# taz.de -- Debatte um Leihmutterschaft: Von wegen babyleicht
       
       > Konservative sehen Leihschwangerschaften als einen Angriff auf Vater,
       > Mutter, Kind. Aus feministischer Sicht ist die Frage viel komplexer.
       
 (IMG) Bild: Gibt es ein Recht auf ein eigenes Kind?
       
       „Wir verwandeln den Traum, Eltern zu werden, in Wirklichkeit“ steht in
       großen Buchstaben auf der Website. Daneben strahlen ein Mann und eine Frau.
       Im Arm halten sie ein lachendes Baby. Das Unternehmen dahinter ist eine
       Agentur für Leihmütter. „Beginnen Sie Ihre Reise zu der Familie, von der
       Sie träumen“, wirbt sie. Diese Reise führt in Länder, in denen
       Leihmutterschaft anders als in Deutschland legal ist: nach Mexiko, nach
       Georgien oder in die Ukraine.
       
       Was auf der Website als Welt mit glücklichen Eltern, glücklichen Babys und
       glücklichen Schwangeren beworben wird, kann jedoch auch ganz anders
       aussehen. Im Frühjahr 2020 etwa reihten sich im Saal eines Hotels in Kyjiw
       Babybetten dicht an dicht. In ihnen lagen 46 Säuglinge, zur Welt gebracht
       von ukrainischen Leihmüttern zumeist für Paare aus dem Ausland – auch aus
       Deutschland. Doch wegen der Coronapandemie waren die Grenzen dicht, die
       Kinder konnten nicht abgeholt werden. Auch die russische Vollinvasion in
       die Ukraine hat gezeigt, wie prekär die Lage von Leihmüttern und Babys ist.
       [1][Wieder konnten Neugeborene nicht abgeholt werden]. Und Schwangere
       konnten mitunter nicht frei darüber entscheiden, ob sie vor dem Krieg außer
       Landes fliehen oder bleiben.
       
       Dass eine Frau für andere Menschen eine Schwangerschaft austrägt, ist nicht
       nur das komplexeste, sondern auch umstrittenste Verfahren unter den
       modernen Reproduktionstechnologien. Ob und unter welchen Bedingungen die
       Leihmutterschaft legal ist, ist in den einzelnen Ländern völlig
       unterschiedlich geregelt. Und die Regeln wandeln sich rasant. Wer darf eine
       Leihmutter beauftragen, wer darf Leihmutter werden? Wird diese Person dafür
       offiziell bezahlt, oder erhält sie „nur“ eine oftmals hohe
       Aufwandsentschädigung? Welche Regeln gelten für die Schwangere? Und vor
       allem: Welche Rechte hat sie? Die Rechtslage und die Bedingungen, unter
       denen Leihmütter arbeiten, sind extrem komplex.
       
       Klar ist: Das Recht, über den eigenen Körper und die eigene Reproduktion
       selbst und frei zu bestimmen, ist ein Menschenrecht. Ob dieses bei einer
       Leihmutterschaft gewahrt werden kann und, falls ja, welche Regeln dann
       dafür gelten müssen, ist aber nicht einfach zu beantworten. Berührt werden
       dabei schließlich nicht nur die Rechte der Leihmutter, sondern auch die der
       Menschen, die sie beauftragen – und die des Kinds, das auf diesem Weg
       geboren wird. Über allem steht die große Frage: Gibt es ein Recht auf ein
       eigenes leibliches Kind?
       
       ## Geregelte sexuelle Kontakte
       
       Viel spricht gegen Leihmutterschaften, nicht nur auf rechtlicher Ebene.
       Trotz aller medizinischer Fortschritte sind Schwangerschaften immer ein
       Risiko für die Gesundheit oder gar das Leben. Leihmütter geben zudem qua
       Vertrag große Teile der Autonomie über ihren Körper ab. Dabei geht es nicht
       nur darum, welche Untersuchungen während der Schwangerschaft durchgeführt
       werden, sondern auch darum, wie sie sich verhalten – vom Rauchverbot bis
       hin zur Regelung von Sport oder sexuellen Kontakten.
       
       Vertraglich festgehalten wird oft auch, in welchen Fällen eine
       Schwangerschaft nicht ausgetragen wird, etwa wenn beim Fötus Behinderungen
       festgestellt werden oder bei Mehrlingsschwangerschaften. Zudem finden
       Leihmutterschaften in den meisten Fällen in einem Machtgefälle statt:
       Privilegierte Menschen aus dem reichen Norden beauftragen Frauen in ärmeren
       Ländern, im Globalen Süden oder migrantisierte Frauen damit, die
       Schwangerschaft für sie auszutragen.
       
       Leihmutterschaft sei „geprägt von Ausbeutung und Gewalt“, mache den „Körper
       von Frauen zur Ware“ und setze Leihmütter und Kinder „schwerwiegenden
       Menschenrechtsverletzungen“ aus, [2][schrieb 2025 die
       UN-Sonderberichterstatterin zu Gewalt gegen Frauen, Reem Alsalem].
       
       Amnesty International und das Center for Reproductive Rights erklärten
       andererseits: Gegen diese Gewalt und Ausbeutung helfe kein Verbot, weil die
       Praxis sich damit in andere Länder mit schlechteren Bedingungen verlagere.
       Stattdessen brauche es „solide rechtliche Rahmenbedingungen“, um die
       Menschenrechte aller Beteiligten zu wahren. Dazu gehöre das Recht der
       Leihmütter, alle medizinischen Entscheidungen selbst zu treffen – auch die
       Entscheidung über einen möglichen Abbruch der Schwangerschaft. Fragen
       könnte man auch: Warum soll es vertretbarer sein, dass Frauen in anderen
       Berufen zu miesen Bedingungen ihre Gesundheit ruinieren?
       
       ## Eine Chance, Argumente auszutauschen
       
       Aus konservativer Sicht ist Leihmutterschaft ein Angriff auf das
       heteronormative Familienbild, in dem Mann und Frau zusammen Kinder
       bekommen. Aus feministischer Sicht ist die Frage komplexer. Das Recht auf
       Selbstbestimmung – mitsamt dem Recht, sich für diese Art des Geldverdienens
       zu entscheiden – trifft auf feministische Kritik an Praktiken, die die
       weibliche Reproduktion und letztlich auch Kinder zur Ware machen.
       
       Und die auf patriarchaler wie globaler Ungleichheit aufbauen. Ein Regelwerk
       zu finden, das alle Eventualitäten beinhaltet und die Rechte aller
       Beteiligten umfänglich wahrt, scheint auch in Deutschland nicht ohne
       Weiteres möglich.
       
       Obwohl sich in der letzten Legislaturperiode eine
       Expert*innenkommission mit der Frage der Leihmutterschaft befasst
       hatte, gab es keine umfassende Debatte. Insofern bietet die neue
       Elternschaft von CDU-Ex-Fraktionschef Jens Spahn auch eine Chance dafür,
       die vielen, oft widersprüchlichen Argumente auszutauschen. Denn unabhängig
       vom deutschen Verbot findet Leihmutterschaft statt – oftmals, ohne dass die
       Rechte der Schwangeren und Kinder durchgesetzt werden.
       
       26 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Leihmuetter-in-der-Ukraine/!5839089
 (DIR) [2] https://www.ohchr.org/en/press-releases/2025/10/un-expert-calls-recognition-surrogacy-system-violence-exploitation-and-abuse
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dinah Riese
       
       ## TAGS
       
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