# taz.de -- Ehemalige Klimaministerin Eveline Lemke: „Eine Ölheizung ist keine Option“
> Eveline Lemke war Klimaministerin von Rheinland-Pfalz und half beim
> Wiederaufbau, nun berät sie im Ahrtal Firmen zur Kreislaufwirtschaft. Wie
> steht es um die Region?
(IMG) Bild: Ein zerstörtes Haus in Mayschoss im Ahrtal im Juli 2021
taz: Frau Lemke, Sie leben seit Jahrzehnten in der Eifel im und nahe des
Ahrtals, waren von 2011 bis 2016 Klimaministerin von Rheinland-Pfalz,
engagierten sich nach dem [1][katastrophalen Hochwasser 2021] im
Wiederaufbau. Wie blicken Sie heute auf Ihre Region?
Eveline Lemke: Es ist viel passiert, aber es muss auch noch viel passieren.
Mehr als 3,7 Milliarden Euro an Aufbauhilfen wurden bislang bewilligt,
viele Menschen warten aber wegen bürokratischer Hürden immer noch auf das
Geld. Ein positiver Aspekt: Viele sind zum Helfen gekommen und bei uns im
Ahrtal geblieben. Ich sehe überall, wie die Menschen um ihre Heimat ringen
und sich wieder eine Zukunft aufbauen.
taz: Mehr als 180 Menschen haben in der Flut ihr Leben verloren, für Wochen
war Ausnahmezustand. Mit Schäden von rund 40 Milliarden Euro war die
Katastrophe das teuerste Extremwetterereignis in Deutschland seit Ende des
Zweiten Weltkriegs.
Lemke: Man muss sich vorstellen: Die Rathäuser im Hochwassergebiet waren
auf den Worst Case vorbereitet – nur war dieses Szenario viel zu niedrig
angesetzt. Deshalb hat die Flut Pläne von Gas-, Strom- und
Abwasserleitungen vernichtet, viele Behörden mussten evakuiert werden. Das
hatte verheerende Konsequenzen für die Bergungsarbeiten, denn es war
unklar, wo Gefahr bestand, wenn Bagger Schuttberge bewegten.
taz: Wie geht man mit so einer Extremsituation um?
Lemke: Oft hat es sich schizophren angefühlt. Wie schafft man es, emotional
zu sein, mitfühlen zu können, trauern zu können und auf der anderen Seite
anpacken zu können? Du brauchst in so einer Ausnahmesituation eigentlich
beide Fähigkeiten. Ich weiß, was es bedeutet, in einem Extremwetter ein
Zuhause zu verlieren. Mein Haus ist 2007 im Sturmtief „Kyrill“ zerstört
worden. Es war eine traumatische Nacht, zurück nach Hause zu meinen Kindern
zu gelangen. Als ich nach der Flut ins Ahrtal kam, war sofort der Flashback
da. Da habe ich beschlossen: Ich werde mich nicht nur meinen Tränen
hingeben, das hilft ja nichts. Wir müssen etwas tun.
taz: Ihre Beratungsfirma für [2][Kreislaufwirtschaft] sitzt in Niederzissen
im Landkreis Ahrweiler. Zwar liegt die Gemeinde nicht direkt an der Ahr,
war aber indirekt stark betroffen. Das Ahrtal versank im Schutt und die
gigantischen Müllberge wurden zur Kreisentsorgungsanlage nach Niederzissen
transportiert. Wie erinnern Sie sich an diese Tage?
Lemke: Viele sind ganz anders und viel intensiver zusammengewachsen, das
ist das, was wir mitnehmen. Persönliche Beziehungen zueinander, die bleiben
stehen, egal was kommt. In unserem Garten haben wir Pfadfinder ihre Jurten
aufschlagen lassen und sie versorgt, damit sie im Tal helfen konnten. Die
sind jeden Abend mit tollen Berichten und Erlebnissen zurückgekommen. Allen
war klar: Die Dringlichkeit ist so groß, da gibt’s kein Vertun. Handeln,
zack ran, pragmatisch – und nicht gleich jedes Mal die Frage stellen: Kommt
das Geld auch wieder rein?
taz: Viele Unternehmen haben auf eigene Faust in Maschinen, Know-how,
Materialien in die Region gebracht, bevor staatliche Hilfsleistungen
eintrafen.
Lemke: Ohne diese Hilfe wäre es nicht gegangen. Der örtliche
Abfallwirtschaftsbetrieb hat schon nach wenigen Stunden an die höheren
Behörden den Katastrophenfall gemeldet – dadurch kamen schnell Laster aus
anderen Gemeinden und private Unternehmen zur Hilfe. 1,25 Millionen Tonnen
ölverseuchten Sperrmüll, Elektroschrott, Bauschutt hätten sie nicht alleine
bewegen können. Für Betriebe im Tal war natürlich auch die Frage relevant:
Wie viel Zeit kannst du dir erlauben, den regulären Betrieb zu stoppen?
Wann musst du deine Leute zurückholen? Wie erreichst du die überhaupt? Es
war ja nicht klar, dass deine Mitarbeiter einen trockenen Schlafplatz
hatten. Es gab ja keinen Strom, kein Internet, nichts.
taz: Sie haben gerade den [3][Bildband „Mit Sicherheit Ahrtal“]
herausgegeben. Darin schreiben Sie: „Am Rande des Chaos entsteht ein Raum
für Innovation.“ Wo haben Sie das erlebt?
Lemke: Vielerorts! Kommen wir zurück zur Situation mit den verlorenen
Bauplänen der Kommunen. Es war das totale Chaos. Aber eine Gruppe von
Ingenieuren hatte noch Daten auf eigenen Servern liegen, weil sie früher
öffentliche Infrastruktur geplant hatten. Zusammen haben sie spontan die
Genossenschaft Inframeta gegründet. Sie haben einen Wissenspool aufgebaut,
der gleichzeitig mehr Chancen für kleine Ingenieurbüros bei der Vergabe von
Aufträgen bietet. Es ist ihnen ein Anliegen, zur Verfügung zu stellen, was
der Steuerzahler schon einmal bezahlt hat. Das ist doch fantastisch – und
nur ein Beispiel von vielen.
taz: Die Wiedereröffnung der Ahrtal-Bahnstrecke ist ein weiteres Beispiel
dafür, wie eine Katastrophe zu einer positiven Entwicklung führen kann. Die
Bahn fährt jetzt vollelektrisch und – anders als vor der Flut – im
20-Minuten-Takt.
Lemke: Ja, das ist wirklich ein großer Schritt für die Mobilitätswende und
auch für den Tourismus, der sich erneuert. Die Pläne lagen natürlich längst
bereit, aber in meiner Zeit als Wirtschaftsministerin für die Grünen konnte
ich da nicht viel bewegen, das muss man auch zugeben. Die Entscheidung, die
alte Bahn abzureißen und 590 Millionen für eine klimafreundliche Strecke
auszugeben, wäre niemals durchgegangen.
taz: Studien zeigen, dass auch Menschen in den betroffenen Kommunen heute
nicht unbedingt für eine ambitioniertere Klimapolitik stimmen – wie erleben
Sie das vor Ort?
Lemke: Das Ahrtal ist natürlich eine tief konservative Region geblieben.
Aber wir haben ein Erlebnis geteilt, das keiner vergisst. Es sind eine
Million Liter Heizöl aus den vorwiegend privaten Heizöltanks ausgelaufen.
Das heißt, direkt nach dem Hochwasser hing ein Geruch wie von einem
Chemiewerk über dem Tal, es stank tagelang nach Öl und Gas.
taz: … was die Einstellung zu fossilen Brennstoffen verändert hat?
Lemke: Wenn ich jetzt frage, was die Menschen wollen, dann sagen sie dir:
Wenn das Wasser wiederkommt, will ich nicht, dass mein Haus wieder von
Ölschlamm verseucht wird. Es ist allen hier klar: Eine Ölheizung ist keine
Option. Viele Haushalte haben Wärmepumpen eingebaut oder sich an unsere
neuen Nahwärmenetze angeschlossen. Das ist einzigartig in Deutschland.Wir
haben keine dogmatische Debatte an der Stelle, sondern alle haben das in
der Flut einfach kapiert.
Sie engagieren sich im neuen Kahr-Forschungsnetzwerk, das Expert:innen
aus den Bereichen Klimaanpassung, Hydrologie, Ingenieurwesen und
Sozialwissenschaften zusammenbringt. Was würden Sie sagen: Wie gut sind wir
auf die nächste Katastrophe vorbereitet?
Lemke: Die Leute kennen sich noch, die Netzwerke sitzen noch zusammen, ein
nächstes Mal wäre viel schneller vorbereitet. Es gibt auch bessere
Einsatzpläne, aktualisierte Überflutungskarten, die Aufmerksamkeit aller
Akteure im System ist immer noch scharfgeschaltet. Aber der Elefant im Raum
ist ganz klar: Wann wird die Region wieder von einem Hochwasser der
Dimension aus dem Jahr 2021 getroffen? Aktuell wären wir für eine solche
Flut nicht gewappnet.
taz: Wie sieht der Weg nach vorne aus?
Lemke: Die Idee eines sogenannten überörtlichen Hochwasserschutzes, ein
System mit insgesamt 18 neuen Dämmen, liegt als Skizze vor. Der politische
Wille, Klimaanpassung umzusetzen und die Finanzierung für solche Maßnahmen
zu beschließen, fehlt aber.
taz: Was sollten wir also tun?
Lemke: Die Erinnerung an die Katastrophe wachzuhalten, ist das direkteste
Mittel der Wahl – auf unterschiedlichsten Kanälen. Ich führe viele Gruppen
durch das Tal, Schulklassen, Politik, Betroffene aus anderen
Hochwasserregionen. Aus der Katastrophenforschung wissen wir, dass
kollektive Erinnerung die Resilienz einer Gesellschaft stärkt. Wer sich mit
den aktuellen Katastrophen beschäftigt, kann sich besser vorbereiten, im
Ernstfall schneller Entscheidungen treffen. Und wir müssen unsere
Prioritäten anpassen. Es braucht mehr Klimaschutz. Sonst wird das zur
ständigen Disziplin. Leben retten – aufbauen. Leben retten – aufbauen.
14 Jul 2026
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