# taz.de -- Übernachtung in der Sacré-Cœur: Nachts zu Gast bei Gott
> Seit 1885 wird in der Basilika auf dem Montmartre ununterbrochen gebetet,
> tags wie nachts. Unsere Autorin war dabei – und hat dort geschlafen.
(IMG) Bild: Unsere Autorin lebt am Fuße des Montmartre und ist schon unzählige Male hinaufgestiegen. Doch so aufgeregt war sie noch nie
Manchmal werde ich gefragt, was mir an meinem Viertel so gut gefällt, dass
ich den Umzug in ein anderes Pariser Arrondissement nicht einmal in
Erwägung ziehe. Ohne zu zögern nenne ich dann die Namen meiner liebsten
Bars und Cafés, schwärme vom nie zur Ruhe kommenden Ausgehviertel Pigalle
und von der pittoresken Rue des Martyrs mit ihren viel zu teuren
Feinkostläden.
Denke ich länger über die Frage nach, ist es vielleicht auch die Tatsache,
dass ich am Fuße des Montmartre lebe, von dem aus die Basilika Sacré-Cœur
über der Stadt thront. Noch nach mehreren Jahren in Paris löst es etwas in
mir aus, wenn ich bei meinen Streifzügen durch das Viertel einen Blick auf
die weißen Kuppeln der Kirche erhasche. Die Treppen bis zum höchsten Punkt
von Montmartre bin ich unzählige Male hinaufgestiegen, doch so aufgeregt
wie an diesem Mittwochabend war ich noch nie.
Ich schlängle mich an den Tourist*innen vorbei bis zum Hintereingang der
Kirchenanlage, öffne ein gusseisernes Tor und folge den Schildern zum
Empfang, wo zwei Nonnen hinter ihren Computerbildschirmen sitzen. Die 15
Euro, die für Übernachtung und Frühstück im Gästehaus der Sacré-Cœur
anfallen, habe ich bereits bei der Buchung bezahlt. Ich habe mich zur Nuit
d’adoration angemeldet, der Nacht der Anbetung. Eine der Nonnen hilft mir,
ein neonpinkes Bändchen an meinem Handgelenk zu befestigen. Darauf steht:
St. Paul, Box 9 – mein Bett in einem der Schlafsäle.
Jetzt müsse ich nur noch ein einstündiges Zeitfenster zwischen 23 Uhr und 5
Uhr wählen, in dem ich mich in die nächtliche Kirche begebe, erklärt die
Nonne und weist auf ein Whiteboard neben der Eingangstür. Die einzige
Bedingung für eine Übernachtung ist nämlich, zur Aufrechterhaltung einer
noch nie unterbrochenen Gebetskette beizutragen. In jedem Feld stehen
bereits Namen, ich trage mich für ein bis zwei Uhr morgens ein.
Im angrenzenden Warteraum treffe ich zum ersten Mal auf die Menschen, die
mit mir in der weltberühmten Kirche übernachten: mehr Frauen als Männer,
die meisten von ihnen vermutlich um die fünfzig Jahre alt. Kurz nach mir
tritt mit schnellem Schritt eine ältere Ordensschwester ein. Ganz in Weiß
gekleidet, mit einer Steppweste über dem Gewand und einem Klemmbrett unter
dem Arm grüßt sie in die Runde. Dann schließt sie den Konferenzraum auf, in
dem sie uns in der folgenden halben Stunde mit dem Prinzip der Nacht der
Anbetung vertraut machen wird.
## Mindestens eine Person betet immer
Seit 1885, zehn Jahre nach Grundsteinlegung, wird in Sacré-Cœur
ununterbrochen gebetet, tagsüber und eben auch nachts. Pausiert wurde die
Nuit d’adoration nicht einmal während der Weltkriege und der
Coronapandemie. Zwar konnte die Basilika in dieser Zeit keine Gläubigen aus
der ganzen Welt in Empfang nehmen, doch sorgten die ansässigen
Benediktinerinnen in Sonderschichten dafür, dass stets mindestens eine
Person in der Kirche betete.
Als die Nonne fragt, wer zum ersten Mal teilnimmt, gehen außer meiner nur
zwei weitere Hände in die Höhe. Insgesamt sind wir 20 Personen im
Konferenzraum. Mein Blick bleibt an einem jungen Mann hängen, der schräg
vor mir sitzt. Als er auf seine Smartwatch tippt, um sich die Uhrzeit
anzeigen zu lassen, leuchtet auf dem kleinen Display an seinem Handgelenk
ein Bild von Jesus auf.
Bei der Nacht der Anbetung, erklärt die Nonne, handle es sich um eine sehr
persönliche Begegnung mit Gott. Ihm solle man sich eine Stunde lang
hingeben, statt über das eigene Leben zu sinnieren. Wichtig sei außerdem,
sich zu bekreuzigen und niederzuknien. Ich fühle mich ertappt, denn auch
wenn von Anbetung die Rede ist, hatte ich vor, meinen nächtlichen
Aufenthalt in der Kirche eher als Moment des Innehaltens und der
Introspektion zu begreifen. Ich war in der Hoffnung auf den Montmartre
gestiegen, dass mir die Reflexion dabei hilft, Antworten auf die Fragen zu
finden, die mich umtreiben.
Nach der Einführung mache ich mich auf den Weg in den Schlafsaal, der mehr
Komfort bietet, als der Name vermuten lässt. Jedes Bett befindet sich in
einer sogenannten Box, quasi einem eigenen Zimmer, allerdings mit Vorhang
statt Tür und Wänden, die nicht ganz bis zur Decke reichen. Direkt vor dem
Fenster tut sich die Kirche vor mir auf, mit ihren vielen Kuppeln,
Rundbögen und Säulen. Wenn ich den Blick nach links wende, sehe ich die
Stadt vor mir liegen.
## Der Bau der Sacré-Cœur ist symbolisch
Dass die Basilika ausgerechnet hier, auf dem Hügel von Montmartre, erbaut
wurde, ist kein Zufall. Am 18. März 1871 bildete sich an gleicher Stelle
[1][die Pariser Kommune], jene zu großen Teilen aus revolutionären Linken
bestehende Gemeindevertretung, die das System stürzen und für mehr soziale
Gerechtigkeit sorgen wollte – mithilfe der Einführung der Schulpflicht, der
Trennung von Kirche und Staat und gleicher Löhne für Männer und Frauen.
Doch weder die alten Eliten Frankreichs noch die deutschen Besatzer, die
unter Bismarck soeben den deutsch-französischen Krieg gewonnen hatten,
wollten ein sozialistisches Paris. Also ließ Bismarck die französischen
Kriegsgefangenen nach Unterzeichnung des Friedensvertrags frei und die
Kommune, die innerhalb von gut zehn Wochen zahlreiche Reformen durchsetzen
konnte, wurde von den französischen Truppen brutal zerschlagen.
Der Bau der Sacré-Cœur auf dem Hügel von Montmartre ist also symbolisch.
Die Wiege des Aufstands sollte in eine Stätte der Frömmigkeit umgewandelt
werden – finanziert von der Bevölkerung: Je nach finanziellen Mitteln
konnten Gläubige einen Stein, eine Säule oder gar eine Kapelle sponsern. Im
Gegenzug wurden die Initialen der Geldgeber*innen ins Gemäuer
gemeißelt.
Während ich meinen Blick über den Kalkstein schweifen lasse, höre ich das
gleichmäßige Atmen der Person, die zwei Boxen weiter schläft. Ich selber
bleibe lieber wach, weil ich nicht möchte, dass meine Zimmergenossinnen vom
Klingeln des Weckers gestört werden. Und müde bin ich eh noch nicht.
## Die absolute Stille ist ergreifend
Um kurz vor ein Uhr schleiche ich in Jeans und Pulli aus dem Schlafsaal,
folge dem Gang, der das Gästehaus mit der Basilika verbindet und stehe
plötzlich mitten in der riesigen, nur vom Schein der Kerzen erleuchteten
Kirche. Weil im Laufe der Nacht kleine Bauarbeiten im Kirchenschiff
stattfinden sollen, wird die Nuit d’adoration ausnahmsweise in der Krypta
abgehalten. Dennoch nehme ich für einige Minuten auf einer der Bänke Platz
und lasse mich ergreifen von der absoluten Stille und dem monumentalen,
spärlich beleuchteten Bauwerk, das mich umgibt. Ich kann kaum fassen, ganz
alleine an dem Ort zu sein, der Tag für Tag von Tausenden Menschen aus der
ganzen Welt besucht wird.
Dann führen mich 50 Stufen in die Krypta hinab, wo zehn Frauen und Männer
dem Altar zugewandt in Bänken sitzen oder knien. Auf der Webseite der
Sacré-Cœur steht zwar, dass sich an Montagen, Dienstagen und Mittwochen oft
nicht genug Personen anmelden, um die ganze Nacht zu füllen, ich erlebe
allerdings genau das Gegenteil. Das von mir gewählte Zeitfenster scheint
beliebt zu sein. Abgewiesen wird wohl niemand, solange es freie Betten
gibt.
Ich wähle einen Platz in der letzten Reihe, hinter einem jungen Mann,
dessen T-Shirt ein Vers aus dem [2][ersten Korintherbrief] ziert: „Stand
firm, be strong“ steht auf dem blauen Stoff. Mir ist kalt und es dauert
eine Weile, bis ich mich an die Situation gewöhnt habe. Hier unten, umgeben
von Menschen, die ich nicht kenne, fühle ich mich weniger wohl als in der
Einsamkeit des Kirchenschiffs.
Von meinem Platz aus lasse ich den Blick umherschweifen, nehme wahr, dass
der Mann vor mir kurz einnickt und wieder aufschreckt, und wie zwei Frauen
beim Verlassen der Bank einen so tiefen Knicks machen, dass ihre Knie für
ein paar Sekunden den Steinboden berühren. Ich teile diese Ehrfurcht nicht
und fühle mich fehl am Platz, denn ich bin wohl die mit Abstand am
wenigsten religiöse Person im Raum.
Ohne zur Ruhe zu kommen, beobachte ich, was um mich herum geschieht.
Irgendwann gelingt es mir, den Blick auf dem steinernen Jesus ruhen zu
lassen, der seine Arme vor mir ausbreitet. Ich versuche, meinen Gedanken
eine Richtung zu geben, [3][sie an Gott zu richten]. Aber ich weiß schon
nach ein paar Minuten nicht mehr, was ich ihm sagen soll. Das Denken fühlt
sich an wie ein Kraftakt.
## Der Eindruck, es nicht richtig zu machen
Ich bin froh, als meine Armbanduhr zwei Uhr anzeigt und beeile mich, zurück
in den Schlafsaal zu kommen. An Schlaf ist erst einmal nicht zu denken,
obwohl ich müde bin. Das soeben Erlebte beschäftigt mich. Eine intensive
Erfahrung hatte ich mir zwar im Vorfeld gewünscht, dabei allerdings eher an
eine Art Erkenntnis gedacht. Nicht an das Gefühl des Unwohlseins, das sich
stattdessen eingestellt hat. Der Eindruck, es nicht richtig zu machen, hat
mich von der Krypta bis in den Schlafsaal begleitet.
Als ich am nächsten Morgen um 7.30 Uhr meine Box verlasse, sind die anderen
Betten bereits leer. Letztendlich habe ich so gut geschlafen, dass ich vom
Aufbruch meiner Zimmergenossinnen nichts mitbekommen habe. Ich stopfe meine
Bettwäsche in den dafür vorgesehenen Wäschewagen und folge den Schildern
zum Frühstücksraum, der im Untergeschoss liegt. Hier stoße ich nicht nur
auf eine Schulklasse, sondern auch auf einige bekannte Gesichter aus der
vergangenen Nacht.
Der junge Mann mit der Smartwatch ist gerade dabei, eine Scheibe Brioche
mit Nutella zu bestreichen und eine ältere Frau, der ich beim Verlassen der
Krypta über den Weg gelaufen bin, nimmt mir gegenüber Platz. Das sei ihre
dritte Nacht in Sacré-Cœur gewesen, erzählt sie, die gemeinsam mit einer
Freundin aus den Niederlanden angereist ist. Tagsüber besichtigen sie die
Stadt, am Abend kehren sie zurück auf den Montmartre, rechtzeitig zur Nuit
d’adoration.
Im Gegensatz zu mir haben die beiden Freundinnen nicht im Schlafsaal
übernachtet, sondern in einem Doppelzimmer für 45 Euro pro Nacht. 170
Betten stehen im Gästehaus von Sacré-Cœur insgesamt zur Verfügung: für
Personen, die zur Nacht der Anbetung kommen, aber auch für Pilger*innen,
die mehrere Tage lang aktiv am spirituellen Leben teilnehmen.
Von meiner Gesprächspartnerin erfahre ich, dass es ihr in der ersten Nacht
so wie mir gegangen ist. Sie habe Schwierigkeiten gehabt, ihre Gedanken zu
sortieren und bei der Sache zu bleiben. Das sei ihr in den vergangenen
beiden Nächten leichter gefallen. Als wüsste sie, was ich in diesem Moment
hören wollte, sagt sie, dass man die Stunde ja frei gestalten könne, ob zum
Gebet oder zur Introspektion. So, wie es sich für einen selbst richtig
anfühlt.
Dankbar für diese Worte mache ich mich auf den Weg an der Rezeption vorbei
über das Kopfsteinpflaster des Innenhofs und dann den Berg hinunter, die
Basilika im Rücken. Vielleicht komme ich wieder, für eine zweite Nacht der
Anbetung. Es ist ja nicht weit.
15 Oct 2026
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