# taz.de -- Aktionskunst im Wedding: Die Straße wird zum Widerstand
       
       > Das Interventionsfestival „Poetics of Resistance“ in der Papierstraße im
       > Wedding zeigt, wie Widerstand aussehen kann, wenn er im Alltag gelebt
       > wird.
       
 (IMG) Bild: Tagelang haben Kayla Elrod und Mark Ballyk Unkraut gejätet, um den exklusiven Tennissport zugänglich zu machen
       
       „Überschreite die Grenze“, steht in weißer Farbe auf dem Bürgersteig,
       dahinter eine durchgezogene, ebenfalls weiße Linie. Wer sich traut, betritt
       eine Kopfsteinpflasterstraße mitten im Industriegebiet, die in einer
       Sackgasse mündet. Zwischen Wohnhäusern, Fabrik und Kleingartenkolonie
       versteckt sich hier eine umgebaute alte Tischlerei: der selbstorganisierte
       Projektraum Make-up. Auf dem Dach weht ein metergroßes Banner im Wind: „Be
       present“.
       
       Dahinter steckt die Künstlerin Sara Manfredi mit ihrer Arbeit „Politics of
       Presence“. Ihre Mikroinstallationen ziehen sich entlang der Papierstraße,
       der nördlichsten und kürzesten Straße im Wedding kurz vor Schönholz.
       Präsenz sei eine politische Praxis, so die Künstlerin; eine Entscheidung,
       hier zu sein, zu bleiben und Grenzen zu überschreiten.
       
       Manfredi ist eine von neun Künstler*innen, die im Rahmen des
       Interventionsfestival „Insertions in a dead-end street“ (Interventionen in
       einer Sackgasse) vom 17. bis 25. Juli mit Performances, Konzeptkunst und
       Skulpturen im Alltagsraum in und um die Papierstraße herum eingreift. „Die
       künstlerische Arbeit soll sich hineinweben in den Alltag, in das, was schon
       ist“, erklärt Jakob-Margit Wirth. Wirth sitzt mit Marina Resende Santos im
       „Wohnzimmer der Nachbarschaft“, einem Holzparklet, das die
       Aktionskünstler*innen vor einigen Jahren auf den Gehweg vor dem
       Projektraum gebaut haben. [1][Wirth und Resende Santos bespielen seit fünf
       Jahren den Raum, das Festival haben sie gemeinsam kuratiert.]
       
       ## Die Papierstraße als Mikrokosmos
       
       „Der Ort wirkt lost“, sagt Wirth. „Aber er hat alles, was zur Verhandlung
       von Stadt gehört: eine Fabrik, eine Brachfläche, die gleichzeitig
       Spekulationsfläche ist, Wohnhäuser mit migrantisch geprägten
       Bewohner*innen, einen Projektraum und Kleingärten.“
       
       „Poetics of Resistance“ lautet das Oberthema des Interventionsfestivals,
       das auch über zwei Jahre das Thema im [2][Kulturraum Make-up] sein wird.
       „Es geht um die Frage, wie man Widerstand abseits von Aktivismus oder
       politischer Teilhabe leisten kann“, erklärt Resende Santos. Denn diese
       gewöhnlichen Widerstandssprachen seien nicht allen zugänglich. Einfacher
       sei es, sich im öffentlichen Raum unangepasst zu verhalten.
       
       Das Festival konzentriert sich daher auf Interventionen in alltäglichen
       Situationen. Zugrunde liegt dem das Konzept der Poiesis. „Auf Altgriechisch
       bedeutet das, etwas zu kreieren, das zuvor nicht existierte“, so Resende
       Santos: „Eine neue nicht kodierte, nicht konventionelle Sprache.“
       Gesprochen werden soll über diesen widerständigen Moment nicht, er soll
       geschaffen werden. Die Kunst soll Widerstand nicht repräsentieren, sondern
       in sich widerständig sein.
       
       Das Konzept klingt höchst abstrakt und intellektuell. Doch die Kunst hat
       einen praktischen Nutzen für die Nachbarschaft. Das zeigt sich auf der
       Brachfläche gegenüber: Hinter den Bauzäunen liegt ein orangefarbener
       Tennisplatz zwischen Sandhügeln. Tagelang haben die Künstler*innen Kayla
       Elrod und Mark Ballyk hier Unkraut gejätet, den Boden bearbeitet und
       verdichtet, erzählt Resende Santos. Kaum sind die Bauzäune einen Spaltbreit
       geöffnet, kommen die Nachbarskinder auf den Platz gerannt. „Dürfen wir auch
       spielen?“, fragen sie aufgeregt. Sie dürfen. Ziel, der Künstler*innen
       ist es, den exklusiven Elitesport für alle zugänglich zu machen, auch für
       die ärmere Nachbarschaft rund um den Projektraum.
       
       ## Nachbar*innen übernehmen die Praxis des Aneignens
       
       Es ist nicht das erste Mal, dass Resende Santos und Wirth die Brachfläche
       bespielen. Sie sei längst „Teil ihrer Spielfläche“, so Wirth. Dort haben
       die Aktionskünstler*innen in der Vergangenheit bereits Minigolfbahnen
       errichtet oder Kartoffeln angebaut. „Wenn wir die Praxis des Aneignens
       vormachen, nimmt die Straße sich ihrer an“, sagt Santos. Nachbar*innen
       würden dann ihre Stühle auf die Straße stellen, oder Kinder fragen, wann
       sie wieder Kartoffeln anbauen könnten. „Das prägt ihr Verständnis von dem,
       was möglich ist.“
       
       Aneignung durch die Nachbarschaft ist auch das Ziel der Künstlerin
       Katharine Lüdicke, die oben auf dem Holzparklet vor dem Projektraum das
       „Wolkenkuckucksheim“ angebracht hat. Über eine Leiter geht es hinauf in die
       Installation. Oben eröffnet sich eine Sitzfläche aus Spahnholz, darüber
       spannen sich orangefarbene Schnellgurte. Türkise durchgeschnittene Rohre
       und Holzbalken sind wild miteinander verdrahtetet, überdacht von einer
       weißen Plane. „Es ist eine fantastische Architektur, die Imaginationen
       aufmacht“, findet Wirth: „Was ist mit unserem Raum? Wer bestimmt darüber?
       Wie können wir ihn uns aneignen?“ Nach dem Festival muss die Wolke aufgrund
       von Genehmigungsschwierigkeiten und Haftungsrisiken wieder verschwinden.
       Was dann mit ihr geschieht, soll die Straße entscheiden.
       
       Resende Santos und Wirth führen durch eine knarzige Holztür in den Innenhof
       des Projektraums. Dort lockt einen ein leiser Pfeifton in das Innere des
       Hauses. Dahinter stecken Nick Wylie und Jason Lazarus, die in einer
       Fensterscheibe ein Signal angebracht haben, das Aufzeichnungen von
       Schnellwarnsystemen aus den USA überträgt. Dort warnen sich
       Nachbar*innen mit unterschiedlich codierten Pfiffen vor der Ankunft der
       US-Einwanderungsbehörde ICE. Drei Pfiffe bedeuten: ICE ist im Anmarsch, ein
       langer Pfiff: Jemand wird gewaltsam entführt. Zu jeder vollen Stunde
       erklingt in der Soundinstallation ein gepfiffener Morsecode, der den Namen
       einer der 64 anerkannten ICE-Todesopfer ergibt. Am Donnerstagabend sprechen
       die beiden Künstler im Projektraum in einem Gastvortrag über Widerstand
       gegen ICE.
       
       Es ist nur einer von vielen Vorträgen, die im Rahmen des zweijährigen
       öffentlichen Programms „Poetics of Resistance“ stattfinden. Neben dem
       Interventionsfestival umfasst das Programm zudem [3][öffentliche
       Interventionen, eine Reihe künstlerischer Projekte, eine Sommerschule],
       eine Ausstellung und Diskussionsabende. Kern des Forschungsprojekts bildet
       die Diskussionsgruppe „Talking Poetics of Resistance“, die sich monatlich
       trifft, um theoretische Beiträge zu lesen, Kunstwerke zu erleben,
       Gastredner*innen zuzuhören und ästhetisch-politische Praktiken zu
       diskutieren.
       
       ## Geschichten der Nachbarschaft
       
       Durch das Fenster fällt der Blick auf den Innenhof und auf Christina Stark,
       die gerade auf Holzpaletten sitzt und eine Käsestulle isst. Die Künstlerin
       trägt einen pinken Overall mit Farbflecken und eine pinke Cap, unter der
       ihre grün gefärbten Spitzen hervorlugen. Nach ihrer Pause erklärt sie
       draußen auf der Straße: „Ich versuche diesen Platz bewohnbar zu machen und
       ihn den Autos wegzunehmen.“ Für ihr Werk „Mapping the Circle – (who was
       here)“ packt Stark die Steine in der Papierstraße in Papier ein. Die Leute
       sollen Ziele und Träume, Forderungen aber auch Banales darauf schreiben und
       auf andere antworten – wie in einem Gespräch, das sich über die Zeit hinweg
       entfaltet. „Es geht um ein geteiltes inneres Sprechen“, sagt Stark. Die
       Künstlerin glaubt: „Wir müssten das viel mehr teilen.“
       
       Um die Installation herum rennen Kinder, die meisten bunten Steine sind
       noch unbeschriftet. Das Gewitter am Vorabend habe alle Steine samt
       Inschriften weggespült, erzählt Stark. Doch während alte Geschichten
       verschwinden, kommen neue dazu. „Bisschen Musik und tanzen auf der Straße
       ist gut“, steht auf einem Stein. Auf einem anderen hat ein Nachbarsmädchen
       einen Bären gemalt, den sie stolz präsentiert, während sie in einem Glas
       Schleim anmischt. „Ich habe die Kinder über mein Kunstwerk laufen lassen
       wie das Wetter“, sagt Stark und lacht. Sie seien als erste gekommen. Nach
       und nach hätten sich die Jugendlichen getraut, dann die Menschen aus den
       Schrebergärten, die Eltern der Kinder und schließlich, zögerlich, die
       Mitarbeiter*innen aus der angrenzenden Fabrik.
       
       Am Abend soll es ein Lagerfeuer rund um die Steine geben, am Freitag
       grillen Künstler*innen zusammen mit Nachbar*innen und anderen
       Neugierigen. Jakob-Margit Wirth und Marina Resende Santos strahlen: „Es
       macht Spaß die verschiedenen Communitys zu clashen.“
       
       23 Jul 2026
       
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