# taz.de -- Künstlerische Sabotage: Eindringen, mitessen, stören
> Die Berliner „Parasite School“ will globale Großkonzerne hacken und
> verändern. Die taz begleitet das riskante Projekt ein Jahr lang beim
> Intervenieren.
(IMG) Bild: Parasite Artists vor dem „Penthaus à la Parasit“, das nun als „Penthaus à la Wirth“ als Headquarter genutzt wird
Mittwochnachmittag in der Papierstraße, im Innenhof des selbstorganisierten
Projektraums „Make-up“, einer ehemaligen Tischlerei in Gesundbrunnen, dort,
wo Berlin schon fast Reinickendorf wird und die Stadt noch im Übergang ist.
Auf dem Tresen einer roh überdachten Outdoorküche stehen zwischen
Notizzetteln leere Teetassen und gefüllte Obstschalen, weiter hinten baut
jemand einen neuen Schuppen. Mittendrin sitzen [1][Jakob-Margit Wirth] und
Matilde Outeiro, die beiden Kurator*innen der Parasite School,
gleichermaßen erschöpft und zufrieden.
Hinter ihnen liegt eine dicht besuchte Kick-off-Veranstaltung mit
zahlreichen Vorträgen und Gesprächen am vergangenen Sonntag im Zentrum für
Kunst und Urbanistik (ZK/U), drei Tage Workshop unter Ausschluss der
Öffentlichkeit; vor ihnen liegt ein Symposium am kommenden Wochenende und
danach ein Jahr, in dem sich das Projekt erst entwickeln muss, in dem man
schaut, wie seine unverschämte Kernidee funktionieren wird. Sechs
Künstler*innen aus verschiedenen Teilen der Welt werden in Berlin und
anderswo in Unternehmen und Institutionen eintauchen: in eine große
Distributionsfirma, eine Unternehmensberatung, ein Jobcenter, eine
Rückkehrberatungsstelle, eine Social-Media-Agentur und ein
Geldtransportunternehmen. Sie wollen dort nicht nur beobachten und Material
sammeln, sie wollen stören, verschieben, verändern.
Damit ist die Parasite School mehr als investigativer Journalismus mit
künstlerischem Überbau. Natürlich geht es auch darum, das, was Wirth das
„Herz des Kapitalismus“ nennt, sichtbarer zu machen. Aber die Schule will
weitergehen. Sie fragt, ob man ein Unternehmen parasitieren kann, indem man
etwa einen Betriebsrat gründet, Arbeitsprozesse hackt, ökologische
Maßnahmen einschleust oder das System heimlich sozialer macht, als es das
selbst je geplant hatte.
Der Aufwand ist entsprechend enorm. Für die beteiligten Künstler*innen
gibt es Anwält*innen, Psycholog*innen, einen Notfallfonds und weitere
Auffangstrukturen, falls etwas schiefgeht. Zu den Mentor*innen gehören
namhafte Figuren wie [2][Anna Watkins Fisher vom King’s College London],
die viel Kluges über parasitäre Strategien in der Kunst geschrieben hat,
sowie die [3][Berliner Guerilla Architects], die mit Projekten wie dem
„City Data Walk“ rund um den Mercedes-Benz-Platz die private Kontrolle
vermeintlich öffentlicher Räume untersucht haben. Die Künstler*innen
selbst müssen anonym bleiben, denn wer erkannt wird, bevor das Eindringen
überhaupt gelungen ist, ist kein Parasit mehr.
## Penthäuser für die Nachbarschaft
Am plastischsten hat Wirth die Methode des Parasitierens bei der
Kick-off-Veranstaltung im ZK/U erklärt. In Berlin ist Wirth längst keine*e
Unbekannte*r mehr. 2019 stellte Wirth das [4][„Penthaus à la Parasit“]
auf das Dach eines Neuköllner Mietshauses, wohnte dort auf 3,6
Quadratmetern, organisierte Treffen mit Aktivist*innen und
Nachbarschaftskonzerte und bot das verspiegelte Gebilde, das darum kaum
sichtbar war, zugleich auf Immobilienplattformen zur Vermietung ein. Ein
paar Jahre später [5][besetzte Wirth mit beweglichen Podesten Parkplätze]
und richtete [6][temporäre Wohnzimmer auf brachliegenden Signa-Baustellen]
ein.
Auf dem Podium des ZK/U berichtet Wirth mit jener trockenen Komik, die
entsteht, wenn jemand Dinge tut, die absurd wirken, aber leider nur
deshalb, weil die Realität, in die sie eingreifen, noch absurder ist. Die
Figur des Parasitären, sagt Wirth, ist gerade deshalb spannend, weil sie
einfache Gegensätze wie gut und böse verweigert. Anders als klassische
subversive Kunst, die ihre politischen Absichten meist offen ausstellt,
bleibt parasitäre Kunst heimlich. [7][Sie lebt vom Wirt, an den sie sich
heftet, und bewegt sich zwischen Anpassung, Störung und Widerstand.] Im
besten Fall kann sie ein System von innen irritieren, überschreiben,
vielleicht sogar verändern. Im schlechtesten Fall fliegt sie auf.
Das ist auch deshalb interessant, weil Widerstand so gern vereinnahmt wird.
[8][Der spätmoderne Imperativ, ein kreatives, einzigartiges Leben zu
führen], führte seit den 1980er Jahren zu ökonomischer Verwertung,
beispielsweise zur Flexibilisierung der Arbeitswelt. „Wir sind ohnehin Teil
des Systems“, sagt Wirth, „und das reflektiert diese Methode mit“. Die
parasitäre Kunst behauptet also nicht, unschuldig außerhalb zu stehen. Sie
nimmt die eigene Verstrickung ernst und macht aus ihr eine Taktik.
Wie diese Theorie in die Praxis übergehen könnte, zeigt sich im Hof von
Make-up, wo zwei der beteiligten Künstler*innen erzählen, wohin sie
ausschwärmen wollen. Eine*r plant, in eine Buzz-Marketing-Agentur
einzudringen, die in Südostasien wegen der billigen Arbeitskraft noch immer
stärker mit Clickworking arbeitet als, wie im Westen häufiger, mit Bots. In
der eigenen Region, sagt die Person, sei zu beobachten, wie politische
Akteur*innen zunehmend mit solchen Agenturen arbeiteten, um die
Öffentlichkeit zu manipulieren.
Das Ziel sei zunächst „Aufklärung und Transparenz“, sagt die Person.
Denkbar sei, mit einer eigenen Agentur die Methoden solcher Firmen
offenzulegen – oder aber auch, als Clickworker*in undercover Fehler ins
System einzuschleusen und manipulierte Inhalte wie aus Versehen zu
markieren. Der Parasit wäre hier kein großer Enthüller mit Scheinwerfer und
Megafon, sondern ein nervöses Sandkorn der Sabotage im Getriebe der
Aufmerksamkeitsindustrie.
Ein*e andere*r Künstler*in, mit wirtschaftswissenschaftlichem
Hintergrund, will sich bei einer [9][Consultingfirma in Berlin] bewerben.
„Die Geschichte und Gegenwart von Consultingfirmen, die zuerst in den USA
entwickelt wurden, ist der Öffentlichkeit wenig bewusst“, sagt die Person,
und das, obwohl diese Firmen riesig sind und politische wie ökonomische
Entscheidungen weltweit mitprägen. Auch hier geht es nicht nur um
Recherche, sondern um Zugang – und vielleicht sogar gezielte Fehlerkultur
in so mancher Powerpoint-Präsentation.
## Der Parasit soll unabhängig werden
Hinzu kommt ein parasitärer Nebengedanke: Die Verdienstmöglichkeiten in
solchen Firmen sind oft unvorstellbar. Sollte es gelingen, dort
hineinzukommen, könnte mit dem Gehalt der Notfallfonds des Projekts gefüllt
und die Parasite School unabhängiger von staatlicher Förderung gemacht
werden, die unter anderem vom Bund kommt. In Zeiten, in denen politische
Einflussnahme auf Kultur – Stichwort [10][Wolfram Weimers Einmischungen bei
Berlinale und Buchhandlungspreis] und [11][Berliner Fördergeldaffäre] —
immer größer wird, ist diese Unabhängigkeit für Wirth und
Mitstreiter*innen weit mehr als eine organisatorische Frage.
Nach dem Symposium am Wochenende beginnt also die eigentliche
Bewährungsprobe. Die Künstler*innen schwärmen aus und tauchen vier
Monate lang als Parasit*innen ab. Im November kehren sie nach Berlin
zurück, arbeiten vier Wochen im Rahmen einer Residenz am ZK/U und
entwickeln dort eine Ausstellung im Prozess. Anfang 2027 folgt eine fertige
Ausstellung.
Die taz wird die Künstler*innen während ihrer Interventionen begleiten –
und auch ihre Rückkehr nach Berlin.
18 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Kuenstler-protestiert-gegen-Wohnungsnot/!6022557
(DIR) [2] https://www.kcl.ac.uk/people/anna-watkins-fisher
(DIR) [3] /Lebensmittelverschwendung-in-Berlin/!5385710
(DIR) [4] /Auf-Neukoellner-Daechern/!5596869
(DIR) [5] /Aneignung-Berlins-von-unten/!5933589
(DIR) [6] /Kuenstler-protestiert-gegen-Wohnungsnot/!6022557
(DIR) [7] /Der-Ball-an-sich/!1753820/
(DIR) [8] /Zwei-Buecher-ueber-Liberalismus/!5651646
(DIR) [9] /Union-Busting-bei-Thoughtworks/!6182289
(DIR) [10] /Buchhandlungen-im-Kulturkampf/!6186817
(DIR) [11] /Untersuchungsausschuss-Foerdergeldaffaere/!6186292
## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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