# taz.de -- Antisemitismus-Klausel in Neukölln: Suchthilfe nur mit richtiger Definition
> Das Bezirksamt Neukölln setzt eine umstrittene Antisemitismus-Klausel für
> Projekte im Sozialbereich durch. Grüne und Linke sind alarmiert.
(IMG) Bild: CDU-Stadtrat Hannes Rehfeldt
Mitten in den Sommerferien erklärt das Bezirksamt Neukölln überraschend
eine neue Nebenbestimmung für die von ihm geförderten Sozialprojekte. Die
24 Empfänger, die zu Obdachlosigkeit und Suchterkrankungen im Bezirk
arbeiten, müssen sich künftig auf die von der Netanjahu-Regierung weltweit
lobbyierten [1][Antisemitismus-Definition der International Holocaust
Remembrance Alliance (IHRA)] mitsamt ihren 11 angefügten Beispielen
verpflichten. Diese solle als „maßgebliche Orientierungsgrundlage und
Regelbeispiel für die Auslegung und Bestimmung antisemitischer Inhalte“
dienen, wie es in der Vorlage der Zuwendungsbescheide heißt. Entschieden
hat darüber Hannes Rehfeldt, CDU-Stadtrat für Soziales und Gesundheit.
Die umstrittene Definition, die grundlegende und scharfe Kritik am Staat
Israel als antisemitisch einstuft, soll nicht nur für die geförderten
Projekte gelten, sondern für „das gesamte Auftreten des
Zuwendungsempfängers“ – also auch für Aktivitäten von Mitarbeitern
außerhalb des geförderten Rahmens. Ein Verstoß dagegen könne, auch
rückwirkend, zum „Widerruf des Zuwendungsbescheides“ führen.
In den vergangenen Jahren waren wiederholt Versuche gescheitert, die
IHRA-Definition in Projektförderungen zu verankern, weil sie von mehreren
Rechtsgutachten als unzulässiger Eingriff in die Meinungsfreiheit bewertet
wurden. Auch in Berlin hatte der inzwischen zurückgetretene Kultursenator
Joe Chialo, der enge Kontakte zu israelnahen Lobbyorganisationen pflegte,
[2][mit einem vergleichbaren Vorhaben] keinen Erfolg.
Das Bezirksamt versucht es trotzdem. Die Klausel sei verfassungsrechtlich
anders zu bewerten, so ein Sprecher, weil sie nicht die Kunst- oder
Wissenschaftsfreiheit einschränke, sondern „auf einen
diskriminierungsfreien Zugang zu ganz konkreten sozialen
Unterstützungsleistungen“ ziele. Auf die Frage, ob es jemals Hinweise auf
antisemitisches Verhalten der betroffenen Projekte gegeben habe, wollte
sich das Bezirksamt nicht äußern. Mehreren Quellen im Bezirk sind derartige
Vorwürfe nicht bekannt.
## Rechtsunsicherheit und Instrumentalisierung
Gegen die eingeführte Klausel protestierten am Montag die Grünen im Bezirk.
Sie werfen dem CDU-Stadtrat vor, durch sein Agieren „bei den Trägern
Unklarheit und Rechtsunsicherheit“ zu stiften – was „die wichtige Arbeit
gegen Antisemitismus massiv“ beschädige. Angesichts der
[3][Fördergeld-Affäre] auf Landesebene attestierten sie der CDU ein
„instrumentelles Verhältnis zur Antisemitismusbekämpfung“. Zudem seien die
neuen Nebenbestimmungen überflüssig, da alle geförderten Projekte ohnehin
auf dem Boden des Grundgesetzes stünden.
Kritik kommt auch vom linken Bezirksbürgermeisterkandidaten Ahmed Abed. Der
CDUler Rehfeldt versuche, „mit der unangekündigten Implementierung der
IHRA-Definition einen Maulkorb gegen Kritiker der israelischen
Kriegsverbrechen aufzuerlegen. Das ist höchst undemokratisch und zeigt den
Schulterschluss von mehreren Personen im Bezirk mit der rechtsradikalen
Regierung in Israel“, so Abed der taz.
Vergangene Woche war Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) zu Besuch in
Israel – anlässlich der 100-Jahr-Feierlichkeiten der Neuköllner
Partnerstadt Bat Yam. Von Hikel gepostete Fotos zeigen ihn neben dem
Bat-Yam-Bürgermeister und Likud-Mitglied Tzvika Brot sowie mit dem
israelischen Außenminister Gideon Saar, dessen Ministerium intensiv für die
weltweite Übernahme der IHRA-Definition wirbt.
4 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Yossi Bartal
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