# taz.de -- Müllentsorgung in Uganda: Wo sogar die Vögel Gift scheißen
> Ugandas Hauptstadt produziert täglich 1.000 Tonnen Müll. Eine Müllhalde
> lief 2024 über. Jetzt gibt es eine neue – aber keine moderne
> Abfallwirtschaft.
(IMG) Bild: Ein Loch in der Landschaft, Ugandas neue Müllhalde in Buyala
Schon von Weitem sieht man sie am Himmel kreisen: Tausende Aas fressenden
Marabus. Die Vögel verraten den Ort der neuen Müllhalde von Ugandas
Hauptstadt Kampala. Sie liegt inmitten eines frisch aufgeforsteten
Waldgebietes am Stadtrand. Auf der einzigen Zubringerstraße durch den
Eukalyptus- und Pinienwald stauen sich stinkende Müllautos. Sie warten
darauf, ihre Ladung abkippen zu können.
Kampala hat, wie viele afrikanische Großstädte, ein enormes Müllproblem.
Jahrzehntelang wurde einfach sämtlicher Abfall der Millionenstadt auf einer
Halde im nördlichen Viertel Kitezi abgeladen – bis diese [1][im August 2024
explodierte] und eine gewaltige Mülllawine den Abhang hinunterdonnerte. 70
Häuser wurden verschüttet, 34 Tote wurden später geborgen, noch immer
werden mehr als 20 Menschen vermisst. Insgesamt wurden mehr als 220
Menschen obdachlos.
Kampalas Stadtverwaltung (KCCA) schloss daraufhin die Müllhalde in Kitezi.
Wochenlang wussten die Müllfirmen nicht mehr, wohin mit den stinkenden
Abfällen. In Kampala fallen täglich bis zu 1.000 Tonnen Müll an.
Dann wurde vergangenes Jahr eine neue Halde in Buyala aufgemacht, ein
kleiner Ort rund 30 Kilometer westlich der Hauptstadt mitten in einem
Waldschutzgebiet. Doch anstatt nun eine fachgerechte Deponie anzulegen, den
Müll zu sortieren und Risiken wie Methangasanhäufungen zukünftig zu
vermeiden, „sehen wir hier nun ein neues Kapitel desselben Dramas“, sagt
Sadach Nirere, Gründer der NGO „End Plastic Pollution“ in Uganda.
## Hunderte Menschen graben im Müll nach Wertstoffen
Der Umweltaktivist steht in gelber Weste und Schutzhelm vor einem
gewaltigen Berg an Unrat, den die Müllfahrzeuge in mehr als einem Jahr in
Buyala abgeladen haben. Von der Bananenschale bis zur Autobatterie landet
nach wie vor alles unsortiert auf einem Haufen. Schaufelbagger türmen
diesen immer weiter auf.
Mit kaputten Gummihandschuhen sortieren rund 600 Männer und Frauen den Müll
dann von Hand. Sie suchen nach Wertstoffen wie Plastik oder Metall, das
sich wiederverwenden lässt. Eine davon ist Alice Nabitaka. Die 40-jährige
alleinerziehende Mutter sucht nach organischem Unrat, den sie an eine
Schweinemastfarm weiterverkaufen kann, um Schulgebühren für ihre vier
Kindern anzusparen, sagt sie.
„Ich habe schon auf der alten Deponie gearbeitet und bei der Explosion habe
ich mir dort den Arm gebrochen“, erzählt Alice. Die neue Halde in Buyala
sei nun weit von ihrem Haus entfernt, oft habe sie nicht einmal genug Geld
für Transportkosten, dann schlafe sie in einem selbstgebauten Zelt im Wald
neben der neuen Halde. „Ich sehe meine Kinder nur noch selten“, seufzt sie.
Doch es gebe einfach keine anderen Jobs.
Aktivist Nirer klopft ihr aufmunternd auf die Schulter. „Wir hatten
gehofft, dass die Regierung nach dem Unglück 2024 das Müllproblem
ordnungsgemäß angeht“, sagt er und zeigt auf den nächsten Lastwagen, der
tonnenweise Unrat einfach abkippt. „Doch jetzt wiederholen sich hier
dieselben Fehler.“
Als der Müll von der Ladefläche des Müllautos hinunterrutscht, kommen
Dutzende Männer und Frauen in dreckigen Kleidern, Gummistiefeln und
Handschuhen angelaufen, um wie Mutter Nabatika den Müll von Hand zu
sortieren. Ein weiterer kleinerer Lkw kommt angefahren. Am Steuer sitzt
Samuel Wambede und gibt Anweisungen: „Alles Plastik hier zu mir, Leute!“
Wambede hat früher einmal auf der alten Müllhalde den Abfall sortiert, vor
allem Plastik, berichtet er. Sein über Jahre angespartes Geld investierte
er in einen Lkw. Jetzt transportiert er alte Plastikflaschen, Tüten und
alte Joghurtbecher, die mühsam aus dem Unrat per Hand aussortiert werden,
wieder zurück in die Stadt, um sie dort an eine chinesische Recyclingfirma
zu verkaufen. „Sie stellen daraus Eimer, Gießkannen und Schutzhüllen für
Mobiltelefone her“, so Wambede.
Der Handel mit Müll sei ein lukratives Geschäft, sagt er, doch er müsse
viel in Transportkosten investieren. Denn die neue Müllhalde liegt weit
außerhalb der Stadtgrenzen. „Wenn das Plastik bereits in den Haushalten
aussortiert werden würde, würde das so viel Geld und Zeit sparen“, merkt er
an.
## Offiziell ist längst alles „modern“
Nach der Tragödie mit der alten Müllhalde im August 2024 hatte Ugandas
Regierung in Sachen Abfallwirtschaft eigentlich große Pläne. Von
Recyclinganlagen und dem Aufbau einer Kreislaufwirtschaft nach europäischem
Vorbild war die Rede. Dazu wurden zahlreiche Konferenzen und Workshops
abgehalten, gigantische Versprechen gemacht. Doch zur Umsetzung fehlt bis
heute offensichtlich das Geld. Denn geändert hat sich bislang nichts.
Im Juni war nun eine hochrangig besetzte Delegation mit Vertreter*innen
von KCCA und verschiedenen Ministerien in Buyala zu Besuch. Erneut wurde
die Vision einer modernen Abfallwirtschaft diskutiert. „Buyala ist mehr als
eine Abfallentsorgungsanlage“, versicherte KCCA-Chefin Sharifah Buzeki:
„Sie sichert Lebensgrundlagen, schützt die öffentliche Gesundheit und
bietet uns die Möglichkeit, ein modernes Abfallmanagementsystem zu
entwickeln, das Wertstoffe aus Abfällen zurückgewinnt und gleichzeitig die
Umwelt schützt.“
Zu sehen ist davon bislang jedoch nichts. Mit Gummistiefeln watet Nirere
durch den Dreck. Für den Umweltschützer steht fest: „Wir brauchen eine
gesetzlich verankerte Mülltrennung in den Haushalten – damit eben nicht
alles in Buyala landet“. In seiner NGO trainieren ganze Dorfgemeinschaften,
wie sich Abfall vermeiden, im Haushalt sortieren und recyceln lässt.
Er zeigt auf eine Pfütze mit schwarzbrauner stinkender Brühe, kleine Blasen
sprudeln hervor: Methan – jenes leicht entzündliche Gas, das mutmaßlich
auch die alte Müllhalde zum Kollabieren brachte. „Methan ist ein
kurzlebiger Schadstoff“, so Nirere: „Wird es nicht umgehend abgefangen,
kann es massive Klimaschäden verursachen.“
Er folgt dem Sickerwasser aus der Pfütze, das jenseits der Halde in einen
kleinen Bach mündet und in einen Teich hineinfließt. Auch daraus sprudeln
Methangasblasen empor. Am Ufer liegen tote Frösche, tote Fische, tote
Libellen. „Sie kippen Chemikalien hier in diesen Teich, um die Säuren zu
neutralisieren bevor das Sickerwasser in diesen Sumpf dort eindringt“,
seufzt Nirere und zeigt auf ein Sumpfgebiet Hunderte Meter weiter. „Der
Sumpf und die Flüsse fließen weiter in den Victoriasee – all das wird durch
die Schwermetalle verseucht, die nicht herausgefiltert werden.“
Dann zeigt Nirere auf die kreisenden Marabu-Vögel am Himmel, die sich von
diesem hochgiftigen Unrat ernähren. Mittlerweile fürchten die
Ugander*innen diese Vögel, lacht Nirere: „Denn sie kacken hochtoxische
Substanzen.“
10 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Simone Schlindwein
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