# taz.de -- Ferien ohne Türen: Der Ein-Euro-Urlaub
> Die Wohnung des Kollegen an der türkischen Ägäis für nur einen Euro? Da
> schlägt Osman sofort zu. Doch der vermeintliche Traumurlaub hat einen
> Haken.
(IMG) Bild: Irgendeinen Haken haben viele: Urlaubs-Schnapper-Angebote
Dieses Jahr haben wir die Sommerwohnung meines Arbeitskollegen Hasan direkt
an der türkischen Ägäis gemietet. [1][Mein lieber Kumpel Hasan] hat sie mir
wirklich sehr günstig überlassen. Sie kostet nur einen Euro pro Tag. Fast
schon geschenkt.
Nun sitze ich also in unserer Ferienwohnung in Akçay, besser gesagt: Ich
hocke in dieser dämlichen Bude bei brütender Hitze allein rum, weil
Eminanim und die Kinder schwimmen gegangen sind. Aber ich muss hierbleiben,
weil es in unserer Ein-Euro-Wohnung weder Fenster noch Türen gibt. Der
Balkon ist auch nicht ganz sicher, weil die Brüstung fehlt.
Hasan hat diese Wohnung vor sieben Jahren von einer sogenannten Kooperative
gekauft und sie sollte schlüsselfertig übergeben werden. Aber dazu kam es
nicht: ohne Türen keine Schlüssel!
Kaum waren die Außenwände hochgezogen, machte sich [2][der Bauunternehmer]
mit dem gesamten Geld der Kooperative und der Frau des Architekten aus dem
Staub. Die Frau des Architekten tauchte nach fünf Wochen mit verheulten
Augen wieder auf, bereute alles und kehrte zu ihrem Mann zurück.
Hasan hat jahrelang darauf gewartet, dass sein armes verschwundenes Geld
irgendwann auch mit verheulten Augen zurückkehrt – aber leider vergeblich.
In der Türkei stehen Tausende solcher Skelett-Hochhäuser in der Landschaft,
die aus irgendeinem Grund nicht fertiggestellt wurden. Unglaublich, aber
wahr: Überall in diesen Rohbauten wird sogar gewohnt; und zwar mit Kind und
Kegel. Einige Wohnungen haben Fenster, aber keine Türen, andere haben weder
Türen noch Fenster, aber dafür riesige Satellitenschüsseln. Hasans Wohnung
hat von all dem nichts! Von der Ein-Euro-Miete pro Tag, die er im letzten
Jahr kassiert hat, konnte er sich gerade Mal eine Klotür leisten.
Das Ganze hat aber auch Vorteile: Weil die Nachbarn auch keine Türen haben,
können wir uns ganz entspannt unterhalten, ohne bei der Hitze mühsam vor
die Tür treten zu müssen.
„Hallo Nachbar, Sie kommen sicher aus Deutschland, nicht wahr?“, ruft der
Mann von gegenüber. „Jaa-aaa“, brülle ich zurück.
„Die Mieter in Ihrer Wohnung wechseln sehr oft“, brüllt er diesmal.„Das
liegt daran, dass mein Arbeitskollege Hasan sehr großzügig ist. Er verlangt
für diese tolle Pension nur einen Euro Miete pro Tag.“
Der Nachbar grinst: „Ich weiß, Hasan nennt das Ein-Euro-Job. So was gibt es
in Deutschland offenbar schon seit Jahren.“ „[3][Was meinen Sie denn mit
Ein-Euro-Job?]“, frage ich verwirrt.
„Hasan hat Angst, dass sich Obdachlose in seiner Wohnung einnisten könnten,
weil es weder Fenster noch Türen gibt. Also lässt er seine Arbeitskollegen
aus Deutschland einen nach dem anderen hier Wache schieben und kassiert von
denen auch noch Geld dafür.“
24 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Osman Engin
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