlin. Nicht nur wegen der Skyline,
       sondern auch wegen des täglichen Überlebenskampfes, der zu einer Boomtown
       gehört.
       
       Soll Berlin mehr Warschau werden? Schneller? Höher hinaus? Noch stressiger?
       Noch höhere Mieten und Lebenshaltungskosten?
       
       In Berlin wird über Vergesellschaftung von privaten Wohnungsunternehmen
       diskutiert.
       
       Warschau feiert eine Straße.
       
       13 Aug 2026
       
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