# taz.de -- Medizinstudium im Ausland: Ab nach Wien
> Wer in Deutschland keinen Medizinstudienplatz ergattert, geht gerne an
> eine Uni in Österreich. Doch hier wartet ein knackiger Aufnahmetest.
(IMG) Bild: Harte Auslese: Der Aufnahmetest für künftige Student*innen der Medizinischen Fakultät in Wien
Kurz nach 16 Uhr knallen die ersten Sektkorken vor der Messe Wien. Junge
Männer stehen mit Blumensträußen parat, Eltern warten, Freundinnen fallen
einander in die Arme. „Wie geht's, wie war's?“ – „Hoffentlich besser als
letztes Jahr.“ Ein Rettungswagen steht noch vor der Halle, ein stiller
Kontrast zur gelösten Stimmung. Immer wieder derselbe Satz: „So schwer.“
Eine Frau im Vorbeigehen: „Bio war nice, Chemie war arsch.“
An diesem Freitag im Juli haben rund 6.600 Studienanwärter in den
Messenhallen den Aufnahmetest für Humanmedizin und Zahnmedizin geschrieben.
Sie alle hoffen, im Herbst ihr Studium an der Medizinischen Universität
Wien aufzunehmen. Ähnlich viele versuchten ihr Glück zeitgleich in Graz,
Wels und Innsbruck. Bundesweit konkurrierten damit 13.248 Kandidatinnen und
Kandidaten um insgesamt 1.950 Studienplätze. Das entspricht knapp sieben
Bewerbern pro Studienplatz. Viele sind nicht zum ersten Mal da.
839 Anwärter kommen aus Deutschland, wo der Numerus clausus gilt [1][und
selbst ein sehr gutes Abitur oft nicht reicht]. Mehr als 8.800 Personen,
etwa jeder elfte deutsche Medizinstudierende, gehen deshalb ins Ausland.
Das zeigt eine aktuelle Erhebung des Wiesbadener Centrums für
Hochschulentwicklung (CHE). Österreich ist mit 2.563 eingeschriebenen
deutschen Studierenden das beliebteste Zielland, vor Ungarn, Bulgarien und
der Schweiz. Anders als in den meisten englischsprachigen Ländern, die bis
zu 30.000 Euro pro Jahr veranschlagen, gibt es in Österreich keine
Studiengebühren. Die Kosten, rund 500.000 Euro pro Kopf, trägt der Staat.
Das sorgt immer wieder für Debatten. „Österreich ist heute so etwas wie die
Gratisuni für halb Europa. Die Supermarktverkäuferin zahlt das
Gratisstudium des deutschen Arztsohnes. Sozial ist das nicht“, schrieb
Franz Schellhorn, Direktor des neoliberalen Thinktanks Agenda Austria,
jüngst im Magazin Profil. Bei aller Polemik: Tatsächlich ist die Zahl der
ausländischen Bewerber jahrelang stark gestiegen, bevor sie sich zuletzt
stabilisierte. Allerdings wurde auch die Zahl der Studienplätze erhöht.
## Quote für Ösis
Seit einigen Jahren gilt zudem eine Quotenregelung. Mindestens 75 Prozent
der Medizinstudienplätze sind für Personen mit österreichischem
Reifezeugnis reserviert, der Rest wird je nach Punktezahl auch an EU-Bürger
und Drittstaatsangehörige vergeben. Laut Anita Rieder, Vizerektorin für
Lehre an der Medizinischen Universität Wien, zeigt sich der Effekt bereits:
88 Prozent der Aufgenommenen haben mittlerweile die österreichische
Staatsbürgerschaft.
Geprüft wird beim medizinischen Aufnahmetest in Österreich – kurz: MedAT –
Basiswissen in Biologie, Chemie, Physik und Mathematik, dazu
Textverständnis. Auch gibt es einen kognitiven Teil sowie einen Abschnitt
zu sozialen und emotionalen Kompetenzen. Bei Zahnmedizin ersetzt ein Test
der manuellen Fertigkeiten den Textverständnisteil.
Rieder nennt den Test „fair, objektivierbar, standardisiert“, der
sozioökonomische Hintergrund spiele dabei keine Rolle. Wer es einmal
geschafft hat, schließt in der Regel auch ab: Die Absolventenquote an ihrer
Uni liege bei 90 bis 95 Prozent, meist in Mindeststudienzeit. Rieder führt
das auf das Zusammenspiel aus Auswahlverfahren und personalintensivem
Kleingruppenunterricht zurück und warnt deshalb vor Budgetkürzungen. Solche
plant derzeit die österreichische Bundesregierung, das genaue Ausmaß ist
aber noch unbekannt. [2][Bei einer Demo gegen Uni-Einsparungen Ende Mai in
Wien] waren auffällig viele Jungmediziner im weißen Kittel zu sehen.
Studiengebühren sind bis auf Weiteres in Österreich aber nicht geplant.
„Ich glaube nicht, dass wir Verhältnisse wie in den USA wollen, wo
Studierende mit Schulden aus dem Studium herausgehen“, sagt Vizerektorin
Rieder im taz-Gespräch. Kostendeckend wären sie ohnehin nie, sie schüfen
aber enorme soziale Hürden. Man müsste dann zwingend Stipendien anheben,
sonst leide die soziale Durchmischung weiter.
## Soziale Auslese vor Studienstart
Die ist ohnehin nicht besonders ausgeprägt: An Medizin-Unis kommen laut
Erhebungen des österreichischen Instituts für Höhere Studien (IHS) 58
Prozent aus einem Akademikerhaushalt, im Schnitt aller Studierenden sind es
„nur“ 45 Prozent. Bei rund jedem Fünften ist sogar der Vater selbst Arzt.
Der Aufnahmetest verschärft diese Auslese sogar noch, zeigt eine
IHS-Studie. Demnach sinkt der Anteil von Studieninteressenten ohne
Akademikereltern zwischen Anmeldung zum Test und tatsächlicher
Einschreibung spürbar.
Die Studierendenvertretung ÖH sieht den Test deshalb kritisch und nennt ihn
einen „sozialen Filter“: Wer sich teure Vorbereitungskurse leisten könne,
habe schlicht bessere Chancen. Entsprechende Kurse sind zu einem blühenden
Geschäft geworden: Knapp 4.200 Euro kostet das „Exzellenzpaket“ eines
Anbieters, inklusive Mentoring, Lerntagebuch und etlichen Testsimulationen.
Eine Garantie auf eine Aufnahme gibt es trotzdem nicht. Die
österreichischen Medizinuniversitäten raten von allen kommerziellen
Anbietern ab. Auch die Studierendenvertretung ÖH warnt vor Kursen, die „die
Angst vor so einer großen Prüfung“ ausnutzten. Wer keinen Platz bekommt,
weicht oft in naturwissenschaftliche Fächer aus, die teils anrechenbar
sind, oder in die Pflege.
Die Quotenregelung stößt auch bei den Studienanfängern in Wien auf
gemischte Reaktionen. Alex, der den Test schon mehrfach versucht hat,
findet sie „einerseits verständlich“, besser fände er aber eine Erhöhung
der Studienplätze generell. Chiara wiederum, die ebenfalls den Test
geschrieben hat, stört, dass viele Deutsche später zurückgehen, während ein
anderer genau deshalb eine höhere Österreicher-Quote fordert: „Man bildet
die Mediziner hier aus und dann sind sie weg.“
Wie sich die Herkunft schon im Studium auswirkt, beschreibt eine junge
Deutsche im vierten Studienjahr, die anonym bleiben möchte. Sie kam nach
Österreich, weil man in Deutschland trotz guter Abiturnote kaum eine Chance
auf einen Medizinstudienplatz habe. Den Aufnahmetest, den sie 2023
geschrieben hat, hält sie für das bessere Auswahlverfahren. In Österreich
zu bleiben, kann sie sich gut vorstellen, merkt aber immer wieder, „dass
man nicht unbedingt gerne gesehen ist“. Manche Studienkolleginnen werfen
ihr vor, anderen den Platz wegzunehmen, nur um dann zurück nach Deutschland
zu gehen. Auch in der Studienabteilung bekomme man, sobald die Herkunft
auffalle, mitunter unfreundliche Antworten.
## Später Berufseinstieg
Wie Deutschland leidet auch Österreich an einem Ärztemangel. Viele Experten
sehen zusätzliche Studienplätze allein aber nicht als Lösung. Österreich
bildet genug Mediziner aus, allein an der Medizinischen Uni Wien gibt es
rund 760 Absolventen pro Jahr. Das Problem ist, sie im Land zu halten. In
Deutschland und der Schweiz startet man schneller in den Beruf, während in
Österreich zusätzlich zum klinisch-praktischen Jahr (das es auch in
Deutschland gibt) nach dem Abschluss erst eine mehrmonatige
„Basisausbildung“ mit einfachen Tätigkeiten ansteht. Dazu kommen oft lange
Wartezeiten auf diese Basisausbildung, Vizerektorin Rieder spricht von
einem Nadelöhr. Ein Rechnungshofbericht habe vor einigen Jahren infrage
gestellt, ob die Basisausbildung überhaupt nötig sei. Dass sie ab August
nur mehr sechs statt neun Monate dauern wird, ist für Rieder ein erster
Schritt.
„Das Basisjahr ist tatsächlich ein Punkt, der mich abschreckt, in
Österreich zu bleiben“, sagt die deutsche Studentin aus dem vierten Jahr.
Auch, weil feste Zusagen von Kliniken kurz vor Antritt oft wieder abgesagt
würden. Sie kenne einige Studierende aus Österreich, die keinen Platz fürs
Basisjahr bekämen und deshalb ins Ausland gingen. Ob die Arbeitsbedingungen
in Deutschland und der Schweiz besser sind, wie es oft heißt, könne sie
noch nicht sagen. Nur so viel: „Grundsätzlich sollte da einiges passieren.
Es hilft am Ende nicht, wenn man sich um die Gesundheit anderer bemüht und
auf die eigene nicht achtet.“
Immerhin: Laut einer aktuellen Ipsos-Umfrage wollen mittlerweile über 60
Prozent der deutschen Absolventen in Österreich bleiben, vor einigen Jahren
waren es nur 45 Prozent. Bei den österreichischen liegt der Wert gar bei 93
Prozent. [3][Ein wirksames Mittel gegen den Ärztemangel] sind sogenannte
gewidmete Studienplätze. Wer sich zu einer solchen Widmung verpflichtet,
erhält ein Stipendium und sichert im Gegenzug zu, nach dem Studium für
einige Jahre im öffentlichen System zu arbeiten. Allein an der
Medizinischen Universität Wien gibt es 35 solcher Plätze, für die sich
zuletzt 460 Interessierte beworben haben – das Interesse also ist da.
Soweit in die Zukunft denkt vor der Messehalle an diesem Nachmittag noch
kaum jemand. Wer nach acht ermüdenden Stunden durchgehender Tests ins Freie
tritt, hat anderes im Kopf. Die Umarmung mit den Eltern, das Treffen mit
Freunden, den abfallenden Druck nach Monaten der Vorbereitung. Und
vielleicht auch schon das Ergebnis, das erst in einigen Wochen kommt. Bis
dahin heißt es bangen.
29 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Forscher-ueber-fehlende-Studienplaetze/!5999072
(DIR) [2] https://orf.at/stories/3431550/
(DIR) [3] /Weg-zum-Medizinstudium/!5991681
## AUTOREN
(DIR) Florian Bayer
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