# taz.de -- Festival für radikale Livemusik: Dem Denkmalschutz sei Dank
       
       > Die Gaswerksiedlung in Lichtenberg hat sich zu einer Oase für Kreative
       > aller Art entwickelt. Das zeigt sich auch bei den anstehenden Gaswerk
       > Music Days.
       
 (IMG) Bild: Früher wohnten hier Arbeiter, heute ist die Gaswerksiedlung in Lichtenberg ein Ort für Kunst und Musik
       
       Keine Frage: Die Gaswerksiedlung in Rummelsburg ist für sich genommen ein
       Hingucker. Neben dem Heizkraftwerk Klingenberg, im monotonen Gewerbegebiet
       um die Köpenicker Chaussee, steht ein Backsteinensemble, das fast pittoresk
       wirkt: 17 Reihenhäuser, die zusammen wie ein 250 Meter langes Gebäude
       wirken. Vor 100 Jahren wurden sie als Wohnraum für die Arbeiter der
       Gaswerkkokerei gebaut, heute sind hier Ateliers.
       
       Wenn vom 24. Juli bis zum 2. August wieder die [1][Gaswerk Music Days]
       anstehen, kommt es noch besser. Dann nämlich darf sich die Öffentlichkeit
       am verwunschenen Garten hinter der Gebäudezeile erfreuen. Die charmante
       Open-Air-Bühne lässt Erinnerungen aufkommen an die Zeit, in der nicht jede
       Brache in Berlin zugebaut war.
       
       Musikalisch steht das Festival für einen eklektischen Mix. Und vermittelt
       einen Eindruck, welch künstlerische Ökosysteme über die letzten Jahre hier
       entstanden sind. Grund genug genauer nachzufragen bei Stephan Kunze,
       Gründer des Projekts Gaswerksiedlung, sowie seinen Co-Kurator:innen Letizia
       Trussi und Andreas Völk. Die beiden Musiker:innen kümmern sich mit
       Kunze zudem um den laufenden Betrieb, etwa die Vermietungen.
       
       Zudem betreibt Trussi mit dem Room of Kairos eine interdisziplinäre
       Plattform. Völk kümmert sich neben seinen Musikprojekten, etwa der Band
       „Das Ende der Liebe“, um die übers Jahr verteilten Gaswerk Music Concerts
       auf der Open-Air-Bühne oder im Block1, dem Café und Veranstaltungsraum der
       Siedlung.
       
       ## Rund 500 Kreativarbeiter:innen
       
       All das steht auf privatwirtschaftlichen Fundament, Subventionen bekommen
       sie nicht. Nachdem das Areal 2015 komplett zum Gewerbegebiet erklärt wurde,
       gründete Kunze 2017 als Pächter das Projekt Gaswerksiedlung. Die Fassaden
       der denkmalgeschützten Gebäude sahen da zwar schick aus – aber innen, so
       erzählt er, gab es weder Heizung noch Sanitäranlagen.
       
       Es entstanden Räume, die nun rund 500 Kreativarbeiter:innen nutzen.
       Wie viele es genau sind, weiß Kunze selbst nicht, denn viele teilen sich
       die Ateliers. Etwa die Hälfte sind Musiker:innen – wobei klassische
       Proberäume die Ausnahme sind. Dafür gibt es etwa 100 sogenannte Production
       Suites: Arbeitsplätze für Laptop-Musiker:innen. Auch die Kreativwirtschaft
       ist vertreten: von Labelmachern über Bühnenbildner bis zur Fotografie. „Im
       Zentrum des Ganzen steht ganz klar die Musik“ erklärt Kunze. „Doch
       eigentlich haben wir fast alles hier. Im Grunde können wir ein ganzes
       Festival selbst auf die Beine stellen.“
       
       Der aktuelle Pachtvertrag läuft noch fünf Jahre. Kunze ist optimistisch,
       dass die Siedlung längerfristig eine Zukunft hat: „Für mich war von Anfang
       an wichtig, genau darauf zu schauen: Was sind die Perspektiven? Wir wollten
       nicht einfach nur die erste Runde der Gentrifizierung sein und den Ort
       aufwerten.“ Die Gaswerksiedlung sei insofern gut abgesichert, als man sie
       weder abreißen noch verändern könne. „Wohnen darf man hier auch nicht und
       für die meisten Gewerbe sind die Räume ungeeignet.“
       
       Die Brache hinter den Häusern haben sich die Eigentümer – bis 2024 hießen
       die Vattenfall, seit dem Rückkauf der Wärmesparte durch das Land Berlin ist
       es die Berliner Energie und Wärme GmbH (BEW) – als Vorhaltefläche erhalten.
       Die Pläne, was mit dem Gelände passieren solle, änderten sich über die
       Jahre des Öfteren. Aktuell ist ein Rechenzentrum in Verbindung mit einem
       Biomassekraftwerk im Gespräch.
       
       ## Zusammenarbeit mit afrikanischen Musiker:innen
       
       Inzwischen ist auch die Gaswerksiedlung selbst ein Faktor für die
       Kreativwirtschaft. Und nicht zuletzt bei der Organisation des Festivals
       schöpfen die Kurator:innen aus Netzwerken, die vor Ort entstanden sind
       – und durch Residenzen und Austauschprogramme. Bei der letztjährigen
       Ausgabe lag ein Fokus auf Künstler:innen des innovativen Ngyege
       Nyege-Labels aus Uganda. Diesmal ist man, was afrikanische
       Künstler:innen angeht, noch breiter aufgestellt.
       
       „Unser Schwerpunkt liegt auf der Zusammenarbeit mit afrikanischen
       Musiker:innen“, erzählt Kunze. „Letztlich geht es darum,
       Produktions-Know-how dort hinzubringen, damit ein größerer Teil der
       Wertschöpfungskette in Afrika verbleibt. Technologietransfer ist wichtig,
       damit die Menschen ihre Ideen auch von dort aus umsetzen können.“
       
       Auch das Festival und weitere Projekte sind weitgehend privatwirtschaftlich
       finanziert, etwa durch Rücklagen aus dem Vermietungsgeschäft, betont Kunze
       stolz. „Zentral ist für uns, die kuratorische Freiheit zu bewahren. Ich
       stehe all jenen Kulturangeboten skeptisch gegenüber, die ausschließlich von
       Fördermitteln leben. Inzwischen haben wir ja erlebt, was das für Festivals
       bedeuten kann. Einige gibt es nicht mehr.“
       
       „Dedicated to Radical Live Music“, so lautet das Motto der Gaswerk Music
       Days. Konkret heißt das: sechs Tage Programm, zwei davon mit
       Afrika-Schwerpunkt: Bei „Mother Drum“ (25. Juli) etwa wird die ugandische
       Rapperin Catu Diosis vorstellen, was im Rahmen ihres Aufenthalts in der
       Gaswerksiedlung entstanden ist. Wenngleich sich die Kurator:innen über
       offene Ohren beim Publikum freuen, so Völk, buchen sie inzwischen ein
       Line-up, das nicht mehr ganz so wild durchmischt ist wie bei den ersten
       Ausgaben. So wissen die Leute ein bisschen mehr, was sie erwartet.
       
       Den Auftakt macht der von Stéphane Lefrançois kuratierte Abend „Modula“
       (24. Juli.) zum Facettenreichtum der Sounds, die man modularen Synthesizern
       entlocken kann; Lefrançois selbst unterrichtet an der Berlin School of
       Sound. Bei „Kraut & Impro“ (31. Juli) trifft das Jazzprojekt Libelle des
       Saxofonisten Wanja Slavin auf die legendären Embryo (seit einem
       Schlaganfall des inzwischen verstorbenen Gründers Christian Burchard leitet
       dessen Tochter Marja die Kraut-Weltmusik-Band). Und natürlich gibt an einem
       Abend, der der improvisierten Musik gewidmet ist, einen „Crazy Mega Jam“ –
       unter anderem mit Völk und Trussi.
       
       Ein Blick ins Programm lohnt also. Doch besser noch: Man kauft die Katze im
       Sack und lässt sich vor Ort vom Charme des Ortes einfangen.
       
       Alle Infos: [2][www.gaswerk-music-days.de]
       
       22 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.gaswerk-music-days.de/
 (DIR) [2] https://www.gaswerk-music-days.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Stephanie Grimm
       
       ## TAGS
       
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