# taz.de -- Russischer Spion in der Eckkneipe: Auf ein Bier mit Sergej & Sam
> Der Putin-Anhänger Sergej K. war mit seinem Hund Stammgast in einer
> Kreuzberger Kneipe. Doch dann verletzte sich erst der Hund, und darauf
> wurde Sergej enttarnt.
(IMG) Bild: Zielobjekt Bierbar – die Gäste kommen und sehen
Im Grunde fühlten wir uns unwohl mit ihm, vermieden eine ganze Zeit lang
direkten Blickkontakt, um nicht in ein unsägliches Gespräch verwickelt zu
werden. Da saß er nun in einer Ecke am Tresen in unserer Bierbar in
Kreuzberg: der Russe, wie er genannt wurde, bevor wir seinen Namen wussten.
Auffällig seine bullige Statur, rasierter Schädel und die Aura eines
Menschen, mit dem man keinen Streit anfangen will.
Er stellte sich als Handwerker und Unternehmer vor, als Sergej, war
Anhänger von Wladimir Putin und prahlte damit, als [1][Wagner-Söldner]
gekämpft zu haben; außerdem hatte er was gegen Muslime und Multikulti,
obwohl oder gerade weil er direkt am Kotti wohnte. So saß er oft alleine da
und guckte irgendwelche Filmchen im Internet, und nach ein paar Bier fand
er manchmal sogar jemanden, den er vollschwallen konnte.
Manchmal wünschte ich mir, er hätte Hausverbot bekommen, was ja nicht so
einfach ist, wenn der Wirt mit ihm auf gut Freund macht. Und die neuen
Betreiber der Bar hielten Distanz, aber bedienten sich seiner
handwerklichen Fähigkeiten und sagten, sie wollen ihn integrieren, sodass
er ein Teil des Inventars wurde.
Und auch sein Hund Sam, der vielleicht die entscheidende Rolle für die
späteren Ereignisse gespielt hat. Der Hund – ich räume ein, dass ich Hunde
mag – war ähnlich unsympathisch wie Sergej; ohne Leckerlies neurotisch und
oft wurde er schnell nach Hause gebracht oder konnte die Kneipe nicht
betreten, wenn der Lieblingshund des Hauses, Anton, zugegen war: Der mochte
weder Sam noch Sergej.
## Blutspur am Kotti
An einem Sonntagmorgen im Frühling ging der Sergej mit Sam am Kotti Gassi
und der arme Hund verletzte sich schwer an herumliegenden Scherben der
letzten Partynacht. Sergej trug den blutenden Hund nach Hause und hatte
eine satte Blutspur im Treppenhaus des Kreuzberger Mietshauses
hinterlassen, bevor sie im Taxi quer durch die Stadt zur Tierklinik eilten.
Ein Nachbar, der das Blut entdeckte, rief aus Angst vor einer Gewalttat die
Polizei. Wenig später stürmt das SEK die Wohnung und findet die
verängstigte Putzfrau vor, wie sie gerade blutverschmierte Handtücher in
einen blauen Müllsack stopft. Als Sergej nach Hause kommt, ist die Tür
eingetreten, die blutige Angelegenheit lässt sich aufklären, aber später in
der Kneipe beklagt sich Sergej, wer jetzt seine Tür reparieren wird?
Und vielleicht war der Hund der Anfang vom Ende. Es ist Mai und kein Sergej
kommt vorbei, telefonisch ist er nicht mehr zu erreichen. Ein Gast kommt
aufgeregt mit der Nachricht in die Bar: Ein russischer Spion wurde in
Berlin enttarnt und festgenommen. Die Bundesanwaltschaft wirft Sergej K.
vor, seinem Führungsoffizier zahlreiche Informationen unterschiedlicher Art
übermittelt zu haben. Er habe seine Dienste nicht gegen Geld, sondern aus
Überzeugung angeboten. Ein Prozess ist noch nicht terminiert.
Sergej K. spionierte Sabotageobjekte aus und bot an, geeignete Personen für
Anschläge auf kritische Infrastruktur zu rekrutieren. In der Bar ohne
Erfolg, aber die kritische Infrastruktur, eine alte Zapfanlage und marode
Kühlschränke hatte er fest im Blick. Es schmeckt wie schales Bier, an ihn
zu denken; und was wird aus Sam?
5 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christian Jungeblodt
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