# taz.de -- Neues Buch von Simon Reynolds: Allem Shoegazing wohnt Melancholie inne
       
       > Traumhaftes aus der Tiefschlafphase: „Still in a Dream“, das neue Werk
       > des britischen Autors Simon Reynolds widmet sich Shoegaze, Slackern und
       > Dreampop 1984–94.
       
 (IMG) Bild: Kim Gordon von Sonic Youth bei einem Konzert in Westberlin 1984
       
       Im Orwelljahr 1984 heißen die größten Popstars Wham!, Depeche Mode, Frankie
       Goes to Hollywood, Laura Branigan und Prince. Die SciFi-Komödie
       „Ghostbusters“ wird zum Blockbuster im Kino, sogar der Titelsong von
       R&B-Sänger Ray Parker Jr. wird im Radio rauf und runter gespielt. Die
       Kulturindustrie perfektioniert damit zum ersten Mal Crossmarketing als
       Promotionskampagne.
       
       Rockmusik gilt in dieser Zeit längst als der angestaubte Sound der Eltern,
       auch der revolutionäre Geist von Punk oder Postpunk als Ergebnis des
       chaotisch inszenierten „Rock ‚n‘ Roll Swindle“ ist 1984 bereits verpufft.
       
       Synthesizer, Drumcomputer und kühle Hallräume bestimmen den Sound in den
       Charts. Mithilfe von Midi-Technologie lassen sich Maschinen bereits
       leichter miteinander synchronisieren und ermöglichen es, mit elektronischen
       Klangerzeugern wie eine Band zu performen. Schon damals waren
       Musikergewerkschaften alles andere als begeistert von der neuen
       Technologie, die so manchen Studiomucker arbeitslos machte.
       
       Popmusiker:innen lassen sich Mitte der 1980er lieber mit einem
       Umhängekeyboard oder vor virtuellen Tron-Welten ablichten, als öffentlich
       eine Gitarre in die Höhe zu recken. Selbst die Rolling Stones und Paul
       McCartney flirten mit der sogenannten New Wave.
       
       ## Schmalz und geschnitten Brot
       
       Und „You’re My Heart, You’re My Soul“ von Modern Talking (konzipiert vom
       ehemaligen DKP-Mitglied Dieter Bohlen) war westdeutscher Erz-Synthie-Pop
       und in seiner Schmalzigkeit – mit der auch Popstars à la Rick Astley ihr
       Publikum begeisterten – ein State-of-the-Art-Pop-Produkt. Hitsongs
       verkauften sich noch wie geschnitten Brot.
       
       In der Afrodiaspora der USA entwickelten sich HipHop und das neue
       elektronische Musikgenre Acid House, erste Tracks, produziert mit
       minimalistischem Equipment, stürmten an die Chartspitze als Vorhut einer
       Dancefloorbewegung, die sich konsequent von der Schule der Rockmusik
       verabschiedete.
       
       Der britische Popjournalist Simon Reynolds startet in seinem neuen Buch
       „Still in a Dream“ ausgerechnet in dem Jahr, in dem bekanntlich George
       Orwell seinen Dystopieroman ansiedelte, um sich auf die Suche nach
       wegweisender Gitarrenmusik zu machen!
       
       Sein Buch endet schließlich 1994. Justamente in dem Jahr, als sich
       US-Rockstar Kurt Cobain (Nirvana) das Leben nahm. Reynolds möchte mit
       diesem Buch „die definitive Geschichte der Slacker und Shoegazer“ erzählen,
       die in dieser kurzen Zeitspanne Undergroundrock seiner Meinung nach „neu
       erfunden“ haben – und die schließlich im tragischen Weltereignis Nirvana
       endete. Wie ist es dazu gekommen?!
       
       ## Sphärenklänge der Cocteau Twins
       
       Eine zentrale Rolle spielen für Reynolds die Künstler:Innen des
       britischen Indielabels 4AD. Bands wie die US-amerikanischen Pixies, aber
       vor allem die wavigeren Briten Cocteau Twins, die inzwischen bis in die Gen
       Z hinein Kultstatus genießen. Vor allem Songs ihres Albums „Heaven or Las
       Vegas“ dürfen gegenwärtig in keiner Playlist fehlen.
       
       Selbstverständlich handelt das Buch auch von Sonic Youth und den Anfängen
       der Weltstars R.E.M. Reynolds hat als Redakteur des britischen
       Musikmagazins Melody Maker zwischen 1986 und 1990 mit allen relevanten
       Bands Interviews geführt. Und die vielen Zitate machen das Buch auch sehr
       lesenswert. Sein Fundus an interessanten O-Tönen scheint unerschöpflich.
       
       Den Buchtitel hat er sich von der britischen Shoegaze-Band My Bloody
       Valentine ausgeliehen: „(When You Wake) You’re Still in a Dream“ heißt ein
       Song auf ihrem wegweisenden Album „Isn’t Anything“ (1988).
       
       Shoegaze beschreibt den Blick von scheuen Musiker:innen auf den Boden,
       die seinerzeit vor lauter Bühnenangst mehr mit ihren Effektpedalen als mit
       dem Publikum in Kontakt traten. Auch die hierzulande sträflich
       unterschätzte britische Band A. R. Kane, die ihre Musik selbst als „Dream
       Pop“ labelten, stand bei der Titelgebung Pate. Und natürlich R.E.M. –
       bekanntlich die Abkürzung für „Rapid Eye Movement“, der sogenannten
       Tiefschlafphase.
       
       Summer of Love als Geist in der Nebelmaschine
       
       Während selbst bei Hardrockhits wie „The Final Countdown“ von Europe
       demonstrativ Synthesizer und Sequenzer im Mix nach vorne gemischt wurden,
       war aus dem Geist des Summer of Love in der Tradition von Blues und Folk
       nur noch ein Soundtrack zum Einsatz der Nebelmaschine im Stadion geworden.
       
       Wo war er nur hin, der Geist der Jimi Hendrix Experience?! Das
       psychedelische Spiel mit den Sounds?! Die magischen Verzerrungen in
       sakralen Hallräumen?! Oft mehrstimmig vorgetragene, verträumte Gesänge à la
       Mamas and Papas?! Der feingewobene Soundtrack zum LSD-Trip?!
       
       Aber wohin mit dem Unbehagen?! Wenn das, woran man glaubte oder wonach man
       sich sehnte, so gar nichts mit den Bands und ihren Images im Mainstreampop
       resonierte? Überhaupt die Unterscheidung von Underground und Mainstream:
       Musik, die bewusst fürs Collegeradio produziert wurde, ohne Rücksicht auf
       das, was heute noch als Formatradiosound bezeichnet wird.
       
       Wo eine gewisse LoFi-Ästhetik sowohl aus Geldmangel und mangelnder
       Produktionserfahrung als eben auch aus einer gewissen Überzeugung heraus
       entstand. Und wo die Alben am Ende Indielabels wie die schon erwähnten 4AD
       und das US-Hardcorepunklabel SST in Plattenläden standen – die garantiert
       noch nicht davon leben mussten, wiederveröffentlichte Fleetwood-Mac-Werke
       zu verkaufen, so wie das heute der Fall ist.
       
       ## Sirenen, Wände und Schraffuren
       
       Simon Reynolds findet in der ersten Hälfte seines Buchs einen schlüssigen
       ästhetischen Faden in seinen klingenden Traumwelten. Vom sirenenhaften
       Gesang einer Elizabeth Fraser (Cocteau Twins), der nicht nur unfassbar
       verhallt gemischt ist, sondern oft auch nur aus gut klingenden Worten
       besteht, über die lauten Rockwände von J. Mascis (Dinosaur Jr.) in bester
       Neil-Young-&-Crazy-Horse-Manier, bis hin zu den innovativen
       Gitarrenschraffuren eines Kevin Shields von My Bloody Valentine.
       
       Erstaunlich oft fällt in Reynolds Werk die kalifornische Folkrockband The
       Byrds als Referenz – ob von Spacemen 3 aus England oder The Replacements
       aus den USA genannt. Die Punkgeneration hatte weitestgehend versucht, zu
       allem, was unter Hippieverdacht stand, auf Distanz zu gehen. In Reynolds’
       Buch rücken Bands in die Hauptrolle, in denen Frauen endlich zu den
       stilprägenden Künstlerinnen gehören – wie Kim Deal von den Pixies und Kim
       Gordon bei Sonic Youth. So spinnt Reynolds die Geschichte der
       1960er-Psychedelia konsequent und zugleich auch progressiv weiter.
       
       Aber alle Protagonist:innen kennen sowohl die peinsame Innerlichkeit
       der Hippiegeneration als auch den enttäuschenden Ausverkauf des Punks. So
       wohnt aller Rockmusik von „Still in a Dream“ eine schwere Melancholie inne.
       Und weil vorherige Undergroundbewegungen mit all ihrem oft esoterischen
       Aufbruchs- und Ausbruchsgehabe die Welt am Ende nur schlimmer gemacht
       haben, weiß der lärmende Rock von Sonic Youth, Pixies, Hüsker Dü und My
       Bloody Valentine auch gar nicht, wohin er eigentlich ausbrechen soll.
       Wogegen er noch aufbegehren soll!
       
       So tritt die introspektive Musik dieser Zeit als Wall of Sound absichtlich
       auf der Stelle. In einer schrecklichen Welt, in der Mensch wenigstens
       seinen Träumen trauen möchte – so diffus sie auch immer sein mögen.
       
       Dass Simon Reynolds in „Still in a Dream“ keinen Blick auf das
       bundesrepublikanische Geschehen wirft, sei ihm verziehen. Der Schwerpunkt
       liegt ganz klar auf seinen Lieblingsbands aus UK und die USA.
       
       14 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Maurice Summen
       
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