# taz.de -- Die Wahrheit: Weichspüler des Gewissens
> Spätestens am Erdüberlastungstag stellt sich die Frage: Wer ist die
> Lenor-Tante, die neben dir auf dich einredet?
Selbst als deutsche Durchschnittstrottelin weiß man, dass Ressourcen
endlich sind oder, wie mal eine meiner unzufriedeneren Leserinnen meinte:
Schade, dass für diesen Mist ein Baum sterben musste.
Je mehr ich mich der eigenen Kompostierbarkeit nähere, desto intensiver
beschäftigt mich das Thema, dabei war ich mal eine unbeschwerte
Sachensammlerin für eine schier endlose Zukunft. Bücher! Blusen!!
Bratpfannen!!! Und das ist jetzt nur ein Buchstabe meines Museums.
Ja, Bäume auch, ich muss ja den Schaden, der durch meine Texte entsteht,
irgendwie büßen. Leute mit richtigen Gärten haben keine Vorstellung davon,
wie viel unternehmungslustige junge Eichen und Birken es nach einer
kommoden Existenz in meinen unbeobachteten Beeten drängt. Und dann wird man
sie nicht wieder los, die aufdringlichen Gesellen, jedenfalls nicht, ohne
zum Sägenmörder zu werden.
Egal. Das Gewissen, das durch eine schändliche Reklame meiner Jugendzeit
geisterte, hat den Job gewechselt und säuselt sich nun bei jeder
Entscheidung durch mein Leben: Lieber die Gurke zu Ende fahren, bis sie
auseinanderfällt, oder auf ein E-Auto umsatteln? Ist es ökologisch
sinnvoll, das Frosch-Biotop zu wässern, oder schädigt das den
Grundwasserspiegel? Wie oft darf man fliegen, ohne für alle Zeit in der
Hölle zu schmoren? Passt noch ein Buch ins Regal? Wie viel Dinge braucht
man wirklich? Ist Streaming überhaupt vertretbar oder fährt man besser ins
Kino, vierzig Kilometer entfernt und natürlich nur per Gurke zu erreichen?
## Tante mit Sorgenfalten
„Siehst du, jetzt hast du ein schlechtes Gewissen“, raunt eine
schattenhafte Person neben mir, und zwar egal, wie die jeweilige Frage
beantwortet wird. Die Tante sieht so ähnlich aus wie ich, nur mit weniger
Sorgenfalten, und sie riecht ein bisschen streng nach Siebzigerjahren und
Weichspüler. Na, den habe ich jedenfalls nie benutzt und habe damit kurz
einen winzigen Ökopunkt Vorsprung.
Doch ich darf nicht lange stolz darauf sein, denn den Erdüberlastungstag
haben wir in diesem Jahr bereits hinter uns, und selbstverständlich bin ich
persönlich mit schuld daran. Zufällig verbrachten wir diesen Tag in einem
Hotel, auch ein Fall für Mrs Gewissensbiss, denn allein die Wäsche für eine
einzige Nacht, ob mit oder ohne Lenor … Gibt es Hotels, in die man seine
eigene Bettwäsche mitbringen darf?
Beim Frühstück las am Nebentisch ein älterer Mann seiner Frau die
ökologische Hiobsbotschaft aus der Zeitung vor und erläuterte auch gleich
ausführlich, was Erdüberlastungstag bedeutet, weil Frauen die Zeitung ja
ohne fremde Hilfe oft nicht gut verstehen. Und sie? „Och“, meinte sie in
norddeutscher Gelassenheit, „das gleicht sich dann schon wieder aus.“ Oder,
wie die Werbung damals sagte: „Siehst du, jetzt hast du ein gutes Gewissen
und alle haben dich so lieb.“
12 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Susanne Fischer
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