# taz.de -- Angeblicher Arbeitszeitbetrug: Aldi Nord schmeißt Betriebsrat raus
> Aldi Nord in Lehrte kündigt einen frisch gewählten Betriebsrat. Der
> Vorwurf: Arbeitszeitbetrug. Die Gewerkschaft Verdi spricht von einem
> Skandal.
(IMG) Bild: Wirkt manchmal bedrohlich als Arbeitgeber: Aldi Nord
Michael Merten ist erst mal raus bei Aldi. Gekündigt, fristlos, ganz ohne
vorherige Abmahnung – und das als Betriebsrat. Der Vorwurf, den ihm sein
Arbeitgeber macht: Er habe Arbeitszeitbetrug begangen. Dabei war Merten
freigestellt.
Merten war Anfang Mai in den Betriebsrat bei der Gesellschaft Aldi Lehrte
gewählt worden. Er führte die Verdi-Liste an, die erstmals in dem Betrieb
antrat – gleich im ersten Anlauf schafften es vier Kandidat*innen von
der Liste in den 19-köpfigen Betriebsrat, der bei Aldi Lehrte für insgesamt
2.500 Mitarbeitende zuständig ist.
Bisher war er Filialleiter einer Filiale in Salzgitter gewesen; als
Listenführer aber wurde Merten im neuen Betriebsrat einer der insgesamt
fünf freigestellten Betriebsräte. Damit geht eine generelle Entbindung von
der Arbeitsverpflichtung einher. Doch aus Kulanz, so erzählt er es selbst,
erklärte er sich bereit, nebenbei noch für eine gewisse Zeit die Filiale zu
leiten – so gut es eben ging. Schriftlich festgehalten wurde die
Vereinbarung nicht.
„Das war sehr anspruchsvoll“, meint Merten, schließlich warteten eine Menge
Pflichten auf ihn: Offiziell war er freigestellt, entsprechend gab es
sowohl von Verdi als auch vom Betriebsrat einige Erwartungen an ihn.
## Ungleichbehandlung durch die Pflicht zur Buchführung
Von Beginn an hatte ihn die Geschäftsführung darum gebeten, Buch zu führen
über seine Betriebsratstätigkeiten – und Tage mit Betriebsratsarbeit zu
melden. Doch von Beginn an erlebte Merten damit eine Ungleichbehandlung
gegenüber den anderen freigestellten Betriebsrät*innen. Die nämlich mussten
keinerlei Tätigkeitsnachweise erbringen.
Das ist das Wesen der Freistellung: Freigestellte Betriebsräte sind von
ihrer Arbeitspflicht generell entbunden, um ihre Betriebsratsarbeit zu
machen. Erklärungen dazu, wie sie ihre Betriebsratsarbeit nutzen, sind sie
[1][dem Arbeitgeber nicht schuldig.]
Merten führte Buch, laut seinem Anwalt Eike Schölgens-Berard sogar „sehr
gewissenhaft“. Aldi Lehrte reichte das offenbar nicht: Grundsätzlich alle
angegebenen Betriebsratstätigkeiten wurden nachträglich in Zweifel gezogen.
Man könne nicht ganz nachvollziehen, was Herr Merten jeweils gemacht habe.
Dabei, so Anwalt Schölgens-Berard, habe „ein Arbeitgeber grundsätzlich gar
kein Recht darauf, dass ein Betriebsrat minutiös nachweist, was er genau in
der Freistellung gemacht hat“.
Betriebsräte sind nicht unkündbar, wie es manchmal heißt, aber: Sie sind
schwerer zu kündigen als andere. Dass Merten gekündigt wurde, war möglich,
weil der Rest des Betriebsrats mehrheitlich zugestimmt hat; 19 Mitglieder
sitzen dort.
Wie die Entscheidung des Gremiums zustande kam, ist nicht öffentlich
bekannt; die Arbeit und Sitzungen des Betriebsrats sind von seinen
Mitgliedern vertraulich zu behandeln. Hätte der Betriebsrat nicht
zugestimmt, hätte Aldi für die Kündigung vor Gericht in ein
Zustimmungsersetzungsverfahren gehen müssen.
Aldi Nord hat keinen ausgesprochen schlechten Ruf als Arbeitgeber – vielen
ist bekannt, dass das Unternehmen übertarifliche Gehälter zahlt. Frei von
Skandalen ist das Unternehmen nicht, doch weniges davon ist wirklich
hochgekocht. Tatsächlich unterscheiden sich die Arbeitsbedingungen laut
Marc Jäger stark von Aldi-Gesellschaft zu Aldi-Gesellschaft. Er ist bei
Verdi Niedersachsen-Bremen für den Einzelhandel zuständig.
Aus der Gesellschaft Lehrte erreichen die Gewerkschaft aber
überdurchschnittlich viele Beschwerden. Die Gesellschaft wurde Anfang 2025
aus drei bis dato unabhängigen Gesellschaften zusammengesetzt – „vor allem
die Kolleg*innen aus Rinteln und Salzgitter merken, dass die
Arbeitsbedingungen seitdem schlechter geworden sind“, sagt der
Gewerkschafter Jäger.
Das wahrscheinlich größte Problem vor Ort sei die Personalplanung: „Die ist
für die Gesellschaft Lehrte extrem auf Kante genäht“, sagt Jäger. Vor
Feierabend gebe es teilweise nur eine einzige Mitarbeiter*in pro
Filiale. Fahrer*innen würden zu Beginn der Schicht nicht erfahren, wann
sie Feierabend haben werden.
## Genug zu tun für den Betriebsrat
Und rechtlich schwierig sei eine Regelung der Gesellschaft für das
Weihnachtsgeld: Wer einen Kind-krank-Tag anmeldet, bekommt das
Weihnachtsgeld anteilig gekürzt. Gerichte haben ähnliche Regelungen bereits
als Diskriminierung abgelehnt.
Genug Potenzial also für Betriebsratsarbeit. Zuletzt allerdings wurde eher
eine arbeitnehmerunfreundliche Betriebsvereinbarung abgeschlossen: Bis zu
einem bestimmten Grad kann Aldi Lehrte nun ohne Mitsprache des Betriebsrats
über Überstunden verfügen. „Für mich ist unverständlich, warum man ein
solch wichtiges Recht aus der Betriebsverfassung abgibt“, sagt Jäger.
Vor Gericht wird die Sache jetzt auch so kommen. Ende August ist ein
Gütetermin vorgesehen. Für Rechtsanwalt Schölgens-Berard ist die Lage
überaus deutlich. Für eine Verdachtskündigung, noch dazu auf Verdacht, wie
Aldi sie vorgesehen habe, sei der gesetzliche Rahmen eigentlich sehr eng –
und bisher habe Aldi seinen Verdacht auf Arbeitszeitbetrug nicht gut
begründen können.
„Ich gehe mit Entspanntheit ins Verfahren“, sagt der Rechtsanwalt. Auch
Marc Jäger von Verdi sieht wenig Interpretationsspielraum: „Für uns ist die
Gesetzeslage völlig klar. Dass der Arbeitgeber hier eine Kündigung
versucht, halten wir für einen Skandal.“
Die Lage ist dennoch misslich für Merten: Seit dem 20. Juli steht er nach
der fristlosen Kündigung ohne Gehalt da; ein Antrag auf Arbeitslosengeld
muss nach der angeblich schuldhaften Kündigung erst einmal durchkommen. Ein
Prozess kann sich ziehen.
Transparenzhinweis: Ein Zitat im Text zur Arbeitsbelastung war
versehentlich Michael Merten zugeordnet worden. Die Aussage stammt aber von
Gewerkschafter Marc Jäger. Wir haben das geändert.
30 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.betriebsrat.de/fachartikel/freistellung/der-freigestellte-betriebsrat-3125546
## AUTOREN
(DIR) Lotta Drügemöller
## TAGS
(DIR) Aldi Nord
(DIR) Union Busting
(DIR) Betriebsrat
(DIR) Arbeitszeit
(DIR) Arbeitsrecht
(DIR) Niedersachsen
(DIR) Verdi
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Supermarkt
(DIR) Union Busting
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Ladenöffnungszeiten: Sollten Läden auch am Sonntag geöffnet sein?
Das Land ist mal wieder gespalten. Diesmal geht es um die Öffnungszeiten
von Geschäften am Sonntag. Ein Pro & Contra.
(DIR) Abrechnung mit Selbstbedienungskassen: Wer sagt hier Bullshit-Job?
Selbst-Scanner-Kassen im Supermarkt rationalisieren unseren Alltag, fressen
Arbeitsplätze und soziale Begegnung. Ich halte davon absolut nichts.
(DIR) Behinderung von Betriebsräten: Außer Betrieb
Unternehmen behindern oft die Arbeit von Betriebsräten. Dagegen vorzugehen,
ist schwierig – wie das Beispiel Foot Locker zeigt.