# taz.de -- Film „Etwas ganz Besonderes“: Die unmittelbare Gegenwart in der ostdeutschen Provinz
> In „Etwas ganz Besonderes“ erzählt Eva Trobisch von einer Familie aus
> Greiz. Ihr gelingt eine Vieldimensionalität, die im deutschen Film selten
> ist.
(IMG) Bild: Frida Hornemann (l.) und Eva Löbau treten in ihren Rollen als Nichte Lea und Tante Kati vielschichtig wie echte Menschen auf
Als „etwas ganz Besonderes“ fühlt sich Lea (Frida Hornemann) gerade nicht.
Dabei hat die 16-Jährige soeben die Teilnahme an einer „The Voice of
Germany“-artigen Show gewonnen. Im Interview mit den Produzenten, die mit
ihr einen jener Clips drehen wollen, mit dem sie sich in der Sendung dann
vorstellen soll, fällt der gesangsbegabten Schülerin nichts ein, was sie
vor der Kamera über sich erzählen könnte.
Oder besser gesagt: erzählen will. Denn eigentlich gäbe es eine Menge zu
berichten. Nur dass sie sich für das, was sie tatsächlich besonders macht,
eben eher schämt.
Was Regisseurin [1][Eva Trobisch („Alles ist gut“], [2][„Ivo“]) ihrer
jungen Heldin per selbst verfasstem Drehbuch alles aufbürdet, erscheint
sogar ein bisschen viel. Und wirkt doch realistisch, sowohl für das
Teenageralter, in dem man die Welt samt ihrer Probleme entdeckt, als auch
für die „4. Generation Ost“, die gerade in aller Munde ist.
Lea kommt aus Greiz, einer Kleinstadt im Südosten Thüringens. Ihre Eltern
haben sich getrennt, wobei die Tatsache eine große Rolle spielte, dass
Vater Matze (Max Riemelt) lange zum Geldverdienen nach Westdeutschland
pendelte. „Du warst ja nicht da“, ist ein Vorwurf, der ihm heute noch
ständig gemacht wird. Dabei ist Leas Mutter Rieke (Gina Henkel) vom neuen
Partner Arthur (Florian Lukas) schwanger, der zugleich Direktor an Leas
Schule ist.
Die Situation um Lea herum ist kompliziert und gleichzeitig völlig normal,
zumal für diese Gegend. Der Gasthof, den die Großeltern (Rahel Ohm und
Peter René Lüdicke) betreiben, steht vor dem Konkurs. Die Besitzer des
Nachbargrundstücks kommen aus dem Westen und sorgen für Ärger.
Dabei will die Großmutter vom Angebot einer rechten Gruppe – Leas Cousin
Edgar (Florian Geißelmann) spricht feindselig von Nazis – keinen Gebrauch
machen, ihre Tagung bei ihr abzuhalten. Und dann ist da noch ihre Tante
Kati (Eva Löbau), [3][die als Kuratorin eines im Greizer Schloss] mit
vielen EU-Mitteln eingerichteten Museums angefeindet wird, weil sie
angeblich [4][DDR-Geschichte ausgelöscht] habe.
Das alles und noch einiges mehr lässt Trobisch eher beiläufig in den Plot
ihres Films einfließen, der sich betont undramatisch an Leas Vorankommen in
der Castingshow entlangbewegt. Statt auf Spannungsdramaturgie setzt
Trobisch aufs Beobachten. Immer wieder gibt es Zeitsprünge.
## Beobachten statt Spannung
Oft ist dann gerade das passiert, was eine Person vorher noch verneinte:
Die Mutter kommt doch mit zur Vorentscheidung nach München, die Großmutter
vermietet doch an die Nazis. Jede einzelne Szene steckt voller Details,
flüchtiger Gesichtsausdrücke und hingeworfener Bemerkungen, die auf
tiefere, länger anhaltende Konflikte verweisen.
Darunter gibt es das eher leicht zu entschlüsselnde Hin und Her zwischen
Matze und Rieke, die einerseits noch ganz in alten Ehepaar-Vorwürfen
gefangen sind und andererseits, etwa in Rührung über den Erfolg der
Tochter, noch immer Anziehung und Verbundenheit empfinden.
Aber auch kompliziertere Dinge lässt Trobisch sich im Hintergrund
entfalten. Cousin Edgar streitet mit seiner Mutter über das, was mit ihrem
Zutun aus dem städtischen Schloss gemacht wurde und kann es nicht lassen,
über die Castingshow zu stänkern und angebliche Insiderdetails darüber zu
verraten, dass dort alles gescriptet und korrumpiert sei. Außerdem steckt
er vielleicht hinter der Aktion, während der Nazi-Tagung im Gasthof der
Großmutter überall tote Tiere wie Vögel oder Mäuse abzulegen.
## Gelebte Erfahrung der Protagonisten
Trobisch gelingt mit „Etwas ganz Besonderes“ etwas sehr Rares: Sie fängt
die unmittelbare Gegenwart ein, und das nicht im zeitgeistigen Berlin,
sondern in der ostdeutschen Provinz. Ihr Zugriff erfolgt dabei einmal nicht
über die gängigen Aufmacherthemen, die mit dem „Osten“ stets verbunden
werden: Nazis, Arbeitslosigkeit, DDR-Vergangenheit. Das alles kommt zwar
vor, aber nicht als Schlagzeile, sondern als differenzierte, gelebte
Erfahrung ihrer Protagonisten.
In jeder einzelnen Figur lässt sich so eine Vieldimensionalität erkennen,
wie sie selten ist im deutschen Film. Besonders Max Riemelt als Matze
gelingt es, in einem großartig erwachsenen Auftritt die komplexe Realität
eines Mannes darzustellen, der sich nicht in Kategorien wie „Ost-Identität“
fügt und Probleme gern in der Praxis und nicht in der Theorie lösen möchte.
Die Detailfülle von Trobischs Drehbuch führt dazu, dass einige
Handlungsstränge im Sand verlaufen. Etwa der Freundinnenkonflikt zwischen
Lea und Bonny (Ida Fischer). Oder Leas Hang, dramatische Geschichten über
sich selbst zu erfinden.
Manchmal wünscht man sich, dass ein Konflikt endlich zentral im Vordergrund
verhandelt würde, statt dass alles immer beiläufig einfach passiert. Dass
Trobisch schließlich sogar eine wichtige Hauptperson einfach fortgehen
lässt, ohne dass die Zurückgebliebenen herausfinden, wohin, markiert ein
„In der Schwebe halten“, das es nicht gebraucht hätte.
13 Jul 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Deutscher-Spielfilm-Alles-ist-gut/!5536301
(DIR) [2] /Drama-Ivo-im-Kino/!6016258
(DIR) [3] https://www.greiz.de/tourismus-kultur/museen/schloesser
(DIR) [4] https://vogtlandspiegel.de/es-geht-voran-90-jahre-museum-im-wandel-der-zeit/1941182/
## AUTOREN
(DIR) Barbara Schweizerhof
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