# taz.de -- Umstrittenes YE-Konzert in Albanien: Aktuell ist mehr Flamingo
> Rapper YE, früher Kanye West, soll ein Konzert in Albanien spielen.
> Vieles läuft schief. Die Stimmung ist aufgeheizt. Es geht um viel Geld.
(IMG) Bild: Kanye West in Istanbul
[1][Albaniens Präsident Edi Rama] blickt, versteckt hinter einer hellblauen
Brille, mit ernster Miene in eine Kamera und spricht ausgerechnet über den
Koran.
„Die heiligen Bücher lehren uns seit Tausenden von Jahren, dass der
Verleumder schlimmer ist als der Mörder“, sagt er. Der Koran, sagt er,
verurteilt Verleumdung so schwer, weil Verleumdung nicht nur einen Menschen
tötet. Sie untergrabe die Grundpfeiler des Vertrauens zwischen den
Menschen.
Er spricht von „Verleumdungen, Fälschungen, Manipulationen“, von
Neomarxisten und Tiktok-Islamisten, die Hass sähen im Land. Ganz schön
harter Tobak.
Aber worum geht es in seiner knapp zehnminütigen Rede, die er diese Woche
bei Instagram und Facebook veröffentlicht hat und in der er sich um Kopf
und Kragen redet, überhaupt?
## Merz und Weimer werben für Kollegah?
In erster Linie: um ein Rapkonzert von YE (früher bekannt als Kanye West),
das an diesem Samstag stattfinden soll. Dafür machen Rama und sein
Kultusminister Blendi Gonxhja seit Wochen Werbung im Internet; und schon
das mutet eigenartig an. Man stelle sich nur mal vor, was los wäre, wenn
Friedrich Merz und Wolfram Weimer wochenlang zum Kauf von, um einen ähnlich
umstrittenen Künstler ins Spiel zu bringen, Kollegah-Tickets aufrufen
würden.
Doch für Rama ist die ganze YE-Nummer nicht irgendein Event, sondern nun
mal Chefsache. Denn es ist ein Konzert, das laut Rama den globalen
Werbewert Albaniens steigere, Menschen aus der ganzen Welt anziehe.
Kurzum: das Beste, was Albanien passieren kann. Wären da nicht die rund
vier Millionen Euro Steuergeld, die der Staat in das Event pumpen muss, bei
dem schon im Vorfeld vieles schiefläuft. Und wären da nicht die riesigen
[2][Flamingoproteste] im Land, die den Rücktritt des Premiers fordern. Was
also ist da los?
Rama geht es mit Veranstaltungen wie dem YE-Konzert um nicht weniger als
die internationale Relevanz seines Landes. Das Conference-League-Finale
fand in Tirana statt, mehrere Giro-d’Italia-Etappen verliefen durch
Albanien.
## Ticketverkäufe laufen schleppend
Ähnlich wie bei YE, also mit dem Stärken des Tourismus, argumentiert Rama
auch beim geplanten Verkauf der ehemaligen Militärinsel Sazan an Jared
Kushner und Ivanka Trump, die dort und an der angrenzenden
Vjosa-Narta-Lagune ein exklusives Luxusresort errichten und die
Biodiversität zerstören wollen. Oder beim neuen Flughafen in Vlora, der
ebenfalls zuerst ohne Baugenehmigung in ein Bioreservat gebaut wurde. Seit
Wochen gibt es Großproteste im Land. Teile der Bevölkerung sind wütend,
fordern Ramas Rücktritt und gucken gerade genau darauf, was ihr
Premierminister so treibt.
Womit wir wieder beim geplanten YE-Konzert sind. Was, Stand jetzt, weder
für die albanische Regierung noch für das involvierte deutsche Unternehmen
Streetlife International ein sonderlich großer Erfolg ist. Der Verkauf
läuft schleppend, aktuell sind viele Tickets noch online erhältlich. Das
„Eagle Stadium“ für 60.000 Menschen, das auf einer Brachfläche zwischen
Tirana und der Hafenstadt Durres extra für das Event gebaut wird, ist auch
drei Tage vor dem Konzert noch nicht fertig. Und natürlich ist mit „Red
Cloud“ ein Unternehmen involviert, dessen Chef gute Kontakte zum Premier
pflegt.
Und überhaupt, der Treiber des „globalen Werbewerts“, YE, der durch
antisemitische Ausfälle und einen [3][Song namens „Heil Hitler“] seit
Jahren ziemlich umstritten ist. In Großbritannien und Italien wurden
Konzerte nach politischem Druck abgesagt. In der autoritärer regierten
Türkei und in Georgien durfte er dagegen zuletzt auftreten. Trotzdem fragt
man sich, warum ausgerechnet dieser Rapper als Aushängeschild für Albanien
als Kulturhotspot herhalten soll.
Bei Reddit und in Facebook- und Instagram-Kommentaren versuchen Menschen
mittlerweile, ihre Tickets loszuwerden und diskutieren darüber, ob das
Konzert verschoben oder sogar ganz abgesagt werden wird. All das führt zu
Unsicherheit und der Frage danach, ob es wirklich so eine gute Idee war, in
einer angespannten politischen Lage einem hochumstrittenen Rapper ein
eigenes Stadion ins Hinterland zu zimmern.
Die Antwort ist: Edi Rama hat sich mit diesem Konzert keinen Gefallen getan
und es mit seinem Social-Media-Statement selbst zum Politikum gemacht.
Stichwort Koran: Ramas Statement impliziert nämlich: Vermeintlich radikale
Kräfte im Internet und auch bei den Flamingoprotesten sorgen dafür, dass
ausländische Touristen nicht zum YE-Konzert kommen, darum muss der Staat
nun die rund vier Millionen Euro aus Notfallmitteln zuschießen. Und genau
darum sei Verleumdung schlimmer als Töten.
Entsprechend wütend sind die Menschen in den Kommentarspalten und auch bei
den Protesten selbst sprechen Menschen mittlerweile über das Konzert, das
zuvor eher unter dem Radar gelaufen ist.
Was Rama in seinem Statement macht, ist keine gute Krisenkommunikation,
sondern klassisches Gaslighting. Das steht stellvertretend für sein
öffentliches Auftreten in den letzten Wochen, in der er die Proteste von
oben herab abwertete. Dabei sagt er ja auch richtige Sachen: Fakt ist, dass
der Staat nicht, wie einige behaupteten, das 50-Millionen-Euro-Event
komplett finanziert. Das hätte Rama entspannt richtigstellen können,
stattdessen greift er die Bevölkerung an. Die Kommentare unter den Posts
sprechen für sich. Nett gesagt: Einverstanden mit Ramas Rede ist dort so
gut wie niemand.
Und das deutsche Unternehmen, Streetlife International, das das Konzert
munter [4][weiter bewirbt]? Hört man sich etwas um in der Musikindustrie,
erfährt man, dass die Agentur schon länger versucht, ein YE-Konzert zu
organisieren – allerdings Probleme hatte, einen passenden Ort zu finden.
Die taz hätte gern gewusst, warum YE trotz der antisemitischen Ausfälle,
dem „Heil Hitler“-Song und vielen weiteren Entgleisungen so eine Priorität
für das Unternehmen hatte. Oder warum ausgerechnet Albanien als Standort
ausgewählt wurde. Und wie der Ticketverkauf eigentlich so läuft. Streetlife
International antwortete auf unsere Anfrage bislang nicht.
Die große Frage, die bleibt: Wird die „Eagle Arena“ fertig? Und falls ja:
Wird YE überhaupt auf der Weltkugel im Stadion landen, die zu seinem
Bühnenbild gehört? Es bleibt spannend.
9 Jul 2026
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## AUTOREN
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