# taz.de -- Influencer und Werbestrategie: Leute, ihr nervt!
       
       > Übertriebene Mimik beim Pre-Release, Verkostungslöffel, die vor
       > Begeisterung durch die Luft fliegen. Wann ist Overacting vor der
       > Handykamera endlich over?
       
 (IMG) Bild: Der Algorithmus belohnt den Überschwang, also liefern die Content-Creators mehr davon
       
       Wenn andere spontan, impulsiv und ausgelassen sind, zögere ich gern. Mal
       bereue ich es im Nachhinein, mich von Gefühlen abgehalten zu haben, die das
       Leben vielleicht erst lebenswert machen. Meistens bin ich aber auch
       erleichtert, von den Konsequenzen der überschwänglichen Aufs und Abs
       verschont zu bleiben, weil ich mir den einen oder anderen Gefühlsausbruch
       verkniffen habe.
       
       Kürzlich wollte ich aber doch einmal ausbrechen: hin zur Pre-Release
       Listening Party für das neue Album einer meiner Lieblingsbands, The
       Strokes. Also rasch überteuertes Ticket kaufen und rein in einen
       Plattenladen in Neukölln, um dort zu hören, was ich Stunden [1][später
       sowieso for free auf Spotify hören würde].
       
       Ich ging nicht unbedingt der Musik wegen dorthin, vielmehr wollte ich mich
       an das Gefühl aus alten Schulzeiten erinnern, als ich freitags blaumachte,
       um als Erster die neueste Veröffentlichung von irgendwem zu ergattern und
       diese dann auf dem Wohnzimmerteppich liegend rauf und runter hörte, bis ich
       jede Zeile mitsingen konnte.
       
       Aus meinem nostalgischen Gefühl wurde nix. Es wurde mir von einer Horde
       InfluencerInnen verhagelt, die mit mir in den Record Store rammelte,
       weniger aus Nostalgie als aus Berufsgründen. Denn gefilmte Gefühle spielen
       kostbare Aufmerksamkeit ein. Noch vor den ersten Klängen zückten sie ihre
       Telefone und filmten sich beim Hören: Augen verdreht, Mund aufgerissen und
       mit der Hand verschlossen, die andere Hand auf der Brust fühlt den erhöhten
       Puls. Manche hielten ihre Unterarme in die Kamera, Gänsehaut als Beleg
       authentischer Ekstase. Und ich so: Echt jetzt?
       
       Ja klar, wer bin ich, über die Gefühle anderer zu urteilen. Trotzdem kaufe
       ich euch nicht ab, wie unfassbar lecker euer Gurkensalat ist, wenn ihr die
       Faust auf die Edelstahlanrichte hämmert, den Verkostungslöffel durch die
       Küche pfeffert und fassungslos den Kopf schüttelt. Ich habe schon
       Gurkensalat gegessen. Ich kaufe euch nicht ab, wie fantastisch sich das
       Work-out anfühlt, wenn ihr demonstriert, wie witzig ihr die Übungen findet.
       Ich habe schon Klimmzüge gemacht. Und keinesfalls kann ich euch eure
       Begeisterung über diese neue Platte abkaufen. Sie ist nicht besonders gut.
       
       ## Wenn Gefühle zum Produkt werden
       
       Mimik ist Universalsprache. Die meisten Menschen auf der Welt verstehen, ob
       jemand glücklich, traurig, wütend, ängstlich, überrascht oder angewidert
       ist. Wir nehmen uns diese Gesichtsausdrücke zu Herzen, sie lösen eigene
       Gefühle in uns aus, das emotionale Drama unterhält uns. So werden in den
       sozialen Medien nachweislich Videos mit expressiven Gesichtern häufiger
       angeschaut. Der Algorithmus belohnt den Überschwang, [2][also liefern die
       Content-Creators] mehr davon. Das Publikum gewöhnt sich an die
       Übertreibung, sodass schon die nächste Reaktion umso heftiger ausfallen
       muss.
       
       Wenn aber Gefühle nicht länger Reaktion sind, sondern Produkt werden:
       Stumpft dann unser Verständnis für Gefühle ab?
       
       Hoffentlich nicht. Die Konsumentenforschung wusste doch schon vor Social
       Media, dass übertriebene Werbung weniger angenommen wird als authentische.
       Vielleicht hat das Publikum bald genug von der Emotionsinflation. Schon
       jetzt gibt es eine Gegenbewegung des Deinfluencings, die übereuphorische
       Unboxing-Videos entlarvt.
       
       Denkt also dran, wenn ihr euch auf Reisen filmt, wie doll ihr euren Urlaub
       genießt. Denkt dran, wenn ihr euch im Museum filmt, wie deep die Kunst auf
       euch wirkt. Denkt dran, wenn ihr uns zeigen müsst, wie ihr die beste Zeit
       eures Lebens habt, die ihr vielleicht sogar hättet, wenn ihr euch nicht
       filmen würdet: Wir misstrauen euch.
       
       9 Aug 2026
       
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