# taz.de -- Auf der Plauderbank in Lichtenberg: Plaudern gegen die Einsamkeit
> Im Fennpfuhlpark steht die einzige Plauderbank des Bezirks Lichtenberg.
> Wird das Angebot genutzt? Heidemarie Micke sitzt täglich hier – und
> plaudert.
(IMG) Bild: Bezirksstadträtin Filiz Keküllüoğlu (rechts) am Tag der Einweihung auf der Plauderbank im Fennpfuhlpark, Juli 2023
Im [1][Fennpfuhlpark in Lichtenberg] ist an diesem Nachmittag nicht viel
los. Nicht, dass der weitläufige Park je überlaufen gewesen wäre. Seit
Corona gehen mein Mann und ich hier immer mal wieder spazieren, weil es
keine Menschenmassen wie im Volkspark Friedrichshain gibt, dafür jede Menge
zutraulicher Eichhörnchen, die einem gerne Nüsse aus der Hand fressen. Aber
die meisten Parkbänke sind verwaist, nur hie und da sitzt eine einzelne
Person in den Himmel blickend, hie und da auch Paare, die sich unterhalten,
öfter noch schweigen – oder ein Eis verputzen.
Mehr Menschen treffen sich am Anton-Saefkow-Platz gleich um die Ecke: In
der Eisdiele sowie in der alteingesessenen Lichtenberger Bäckerei Plötner
herrscht Hochbetrieb. Im Außenbereich sitzen ältere Damenrunden und
Rentnerpärchen bei Kaffee und Kuchen oder beim Mittagstisch. Hier wird
geplaudert, was das Zeug hält. Braucht es da überhaupt das Angebot einer
„Plauderbank“?
Seit Juli 2023 steht eine solche im Fennpfuhlpark, es ist die erste und
einzige ihrer Art im Bezirk Lichtenberg. Genaugenommen sind es zwei, die
beiden holzfarbenen Parkbänke mit der Aufschrift „Plauderbank“ stehen dicht
beieinander. Ein Schild zwischen beiden ragt an einem Pfahl hoch hinaus.
„Du suchst Gesellschaft oder ein nettes Gespräch? Dann bist du hier
richtig“, verspricht eine Sprechblase. Eine zweite ergänzt: „Indem du hier
Platz nimmst, zeigst du: Ich habe Lust auf ein Gespräch.“ Anfangs saß jeden
Mittwoch eine ehrenamtliche Plauderin für zwei Stunden auf der Bank und
hatte ein offenes Ohr für alle, die Lust auf ein zwangloses Gespräch
hatten.
## Finanziell sind solche Angebote keine große Sache
Die Kosten für Einbau und Beschaffung lagen laut Bezirksamt bei rund 800
Euro, finanziell sind solche Angebote also keine große Sache. Zumal weitere
Kosten für die Instandhaltung bisher nicht angefallen sind, wie Filiz
Keküllüoğlu (Grüne), Bezirksstadträtin für Verkehr, Grünflächen, Ordnung,
Umwelt und Naturschutz, der taz sagt. „Wir freuen uns, hier ohne übermäßige
Kosten einen Mehrwert für die Menschen geschaffen zu haben und eventuell
ein klein wenig zur Verringerung des immer größer werdenden
Einsamkeitsproblems und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt beigetragen zu
haben.“
Solche Gelegenheit des ungezwungenen Austausches gibt es auch in anderen
Bezirken. Plauderbänke stehen zum Beispiel im [2][Park] [3][am Weißensee]
und im [4][Weddin][5][g, aufgestellt vom Verein Silbernetz].
Aber hey, wer nimmt in einer anonymen Großstadt so ein Angebot, mit
wildfremden Leuten zu quatschen, überhaupt an? Auf meinen unzähligen
Spazierrunden am späteren Nachmittag saß auf der Plauderbank niemand – oder
selten mal junge Leute, die sich anschwiegen und aufs Smartphone schauten.
Nun, es kommt auf die Uhrzeit an. Das jedenfalls sagt an diesem Mittwoch
gegen 13.30 Uhr eine Frau, die schon auf der Plauderbank Platz genommen
hat, als ich vorbeikomme. Und bereitwillig Auskunft gibt. Wenn sie kann,
kommt Heidemarie Micke jeden Tag in den Fennpfuhlpark und setzt sich auf
die Plauderbank. „Jeden Nachmittag!“, betont sie. „Ich bleibe nicht in der
Wohnung sitzen wie die anderen Frauen in meinem Alter.“ Die würden alle um
die Uhrzeit ein Mittagsschläfchen halten. „Das mache ich nicht“, sagt sie
und erzählt, dass sie nun, wo sie nicht mehr so gut zu Fuß, statt langer
Spazierrunden eben hier auf der Plauderbank sitzt.
## „Einsamkeit ist wie eine Krankheit“
Darf man nach dem Alter fragen? Heidemarie Micke lächelt: „Ich bin 83
Jahre.“ Seit 1981 wohnt sie hier im Kiez. Sie setzt sich bewusst auf die
Plauderbank – „sie steht zum Glück im Schatten!“ – und nicht irgendeine
beliebige Bank, denn sie macht damit „ein Angebot“, wie Frau Micke sagt.
„Es kommen immer mal wieder Leute vorbei, mit denen ich mich unterhalte.“
Dieser Austausch lenke vom Alltag ab und mache obendrein Spaß. „Viele
Menschen sind einsam. Einsamkeit ist schlimm, das ist wie eine Krankheit.“
Sie würde schon an den Gesichtern der vorbeigehenden Menschen erkennen, wer
einsam ist. Auch jüngere Leuten wirken einsam, wie ihr in letzter Zeit
immer öfter auffalle. Und oft kämen an der Plauderbank die gleichen
Spazierenden vorbei. „Kennt man sich vom Sehen, wird gegrüßt, obwohl man in
Berlin ja eigentlich nicht grüßt. Hier aber schon!“
Über was für Themen tauscht sie sich aus? „Ach, über Alltägliches,
Krankheiten, aber auch übers Wetter oder Haussanierungen, solche Themen,
von denen man selbst betroffen ist.“ Auch über das Alleinsein und
Übrigbleiben, wenn ein langjähriger Partner stirbt. Sie hat das vor Jahren
selbst erlebt, erzählt Heidemarie Micke, als ihr Mann starb. „Ich habe mich
danach einsam gefühlt.“
Und wenn die älteren Leute nicht gut laufen können und den Weg zur
Plauderbank nicht mehr schaffen? Bräuchte es solche zum Gespräch
einladenden Bänke nicht vor jeder Haustür? Gerade vor den vielen
Hochhäusern, die rings um den Fennpfuhlpark stehen?
Da nickt Heidemarie Micke und hat noch eine schöne Geschichte parat: Nach
der Corona-Zeit hat sie hier – und sie klopft auf das Holz der Bank – ihren
neuen Partner kennengelernt. „Wirklich, hier auf der Plauderbank.“ Sie
hätten sich gleich unterhalten, nachdem er gefragt hatte, ob er sich setzen
darf. „Seitdem sind wir ein Paar“, lacht Micke. Die beiden leben in
getrennten Wohnungen, erzählt sie, unternehmen viel zusammen und sitzen oft
gemeinsam auf der Plauderbank im Fennpfuhlpark.
## Nun plaudern wir zu dritt
Heidemarie Micke bleibt meist zwei Stündchen auf der Plauderbank, je
nachdem, was noch so ansteht, was in der Wohnung zu tun ist oder ob die
Gymnastikgruppe ruft. „Damit muss man früh anfangen und dranbleiben“, rät
die 83-Jährige. Auch ihr Partner gehe regelmäßig zur Gymnastik.
Wie aufs Stichwort erreicht Dieter Schumacher die Plauderbank und begrüßt
seine Partnerin mit einem „alles gut?“. Auch er gibt bereitwillig Auskunft.
„Im Moment sind ja wenig Leute im Park unterwegs“, sagt der 79-Jährige,
„das muss mit den Ferien zu tun haben.“ Aber viele der Älteren würden ja
nicht mehr wegfahren, oder? „Denen ist bestimmt zu heiß und sie bleiben zu
Hause“ – anders als die beiden, sie zieht es nach draußen.
Dieter Schumacher erzählt, dass er „aus einer gescheiterten Ehe“ kommt,
„wir waren 44 Jahre verheiratet“. Auf Heidemarie Micke deutend, sagt er:
„Sie hat mich so ein bisschen ins Leben zurückgerufen.“
Nun plaudern wir zu dritt, unter anderem über Plötners Café. Da gehen die
beiden aber nicht hin. „Zu teuer“, sagt sie, „Kalorien sparen“, sagt er,
der früher selbst als Bäcker und Konditor gearbeitet hat. Wir reden über
die Regelungen des Erbes, wenn man keiner Kinder hat, die viel zu hohen
Honorare von Rechtsanwälten – und darüber, dass beide vorgesorgt haben. Wir
sprechen über Wohnungseinbrüche und Trickbetrüger, die ältere Mitmenschen
übers Ohr hauen wollen. Sie haben da allerhand Beispiele parat und wären
dementsprechend vorsichtig.
Themen eben, die bei alten Leuten auf der Hand liegen. Ein anregender
Austausch, ganz unverhofft an diesem frühen Mittwochnachmittag. Und nur,
weil ich mich auf eine Plauderbank gesetzt habe und zwei Menschen zum Reden
fand.
19 Aug 2026
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