# taz.de -- Fitness und Verein: Wie wir Sport machen, ist politisch
> Unsere Autorin war immer sportlich. Aber die Frage, wofür sie eigentlich
> trainiert, hat sie nie ganz verlassen. Im Gym wird der Egoismus
> gefüttert.
(IMG) Bild: Egoismus trainieren: Wer ins Studio geht, muss sich mit niemandem verabreden, außer mit sich selbst
Die Grünen kommen bei jungen Männern nicht so gut an. Deswegen wollen sie
die Jungs da [1][abholen], wo man sie vermeintlich findet: [2][beim
Pumpen.]
Daran ist vieles weird, aber hey! Wir alle versuchen gerade so einiges, um
den Faschismus aufzuhalten. Ich shame da niemanden. Männer und die Grünen
haben es schwer genug. Lasst uns also haten, wem Hate gebührt: die
Fitnessindustrie.
Ich habe schon immer viel Sport gemacht. Irgendwann fing ich an, ins
Fitnessstudio zu gehen. Ich erzählte meinem Großvater davon und er
untersagte mir, deswegen den örtlichen Sportverein zu verlassen. „Aus
Vereinen tritt man nicht aus, die wurden unter den Nazis verboten.“
Als ich sagte, dass ich im Studio „trainiere“, fragte er ernsthaft
irritiert: „Wofür?“ Es stand ja kein Wettbewerb an. „Für mich“, antwortete
ich kleinlaut.
## Das Gemeinwohl im Blick
Sportvereine versuchen, Menschen zusammenzubringen. Sie haben das
Gemeinwohl im Blick und geben der Region etwas zurück; veranstalten
Turniere und Feste, während Fitnessstudios versuchen, dir zusätzlich
Proteinshakes oder ein Handtuch-Abo zu verkaufen.
Wie wir Sport machen ist politisch. Geht es um Optimierung, Protzen und
gestählte Körper? Oder um Teamgeist, Spaß und aktive Freizeitgestaltung?
Irgendwann wurde mein Leben so voll, dass für Vereine kein Platz mehr war.
Ich konnte mich nicht mehr nach festen Trainingszeiten und
Hallenbelegungsplänen richten. Energie für das soziale Gefüge einer
Mannschaft? Keine Chance! Thekenschicht beim Sportfest? Keine Zeit.
Ins Gym kann ich, wann ich will. Hier wird auch der Egoismus trainiert: Wer
ins Studio geht, muss sich mit niemandem verabreden, außer mit sich selbst.
Im Fitti lernst du niemanden kennen, ausgenommen die Person, die dir Drogen
verkaufen will.
Es geht nicht um soziale Kontakte, sondern um Selbstoptimierung. Da wird
nicht für ein gemeinschaftliches Ereignis trainiert, sondern dafür, besser
auszusehen und besser zu funktionieren, um als wertvoll angesehen zu werden
im Kapitalismus und ihm jederzeit zur Verfügung zu stehen:
Wer wegen Überstunden den dritten Mittwoch hintereinander das
Volleyballtraining verpasst, denkt vielleicht darüber nach, wie viel
Lebenszeit der Job frisst. Doch wer es mal wieder erst um neun ins Fitti
geschafft hat statt um sieben, ärgert sich, dass er nicht disziplinierter
seine Trainingszeiten einhält.
Die Fitnessindustrie macht Kohle mit den Unsicherheiten von Menschen. Wer
Gym-Kultur übertreibt, wird zum [3][Looksmaxxer]. Wer Sportverein
übertreibt, wird zum Schiedsrichter, Jugendtrainer oder schlimmstenfalls
Kassenwart. Klar können Parteien nach Wählern in Muckibuden suchen, sie
können aber auch das Ehrenamt stärken, für den Erhalt von Schwimmbädern und
Sportanlagen sorgen und Lust auf Bewegung fördern, in der es weniger um
Kraft und Körperkult geht.
Etwas zu lernen, das taktisch und technisch anspruchsvoll ist, sei es
Fußball oder rhythmische Sportgymnastik, ist beeindruckend. Training zu
Selbstoptimierungszwecken ist irgendwie unangenehm.
Damit der regelmäßige Gang in die Muckibude nicht allzu peinlich ist, fing
man an, redundantes Gewichte stemmen als „diszipliniert“ zu bezeichnen.
Dabei gibt es kaum etwas Undisziplinierteres, als mehrmals die Woche
Me-Time zu nehmen, um sich mit nichts als dem eigenen Körper zu
beschäftigen. Zeit, in der man für Familie oder Freund*innen da sein
könnte, Nachbarn unterstützen, im Tierheim aushelfen, sich im Umwelt- oder
Katastrophenschutz engagieren könnte – oder in einer Vereinsstruktur.
11 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.fr.de/politik/muss-den-maennern-mehr-zumuten-die-gruenen-diskutieren-ueber-maennlichkeit-94384076.html
(DIR) [2] /Bodybuilding-Event-in-Berlin/!6168213
(DIR) [3] /Waere-ich-als-planloser-Teenager-auch-in-die-Manosphere-abgetaucht/!6173829
## AUTOREN
(DIR) Simone Dede Ayivi
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