# taz.de -- Aktivistin über 17 Jahre Gängeviertel: „Es war nie das Ziel, ein Ziel zu erreichen“
       
       > Das Hamburger Gängeviertel hat sich als Freiraum für Kultur, alternatives
       > Wohnen und Stadtgeschichte etabliert. Nun feiert es sein 17-jähriges
       > Bestehen.
       
 (IMG) Bild: Hier soll als nächstes saniert werden: Schierspassage im Hamburger Gängeviertel
       
       taz: Frau Ebeling, als im [1][August 2009 rund 200 Kreative das Hamburger
       Gängeviertel besetzten], um daraus ein selbst verwaltetes Quartier mit
       Ateliers, Wohnungen und Veranstaltungszentrum zu machen, haben viele
       geglaubt: das wird nichts. Nun feiert das Gängeviertel seinen 17.
       Geburtstag. Wie hat sich das Projekt entwickelt?
       
       Christine Ebeling: Fantastisch. Wir werden überlaufen von Anfragen für die
       Fabrique, so nennen wir das Herz des Viertels, unser soziokulturelles
       Zentrum. Wir könnten locker noch eine weitere Fabrique bespielen.
       
       taz: Wer fragt an? 
       
       Ebeling: Künstler*innen, die ausstellen und Musiker*innen, die auftreten
       wollen. Für unseren Seminarraum gibt es zwar viel Bedarf, aber nicht mehr
       so viel Nachfrage – wir merken, dass mittlerweile Förderung zum Beispiel
       für Bildungsangebote in anderen Bundesländern, vor allem Berlin, gestrichen
       wurde. Und leider ist der Raum nach zehn Jahren intensiver Nutzung sehr
       renovierungsbedürftig. Auch die anderen Räume sind sehr gefragt, aber auch
       hier muss sehr bald an vielen Stellen Hand angelegt werden.
       
       taz: Hat sich das Konzept verändert in den letzten 17 Jahren?
       
       Ebeling: Es gibt immer noch regelmäßige Vollversammlungen, mittlerweile
       nicht mehr jeden Mittwochabend, sondern jeden zweiten. Gerade in den
       Sommermonaten ist es schwierig, da mit genug Leuten zu sitzen. Das ist ein
       bisschen schade, weil unsere Entscheidungen immer basisdemokratisch gefällt
       werden. Aber viele haben zu tun mit ihren Jobs, mit ihren Kindern oder
       anderen wichtigen Dingen des Lebens.
       
       taz: Wie viele Menschen aus der [2][Anfangszeit] sind noch dabei?
       
       Ebeling: Das Kernteam, das ganz am Anfang alles vorbereitet hat, waren 30
       bis 40 Leute. Ich würde sagen, ungefähr die Hälfte ist noch dabei.
       
       taz: Die Arbeit für das Gängeviertel geschieht prinzipiell ehrenamtlich,
       aber einige bezahlte Kräfte braucht es doch, um den Betrieb zu stemmen. Wie
       viele Stellen beziehungsweise bezahlte Mitarbeiter*innen gibt es
       derzeit?
       
       Ebeling: Wir haben gar keine Vollzeitstellen, es gibt aber mittlerweile
       circa zehn Teilzeitstellen und drei Minijobs, in erster Linie für die
       Verwaltung und Finanzierung der Genossenschaft und des Vereins und zur
       Koordination des Ehrenamtes.
       
       taz: Vor welchen Herausforderungen steht das [3][Gängeviertel] aktuell?
       
       Ebeling: In der Schierspassage sollen die nächsten zwei Häuser saniert
       werden. Das zieht sich gerade ein bisschen wegen der Finanzierung und weil
       wir keine Firmen mit freien Terminen finden. Aber wir retten jetzt schon in
       Eigenleistung, was zu retten ist. Außerdem müssen die bereits sanierten
       Häuser, vor allem die Fabrique nach zehn Jahren intensiver kultureller
       Nutzung, wieder in Stand gesetzt werden. Da werden wir jetzt, zum
       Geburtstag, eine Spendenkampagne starten, damit wir nächstes Jahr die
       Volljährigkeit noch erreichen.
       
       taz: Was muss passieren, damit das Gängeviertel-Kollektiv sagt: „Jetzt sind
       wir am Ziel“?
       
       Ebeling: Es war nie das Ziel, ein Ziel zu erreichen. Das Wichtigste ist,
       dass dieser Ort immer offen für Neues ist. Das Viertel verjüngt sich jedes
       Jahr, es kommen viele tolle Menschen, die sich hier engagieren. Wir wollen
       ein Möglichkeitsort bleiben. Eine Startrampe für junge Leute, die hier
       anfangen und dann ihr eigenes Ding machen.
       
       taz: Das Gängeviertel wird mittlerweile vom Hamburger Stadtmarketing als
       Sehenswürdigkeit angepriesen. Wie läuft es mit den Touristen, die ins
       Gängeviertel kommen?
       
       Ebeling: Es kommen viele, die Rundgänge durch die Neustadt machen. Die
       Leute gehen in der Regel sehr behutsam und respektvoll mit diesem Ort um.
       Und wir kriegen eigentlich nur gutes Feedback.
       
       taz: Was macht der gesellschaftliche [4][Rechtsruck] mit dem Gängeviertel?
       
       Ebeling: Schmierereien haben wir tatsächlich schon gehabt. Aber bis jetzt
       gab es noch keinen Angriff oder sowas.
       
       taz: Ein Programmpunkt des Geburtstagsfestivals lautet: „Im Glubscherhof
       seziert die Schaar der Schäbigen Timmy Hope, den gestrandeten Twink.“
       Worauf dürfen wir uns da freuen?
       
       Ebeling: Das ist eine Tuntenshow und wird vom Hamburger Tuntenkollektiv
       Schaar der Schäbigen durchgeführt.
       
       taz: Ferner gibt es eine Diskussion mit Menschen aus Tübingen darüber, wie
       sich Strukturen in autoritären Zeiten absichern lassen. Was ist Ihre
       Antwort? 
       
       Ebeling: Mit Solidarität. Damit, dass wir auch da hinfahren und dort
       Veranstaltungen machen, wo die Toleranz nicht sehr hoch ist und rechte
       Politik Freiheit mehr und mehr verhindert. Und dass man Orte zu schafft, wo
       die Leute einfach zusammen sein können. Das gibt Halt für Menschen, die
       bedroht sind. Es gibt aber auch in Hamburg einen Bedarf, Strukturen
       abzusichern, schauen wir nur in Richtung [5][Sternbrücke], wo ein ganzes
       Szeneviertel weggerissen wurde mit der Astrastube und den anderen Clubs.
       Hier nimmt man auf ganz andere Weise den Raum für Kultur und Gesellschaft.
       Der freien und Abrissstadt Hamburg wollen wir mit einem Podium Ideen für
       Leerstand und kollektive Stadtentwicklung anbieten.
       
       Hinweis d. Red.: In einer früheren Version des Textes hieß es, der
       Programmpunkt „Im Glubscherhof seziert die Schaar der Schäbigen Timmy Hope,
       den gestrandeten Twink“ sei eine Trash-Drag-Show des Kollektivs Queer
       Command. Diese Information war falsch. Wir haben sie nachträglich
       korrigiert.
       
       18 Aug 2026
       
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