# taz.de -- Teil 6 der Reihe zum 100. Geburtstag: Foucault und die Faschisierung
       
       > Michel Foucault setzte sich intensiv mit dem Deutschen Herbst
       > auseinander. Sein Denkweg kann helfen, die aktuelle Faschismusdebatte
       > offener zu führen.
       
 (IMG) Bild: Mit Foucault den Faschismus verstehen
       
       Die Foucault-Rezeption hat über die letzten 15 Jahre Schritt gehalten mit
       dem Wechsel der sozialkritischen Leitvokabeln. In den 2010er Jahren stand
       noch die Frage im Vordergrund, ob Michel Foucault [1][mit dem
       Neoliberalismus sympathisiert] habe. Im Angesicht von Abschiebekampagnen,
       rabiaten Protektionismen und anderen lustvollen Brutalisierungen der
       Politik wird inzwischen aber immer häufiger gefragt, was Foucault über den
       Faschismus zu sagen hatte.
       
       Alberto Toscano [2][etwa rekonstruiert in seinem Buch „Spätfaschismus“] die
       Analysen eines „neuen Faschismus“ in den 1960er/70ern von Angela Davis und
       anderen aus der Black Radical tradition. Und als deren Gesprächspartner
       lässt er neben Gilles Deleuze und Félix Guattari auch Foucault auftreten.
       
       Allerdings: Foucault ist in jener Zeit genau den umgekehrten Weg gegangen.
       Nachdem er sich bis ins Jahr 1977 punktuell mit dem Faschismus beschäftigt
       hatte, ließ er ihn als analytischen Begriff fallen und begann seine
       Beschäftigung mit dem (Neo-)Liberalismus – eine eigenartige Parallele zur
       jüngeren deutschen Geschichte, in der auf den Nationalsozialismus die sich
       liberalisierende BRD gefolgt war. Tatsächlich war Foucaults
       Auseinandersetzung mit ihr ein Treiber jener Wende, mit der sein Spätwerk
       begann.
       
       Noch Anfang 1977 hatte Foucault in einem Vorwort zur englischen Übersetzung
       des „Anti-Ödipus“ [3][Deleuze und Guattari] für ihre „Treibjagd auf
       sämtliche Formen von Faschismus“ gefeiert. Am Jahresende bestand die
       Funktion des Faschismusbegriffs für ihn aber schon „im Wesentlichen in der
       Denunziation“. Was war in der Zwischenzeit geschehen?
       
       ## Macht und Widerstand
       
       Foucault und Deleuze, seit 1962 befreundet und im Denken wie im Aktivismus
       einander nah, waren auseinandergetrieben worden – von ihren intellektuellen
       Suchbewegungen und öffentlichen Positionierungen. Nach dem Erscheinen von
       „Der Wille zum Wissen“ im Vorjahr war Foucault in eine persönliche Krise
       geraten. Deleuze übermittelte ihm 1977 eine ausführliche Kritik seiner
       Konzeption des Verhältnisses von Macht und Widerstand, die in aller
       Zugewandtheit ihre Differenzen markierte. Foucault aber schrieb nicht
       zurück.
       
       Manifest wurde die wachsende Distanz zwischen Deleuze und Foucault dann in
       der Affäre um [4][Klaus Croissant]. Der RAF-Anwalt war nach Frankreich
       geflohen und hatte dort politisches Asyl beantragt. Nach der Totennacht von
       Stammheim forderte die Bundesregierung im Oktober 1977 seine Auslieferung.
       Dagegen richtete sich ein von Guattari initiierter und von Deleuze
       mitgetragener Petitionsentwurf, der – die Foucault-Biografen sind sich hier
       uneinig – das Handeln der Bundesregierung im Deutschen Herbst als Methoden
       eines Polizeistaats (Eribon) oder gar als „faschistisch“ (Macey)
       bezeichnete. In jedem Fall eine Charakterisierung der BRD im RAF-Sprech.
       Weil sie für Foucault auf eine Legitimierung des Terrors hinauslief,
       unterzeichnete er nicht.
       
       Die unmittelbare Folge waren getrennte Stellungnahmen. Deleuze und Guattari
       klagten die Bundesrepublik in Le Monde an, dass ihr Justizsystem im
       Ausnahmezustand agiere, wohingegen Foucault für Croissants Belange ein
       „Recht der Regierten“ geltend machte. Verhindern konnten sie die
       Auslieferung aber nicht. Foucault und Deleuze sahen sich nie mehr wieder.
       
       Mit einem Interview im November 1977 begann Foucault jedoch eine Reihe
       indirekter Antworten auf Deleuze. Auf die Frage, ob in der
       Sicherheitspolitik gerade ein neuer Totalitarismus Gestalt annehme,
       antwortete er, eine Analyse, die „alte Gespenster auferstehen“ lasse, könne
       keine politische Wirkung entfalten. Ein erster Seitenhieb auf die Rede von
       einem „neuen Faschismus“?
       
       Auch für sein analytisches Gegenprogramm stand aber unverkennbar die
       jüngste Politik eines „nicht erklärten Ausnahmezustandes“ (Wolfgang
       Kraushaar) in der BRD Modell – ihre Krisenstäbe, Rasterfahndung und
       Kontaktsperregesetze. Foucault sprach in jenem Interview von einem
       Sicherheitsvertrag zwischen Staat und Bevölkerung, der im Falle
       „außergewöhnliche[r] […] Ereignis[se]“ außerordentliche Eingriffe
       erforderlich mache. Diese seien mitunter außergesetzlich und würden als
       Akte der Fürsorge begründet. Doch obwohl der Staat stets alles
       kontrollieren wolle, toleriere er nun anders als zu Zeiten des
       Totalitarismus abweichendes Verhalten innerhalb eines gewissen Rahmens, der
       bloß „gefährliche Umtriebe“ ausschließe.
       
       ## Suche nach alternativen Lebensformen
       
       Im Jahr 1976 hatte Foucault in den Sicherheitsmechanismen der Biopolitik
       eine Verbindungslinie zwischen den bürgerlichen Nationalstaaten und dem
       Totalitarismus identifiziert. Nun aber differenzierte er zumindest bei
       Begründungen, Techniken und Beschränkungen ausufernder Regierungsaktivität.
       Ausgerechnet die Krisenpolitik der BRD hatte Foucault also auf die Frage
       gestoßen, was den Liberalismus ausmacht. Seine folgenden Vorlesungen der
       Jahre 1978 und 1979 am Collège de France waren dann zugleich Erkundung
       dieser Frage und analytischer Kommentar zur französischen Debatte über die
       BRD.
       
       Auf das Thema einer „Geschichte der Gouvernementalität“, unter dem diese
       Vorlesungen bekannt wurden, stellte Foucault aber erst bei der 4. Sitzung
       am 1. Februar 1978 um. Am Wochenende zuvor hatte er den [5][Tunix-Kongress
       in Westberlin] besucht. Nach dem Schock des Deutschen Herbstes hatte sich
       dort die westdeutsche Linke im Schatten des übermächtig gewordenen
       Überwachungsstaates auf die Suche nach alternativen Lebensformen und
       subversiven Widerstandsstrategien begeben – bis heute die unveränderte
       Grundkonstellation linker Politik. Und auch sie fand sich in Foucaults
       Geschichte des Regierens reflektiert.
       
       Ihre entscheidende Episode ereignete sich für ihn nämlich Mitte des 18.
       Jahrhunderts: Der Widerstand der ersten liberalen Ökonomen gegen den
       überreglementierenden Polizeistaat der absolutistischen „Staatsräson“ habe
       sich als „interne Kritik“ in diese eingenistet und ihre Ziele des Erhalts
       öffentlicher Ordnung und der Wohlstandsmehrung fortgeführt. Seitdem ging
       die Begrenzung manch maßloser Regierungsambition mit der Ausweitung und
       Verfeinerung von Kontroll-, Disziplinar- und Protektionstechniken einher.
       
       In diesem Zeitalter des Liberalismus, in dem sich Foucault noch leben sah,
       versucht das Regieren die individuelle Freiheit mit der kollektiven
       Sicherheit auszutarieren, aber gefährdet sie so abwechselnd selbst. Im
       zeitlichen Umfeld kapitalistischer Krisen kommt es für Foucault daher
       wiederkehrend zu „Krisen des Liberalismus“, in denen sich das Regieren im
       Wechselspiel mit der Kritik reformiert.
       
       Nichts anderes als ein Symptom der jüngsten dieser Krisen in den 1970ern
       war für ihn daher auch die französische Debatte über die BRD. Jenen, die
       sie als Polizeistaat kritisierten oder „faschistisch“ nannten, warf
       Foucault in der Vorlesung von 1979 nicht nur vor, analytisch zu verfehlen,
       dass dort nach den Maßgaben des deutschen Neoliberalismus regiert werde,
       der sich seit den 1930ern entwickelt hatte – die Krisenpolitik der BRD in
       den späten 1970ern untersuchte er aber selbst nicht im Detail. Ohne Deleuze
       und Guattari beim Namen zu nennen, bezichtigte Foucault jene Kritik auch,
       sich strategisch falsch zu verhalten: Sie nähre eine urliberale
       „Staatsphobie“, derer sich das neoliberale Regieren selbst bediene, und
       arbeite ihm dadurch zu.
       
       ## Reemtsmas Vorwurf
       
       In einer Zeit, in der der bewaffnete Kampf gegen den Staat aussichtslos
       geworden war, hatte sich für Foucault also eine neue analytische
       Perspektive aufgetan. Eine Perspektive, für die Widerstand kaum noch mehr
       als Kritik und Politik kaum noch mehr als öffentliche Debatten um das
       richtige Regieren sein konnten, in denen beinahe unausweichlich auf
       liberale Rhetoriken rekurriert wurde und auch Begriffe wie „Polizeistaat“
       oder „Staatsräson“ ewig wiederkehrten. In seinem Spätwerk begann Foucault
       dann sogar in Betracht zu ziehen, dass Freiheit trotz der Allgegenwart der
       Macht auch im emphatischen Sinn verwirklicht werden kann – durch Kritik an
       der eigenen Subjektivierung und eine Ethik des Selbst. Doch sind das nicht
       allesamt Fragen und Antworten von vorgestern?
       
       Inzwischen wird sogar in Deutschland debattiert, ob der Faschismus
       wiederkehrt: Gegen den Vorwurf Philipp Reemtsmas, der Gebrauch des Begriffs
       sei heute vor allem virtue signalling, haben Rahel Jaeggi und Robin
       Celikates seine Angemessenheit verteidigt. Ihnen geht es genauer um
       Prozesse der Faschisierung, die in liberalen Demokratien einsetzen, ohne
       eine Wiederholung historischer Faschismen zu sein.
       
       Entlang von Foucaults Denkweg in den späten 1970ern lässt sich diese
       Debatte noch weiter öffnen. Denn die Skepsis gegenüber dem Begriff, zu der
       auch Foucault gelangte, schließt dessen analytische und strategische
       Brauchbarkeit in einer neuen Gegenwart nicht aus. Egal, ob man schon von
       „Faschismus“ sprechen will: Die Jagd auf illegalisierte Menschen in Trumps
       Amerika führt vor Augen, dass auch ihr Ausgangspunkt eine im weitesten
       Sinne liberale, den Schutz der Bevölkerung und bestimmter Freiheiten für
       sich reklamierende Notstandspolitik ist. Gleichzeitig zeigen amerikanischen
       Gerichte oder der Widerstand aus der Bevölkerung gegen ICE aber, dass
       selbst dort noch eine Begrenzung exzessiven Regierens gelingen kann, wo
       das, was es als „gefährliche Umtriebe“ bekämpft, immer weiter gefasst wird.
       
       In der jüngsten, sich seit 2008 beständig zuspitzenden Krise des
       Liberalismus bleibt daher unabhängig von der Wahl des Leitbegriffs eine
       präzise und bewegliche Analyse der neuesten Regierungskunst umso wichtiger,
       die auch erfassen kann, unter welchen Umständen deren Einhegung gelingt.
       
       An einem der Anfänge jenes Denkwegs, im Vorwort zur englischen Ausgabe des
       „Anti-Ödipus“, hat Foucault von einem nicht faschistischen Leben in nicht
       hierarchischen Kollektiven gesprochen, das aus der Einsicht geboren wird,
       dass auch Antifaschismus faschistisch werden kann. Wäre, um schließlich mit
       Foucault über ihn hinaus und zu jenem Anfang zurückzudenken, Faschisierung
       dann nicht besser als nur eines von vielen letztlich nicht liberalen
       Potenzialen liberaler Ordnungen zu begreifen? Liegt in ihren Freiheiten
       nicht auch die Möglichkeit für andere, experimentelle Lebensformen, soziale
       Beziehungen, Vorgänge der „Entindividualisierung“?
       
       Die ersten drei Sätze einer selbstkritischen Ethik, die die aktuelle
       Faschismusdebatte bei Foucault finden könnte, wären insofern: Die
       Faschisierung könnte weit über die extreme Rechte ausgreifen und sogar in
       mir selbst einsetzen; um sie zurückzudrängen, muss sie in bestimmten
       Situationen nicht als solche, sondern als Auswuchs liberaler Politik
       kritisiert werden; ein kollektives nicht faschistisches Leben ist jederzeit
       möglich.
       
       15 Jul 2026
       
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