# taz.de -- Hanta-Virus und Ebolafieber: Eine Insel voller Viren
       
       > Auf einer kaum bekannten Ostseeinsel wird seit über 100 Jahren mit den
       > bedrohlichsten Krankheitserregern der Welt experimentiert. Was passiert
       > dort?
       
 (IMG) Bild: Im Institut hängt der zehnteilige Zyklus „Sinn und Praxis der Virologie“ von Hans Neubert, entstanden zwischen 1957 und 1960
       
       Nur mit einer Sicherheitskennung öffnet sich die Tür zu den Laboren. Darauf
       klebt ein gelbes Dreieck mit drei ineinandergreifenden schwarzen Kreisen.
       Achtung, Biogefährdung, Infektionsgefahr. Man kennt das noch von den
       Tütchen für die benutzten Coronatests. In der Forschungsanlage des
       Friedrich-Loeffler-Instituts ist das Warnzeichen allgegenwärtig. Es
       markiert schwere Edelstahltüren, Müllbehälter, Probencontainer. Hier wird
       an den gefährlichsten Viren der Welt geforscht, mit lebenden Tieren und mit
       ganz vielen Schutzmaßnahmen. Eine davon ist die Lage auf einer kaum
       bekannten Ostseeinsel.
       
       Die Insel Riems liegt vor Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern, ein Stück
       südlich von Rügen. 1.250 Meter lang und bis zu 300 Meter breit. Etwas
       kleiner als das Gelände des Berliner Zoos, ungefähr so groß wie ein
       typischer süddeutscher Bauernhof. Rund 400 Menschen arbeiten hier in einem
       Hochsicherheitsforschungszentrum hinter Stacheldraht und einer bewachten
       Pforte, die sich für Besucher*innen nur bei berechtigtem Interesse öffnet.
       SARS-CoV-2, Auslöser der Corona-Pandemie, ist auf der Insel Riems nur einer
       von sehr vielen Krankheitserregern, an denen geforscht wird.
       
       Mit der Coronapandemie haben wir eine Ahnung bekommen, warum Virologie ein
       wichtiges Forschungsgebiet ist. Wir wissen mehr von Infektionswegen und
       Eindämmungsmaßnahmen, von PCR-Tests und Impfstoffentwicklung. Vielleicht
       sind wir auch sensibler geworden bei Nachrichten über Virusausbrüche –
       Hanta auf einem Kreuzfahrtschiff, Ebola in der Demokratischen Republik
       Kongo, um nur zwei aus den letzten Wochen zu nennen. Wie aber gelingt es
       uns Menschen, den nächsten großen Virusausbruch erfolgreich zu verhindern?
       Diese Frage ist quasi tagesaktuell.
       
       Seit der Mensch damit begonnen hat, Viren zu erforschen, ist die Gefahr,
       die von dieser Forschung selbst ausgeht, ein Begleiter. Viren sind schwer
       zu beherrschen, ihr einziges Ziel ist die eigene Verbreitung. Bis heute
       gibt es Unfälle und Virusausbrüche im Umfeld von Forschungseinrichtungen.
       Auch die Geschichte des Tierseuchen-Forschungszentrums auf der Insel Riems
       – heute eines der modernsten der Welt – hat mit Viren angefangen, die
       ungewollt entweichen. Und mit dem Schrecken des 19. Jahrhunderts: der Maul-
       und Klauenseuche.
       
       Im 19. Jahrhundert zieht die Maul- und Klauenseuche in verheerenden Wellen
       durch die Ställe Europas. Der Lebensstil dieser Zeit erweist sich als
       ergiebiger Nährboden für das Virus: Immer mehr Menschen leben in Städten,
       und um sie zu ernähren, werden immer mehr landwirtschaftliche Nutztiere auf
       immer engerem Raum gehalten und regelmäßig transportiert. Der Ausbau des
       Wege- und Schienennetzes erleichtert nicht nur den Menschen und Tieren das
       Reisen, sondern auch den Viren.
       
       Dass der Auslöser der Maul- und Klauenseuche ein Virus ist, beschreiben die
       Mediziner Friedrich Loeffler und Paul Frosch 1898 und [1][entdecken damit
       das erste Tiervirus überhaupt]. Loeffler ist zu der Zeit Professor für
       Hygiene in Greifswald und forscht dort weiter. Sein Ziel ist ein Impfstoff
       und sein Labor ist ein einfacher Stall.
       
       Doch ein Virus wie das der Maul- und Klauenseuche, bei der wohl schon ein
       einzelnes Viruspartikel für eine Infektion ausreicht, lässt sich so nicht
       beherrschen. Mehrfach kommt es zu Ausbrüchen auf nahegelegenen Bauernhöfen.
       Böse Zungen behaupten sogar, Loeffler habe zu den großen Seuchenzügen jener
       Zeit beigetragen. 1907 verbietet ihm die preußische Regierung deshalb auch
       jede weitere Forschung an der Maul- und Klauenseuche auf dem Festland.
       
       Im Grunde ist es also ein Laborunfall, der Friedrich Loeffler auf die
       nahegelegene Insel im Greifswalder Bodden verschlägt. So wie mancherorts
       Schwerverbrecher oder Typhuskranke auf Inseln isoliert werden, so will es
       Loeffler mit den neu entdeckten Viren machen und gründet 1910 auf Riems das
       erste virologische Forschungsinstitut der Welt.
       
       ## Eine abgeriegelte Hochsicherheitszone
       
       In der Anfangszeit bringen Boote die Forscher*innen, Tiere und Ausrüstung
       auf die Insel. Ab 1926 gibt es eine Seilbahn – in die Gondel passen fünf
       Menschen oder eine Kuh. Seit den frühen 1970ern verbindet ein
       aufgeschütteter Straßendamm die Insel Riems mit dem Festland. Inzwischen
       fährt sogar ein Bus hinüber, Linie 127 aus Greifswald. Manche kommen auch
       mit dem Fahrrad auf die Insel.
       
       Ein Mountainbiker ist abgestiegen und blickt über den Bodden. Der Himmel
       ist blau und die Urlaubsinsel Rügen nicht weit entfernt am Horizont. Ein
       kleines Hinweisschild weist den Weg zum Friedrich-Loeffler-Institut. Hier
       steht auch das zweistöckige Haus, in dem Loeffler damals seine Forschung
       begann. Heute ist es ein Museum.
       
       Nichts erinnert an Spitzenforschung im abgeriegelten
       Hochsicherheitsgelände. Jede Touristin kann auf diesen Teil der Insel einen
       Ausflug machen. Noch ein Stück die Straße entlang versperren dann aber doch
       Stacheldraht und eine Schleuse den Weg für Schlendernde. Sperrgebiet.
       Hinter Glas sitzt ein Wachmann, der die Ausweise kontrolliert.
       
       Gleich linker Hand hinter dem Eingang steht das historische Hauptgebäude
       aus den 1940ern. Die Nazis sollen hier zu Kriegszeiten an der [2][Maul- und
       Klauenseuche als Biowaffe] gegen die Sowjetunion geforscht haben. Zum
       Einsatz kommt die aber nicht mehr. Bei Kriegsende sammelt die Rote Armee
       alle Forschungsausrüstung ein, die transportierbar ist. Nur wenige Jahre
       später wird auf der abgeriegelten Insel im großen Stil der inzwischen
       entwickelte Impfstoff gegen Maul- und Klauenseuche produziert. Die DDR
       rühmt sich, 1950 das erste Land mit einer Impfpflicht gegen das unheilvolle
       Virus zu sein.
       
       Auch diese Zeit hat ihre Spuren hinterlassen. Im Hauptgebäude entlang der
       imposanten Treppe sind es die riesigen Wandgemälde des Malers Hans Neubert,
       entstanden zwischen 1957 und 1960. Der [3][zehnteilige Zyklus „Sinn und
       Praxis der Virologie“] beginnt mit dem Ausweiden eines Versuchsrindes, die
       Gedärme hängen bis zum Boden, eine Frau in Kittel und Schürze nimmt Proben.
       Auf einem Bild am oberen Ende der Treppe verarbeiten maskierte
       Labormitarbeiterinnen die Blut- und Gewebeproben.
       
       Dort wartet jetzt Biologe Martin Eiden. Seit 25 Jahren arbeitet er auf der
       Insel Riems und forscht an Viren, von denen die meisten noch nie gehört
       haben, ausschließlich beachtet von der Wissenschaftswelt. Doch dann rufen
       am Montag, den 4. Mai 2026, die ersten Radio- und Fernsehteams an. Grund
       ist ein filmreifer [4][Virusausbruch auf dem Luxuskreuzfahrtschiff
       „Hondius]“, der zwei Tage zuvor bekannt wurde. Eiden ist am
       Friedrich-Loeffler-Institut zuständig für das Hanta-Virus.
       
       Wochenlang cruist die „Hondius“ von Argentinien aus vorbei an einigen der
       entlegensten Inseln der Welt bis nach Europa – mit der südamerikanischen
       Andes-Variante des Hanta-Virus an Bord. Ein Passagier hatte es sich noch
       vor der Kreuzfahrt eingefangen und gibt es auf der Reise weiter. Drei
       Patient*innen sterben. Es kommt zu spektakulären Evakuierungen, Menschen
       verschiedenster Nationalitäten sind betroffen. Martin Eiden erklärt der
       Presse derweil, dass das Hanta-Virus auch in Deutschland verbreitet ist,
       dass es von Mäusen auf Menschen übertragen werden kann und [5][wie man sich
       vor Infektionen schützt].
       
       So viel Aufmerksamkeit bekommt Eidens Forschung selten. Aber wenn irgendwo
       im Land ein Tier mit Hanta-Verdacht auftaucht, dann landet die Probe in der
       Regel in seinem Labor. Manchmal ist das Teil einer Detektivgeschichte – wie
       dieser: [6][2024 erkrankt eine Frau] an der in Deutschland bisher äußerst
       selten diagnostizierten Seoul-Variante des Hanta-Virus. Mit akutem
       Nierenversagen liegt sie im Krankenhaus.
       
       Im Verdacht stehen ihre Hausratten, die sie wenige Wochen zuvor vom Züchter
       geholt hat. Gewebe- und Blutproben werden nach Riems geschickt und dort
       untersucht. Doch die Ratten sind negativ. Bleibt noch der Züchter, und da
       werden die Virus-Ermittler fündig. Einige seiner Ratten sind Hanta-positiv,
       bei ihrem Besuch muss sich die Frau angesteckt haben. Dafür reicht schon
       das Einatmen von infektiösem Staub. Auch die Züchterfamilie hat sich
       bereits unbemerkt infiziert. Fall aufgeklärt. Die Frau wird übrigens wieder
       ganz gesund.
       
       Wenn kein Detektivfall zu lösen ist, dann forscht Eidens Team daran, wie
       sich das Hanta-Virus im Tier verhält, wie infektiös die Ausscheidungen
       sind, ob neue Virusvarianten entstanden sind, das Virus auf andere
       Tierarten übergesprungen ist und welche Konsequenzen das für den Schutz des
       Menschen hat. Auch die Virusvariante aus Südamerika kann jetzt am
       Friedrich-Loeffler-Institut diagnostiziert werden. „Für den Fall der
       Fälle“, sagt Eiden.
       
       „Im Vorfeld ist oft nicht absehbar, ab wann auch für Nutztiere oder die
       Menschen in Deutschland Gefahr besteht“, erklärt der Biologe. Zum Beispiel
       durch den Übertritt auf neue Wirtstiere, durch neue, gefährlichere
       Virusvarianten oder ein Verschleppen aus anderen Regionen. Steigende
       Temperaturen etwa locken Stechmücken immer weiter in den Norden, und mit
       ihnen verbreiten sich auch Krankheitserreger. Das Rift-Valley-Fieber-Virus
       könnte auf diesem Weg nach Europa gelangen – bei den Forscher*innen auf
       Riems wird es als Kandidat für künftige Virusausbrüche gehandelt.
       
       Seit 20 Jahren forscht Eiden zur Diagnostik des Rift-Valley-Fieber-Virus,
       zur Entwicklung von Therapieansätzen und Impfstoffen – auch in gemeinsamen
       Projekten mit afrikanischen Partnerländern. „Bisher gab es in Europa keine
       Infektionen, aber das kann schon in fünf Jahren passieren“, sagt Eiden.
       Würden sie nicht jetzt schon auf Verdacht an dem kaum bekannten Virus
       forschen, dann, so Eiden, heißt es im Falle eines Ausbruchs gewiss: „Warum
       haben sie vorher nichts gemacht?“
       
       In den drei höchsten biologischen Schutzstufen – den sogenannten Biosafety
       Level, kurz BSL – wird auf der Insel Riems geforscht. Mit jeder Stufe
       steigen die Gefährlichkeit der Viren und das Ausmaß an
       Sicherheitsvorkehrungen. Hanta- und Rift-Valley-Fieber-Virus sind den
       Schutzstufen 2 und 3 zugeordnet. „Damit bin ich ganz zufrieden“, sagt
       Martin Eiden. Im BSL4-Bereich, der höchsten Stufe, die es überhaupt gibt,
       stecken Wissenschaftler*innen in den gelben Vollschutzanzügen, die einem
       aus dystopischen Kinofilmen sehr bekannt vorkommen. „Das sieht zwar cool
       aus“, sagt Eiden, aber die Belastung für die Kolleg*innen, die da arbeiten,
       sei enorm hoch.
       
       Eine dieser Kolleg*innen ist Anne Balkema-Buschmann. Sie gehört zu denen,
       die auf der Insel Riems mit den tödlichsten aller Viren forschen. Die, für
       die es weder eine Therapie noch eine Impfung gibt.
       
       ## Die richtig gefährlichen Viren
       
       „Leider keine Hühner“, sagt Anne Balkema-Buschmann auf die Frage nach
       Haustieren. Wenn die Tierärztin und Virologin könnte, würde sie privat
       welche halten. Aber das ist den Mitarbeiter*innen hier verboten.
       Balkema-Buschmann leitet derzeit das Institut für neue und neuartige
       Tierseuchenerreger am Friedrich-Loeffler-Institut; auch sie ist seit 25
       Jahren auf der Insel. Ihr Hauptforschungsgebiet sind von Flughunden
       übertragene Viren. Eines davon ist das Nipah-Virus.
       
       „Also mit dem Nipah-Erreger möchte man wirklich keine direkte Bekanntschaft
       machen“, sagt Balkema-Buschmann mit einem leichten Kopfschütteln. Sie ist
       eine von fünf leitenden Wissenschaftler*innen, die im höchsten
       Sicherheitsbereich zu diesem und anderen Viren forschen dürfen. Als
       Besucherin kommt man da natürlich nicht rein. Aber Stufe 2, das geht, sagt
       Balkema-Buschmann. Da könne man immerhin einen Eindruck bekommen. Hier auf
       Riems ist es die niedrigste biologische Schutzstufe, in Universitäten oft
       schon das Höchste.
       
       Bevor sich die Tür mit dem gelben Warndreieck öffnet, werden Reporterin und
       Fotograf belehrt, wie sie sich während und nach dem Laborbesuch zu
       verhalten haben. „Der wichtigste Punkt ist, dass wir eine zweitägige
       Quarantäne einhalten müssen“, sagt Balkema-Buschmann. Wer ein Labor auf der
       Forschungsinsel Riems betritt, darf danach 48 Stunden lang keinen direkten
       Kontakt zu Klauentieren, Nutzfischen oder Nutzgeflügel außerhalb des
       Instituts haben und weder Stallungen noch Weiden betreten. Also kein Besuch
       im Streichelzoo und eben auch kein Hühnerstall zu Hause.
       
       Erst nach einer Unterschrift unter die Belehrung öffnet sich die
       Sicherheitstür zur Umkleide. Die Besucher*innen ziehen einen Einmalkittel
       an und blaue Plastiküberzieher über die Schuhe. Von dort geht es über eine
       futuristische grüne Brücke in den Forschungskomplex. Balkema-Buschmann
       weist den Weg in ihr Labor der biologischen Schutzstufe 2.
       
       Auch hier wird an den tödlichen Nipah-Viren geforscht. „Aber nur, wenn sie
       nicht mehr infektiös sind“, sagt Balkema-Buschmann. Mit Probenmaterial wird
       trotzdem nur an einer Sicherheitswerkbank hinter Glas hantiert. Die
       Forscherin sitzt davor und steckt die Hände in Einmalhandschuhen durch
       einen Schlitz. Die Luft dahinter wird abgesaugt und gefiltert. Aktuell
       arbeiten Balkema-Buschmanns Mitarbeiter*innen an einem verbesserten
       Nachweis für Antikörper des Nipah-Virus – um leichter unterscheiden zu
       können, mit welchem Virusstamm sich ein Tier angesteckt hat.
       
       Nach der Arbeit desinfizieren die Mitarbeiter*innen im BSL2-Bereich ihre
       Hände, legen in der Umkleide den Kittel ab, und fertig. Das Labor der
       Schutzstufe 4, das im Erdgeschoss des Gebäudes von außen einsehbar liegt –
       das ist wahrlich eine ganz andere Nummer.
       
       ## Die höchste Sicherheitsstufe
       
       1911, ein Jahr nach der Einrichtung seines virologischen
       Forschungsinstituts auf der Insel Riems, kann Friedrich Loeffler ein
       Immunserum gegen die Maul- und Klauenseuche präsentieren – noch weit
       entfernt von einer breiten Anwendung und ohne lange Schutzwirkung, aber
       immerhin. 1913 überlässt Loeffler anderen Forschenden die Isolation auf der
       Insel. In Berlin hat man ihm die Leitung des Robert-Koch-Instituts
       angetragen.
       
       100 Jahre später, im August 2013, wird am Institut der neugebaute Labor-
       und Versuchsstallkomplex der biologischen Schutzstufe 4 eingeweiht.
       Kanzlerin Angela Merkel kommt vorbei. Es gibt ein Foto, auf dem sie und
       Anne Balkema-Buschmann in dem noch nicht in Betrieb genommenen Labor
       stehen. Balkema-Buschmann hat extra den gelben Vollschutzanzug angezogen.
       Merkel hilft ihr beim Überziehen der Handschuhe.
       
       Der tatsächliche Betrieb des Hochsicherheitsbereichs beginnt erst später,
       aber die Kanzlerin ist eine der letzten Besucher*innen, die das Labor
       überhaupt betreten durften. Jetzt liegt es abgesperrt und leer hinter
       doppelten Scheiben, die mal geputzt werden könnten. „Wartungszeit“, erklärt
       Balkema-Buschmann. 2 von 12 Monaten ruht der Betrieb. Die Erreger werden
       sicher verräumt, alles wird desinfiziert, die erfolgreiche Desinfektion
       überprüft, der Bereich freigegeben und runtergefahren. Dann kommen
       zertifizierte Fremdfirmen und kontrollieren jeden Luftfilter, jedes Gerät.
       
       Vor wenigen Monaten hat Anne Balkema-Buschmann hier noch mit Schweinen
       geforscht, erzählt sie. Ein Impfstoff gegen das Nipah-Virus soll damals an
       den Tieren getestet werden. Mit Großtieren im BSL4-Bereich forschen – nicht
       einmal eine Handvoll Einrichtungen ist weltweit dafür zugelassen. So
       anspruchsvoll sind die Sicherheitsanforderungen.
       
       In der Versuchsreihe von Balkema-Buschmann werden geimpfte und umgeimpfte
       Schweine mit aktiven Nipah-Erregern infiziert. Zwölf Schweine leben dafür
       zwölf Tage in dem Hochsicherheitstrakt, einer Art Gebäude im Gebäude –
       hinter Schleusen komplett abgetrennt vom Rest des Laborkomplexes. Im
       gesamten BSL4-Bereich herrscht Unterdruck, sodass Luft nur hinein-, aber
       nicht herausströmen kann.
       
       In den gelben Vollschutzanzügen, angeschlossen an eine separate Luftzufuhr
       und mit mindestens vier Paar Handschuhen über den Händen, versorgen während
       der Versuchsreihe immer ein bis zwei Tierpfleger und ein*e
       Wissenschaftlerin die Schweine: Geben Futter, machen den Stall sauber,
       duschen die Tiere. Infizieren sie mit dem Erreger, beobachten dann den
       Krankheitsverlauf, nehmen Proben. Der Impfstoffversuch zeigt erste Erfolge,
       den geimpften Tieren geht es besser als den ungeimpften.
       
       Die Schweine, die bei der Impfung mit dem Nipah-Virus noch kleine Ferkel
       waren, sind bei der Infektion schon so schwer wie Balkema-Buschmann selbst.
       Manche zutraulich, manche misstrauischer. „Das bleiben immer Lebewesen,
       egal wie lange man das schon macht“, sagt Balkema-Buschmann. Die Abläufe
       für jeden Versuch, auch wann ein Tier erlöst werden muss, sind vorher genau
       festgelegt und behördlich genehmigt. Am Ende der Versuchsreihe werden die
       Schweine aus Sicherheitsgründen getötet. Ein Folgeversuch ist bereits
       genehmigt – der Weg zu einem anwendbaren Impfstoff ist lang.
       
       „Das war jetzt nicht mein Traum, im BSL4-Bereich zu arbeiten“, sagt
       Balkema-Buschmann. Nicht, weil es so schrecklich gefährlich oder
       beängstigend wäre, „sondern weil es einfach sehr anstrengend und furchtbar
       umständlich ist“. Mit mehreren Paar Handschuhen feinmotorische Arbeiten
       erledigen und bloß kein Röhrchen fallen lassen, mit dem gefährlichen Virus
       darin. Nicht mal aufs Klo gehen während des Einsatzes. „Da ist man aber eh
       so hochkonzentriert, da ist das das geringste Problem.“
       
       Nach den vier Stunden, die Balkema-Buschmann so arbeitet, sei sie auch
       mental erschöpft. Und dann kommt noch das Ausschleusen, eine halbe Stunde
       dauert das mindestens. Bevor die Forscher*innen und Tierpfleger*innen den
       gelben Anzug wieder ablegen dürfen, müssen sie erst einmal von allen Seiten
       unter die Desinfektionsdusche.
       
       „Wir suchen keine Leute, die es als Abenteuer sehen, im
       Hochsicherheitsbereich zu arbeiten“, sagt Balkema-Buschmann, „sondern eher
       die, die bereit sind, aus Passion für ihre Forschung die Mühen und Risiken
       in Kauf zu nehmen.“
       
       Das Training für neue Mitarbeiter*innen im BSL4-Bereich dauert ein Jahr –
       den technischen Aufbau der Anlage und die vorgeschriebenen Abläufe
       studieren, mindestens 40 begleitete Zutritte. Jedes Jahr müssen die, die
       hier forschen dürfen, ihre Kondition beweisen. Denn einen medizinischen
       Notfall im BSL4-Labor, das will hier keiner. Weder darf ein Arzt rein noch
       die zu rettende Person sofort raus. „Eine verunfallte Person muss
       notfallmäßig desinfiziert worden sein, bevor wir sie den Rettungskräften
       übergeben“, erklärt Balkema-Buschmann.
       
       Im Hochsicherheitsbereich auf der Insel Riems wird auch an dem Virus
       geforscht, das gerade [7][in der Demokratischen Republik Kongo wütet] und
       das wie kaum ein anderes für die todbringende Gefahr von Viren steht. Der
       Allgemeinheit ist es bekannt unter dem Namen Ebola.
       
       Bei dem verheerenden Ausbruch vor einigen Jahren ist die zuständige
       Wissenschaftlerin von der Insel Riems nach Westafrika gereist, um die
       Kolleg*innen vor Ort bei der Diagnostik zu unterstützen. Dieses Mal, bei
       dem Ausbruch des Bundibugyo-Virus im Kongo, sei das nicht möglich, sagt
       Balkema-Buschmann. Zu gefährlich ist die politische Situation, die auch zur
       wochenlang unerkannten Verbreitung des Virus beigetragen hat. Hier am
       Institut wird in Kooperation mit anderen Wissenschaftsstandorten an einem
       Impfstoff gearbeitet, der für verschiedene Varianten des Virus gleichzeitig
       wirken soll – zu spät für diesen Ausbruch, aber wichtig für die nächsten.
       
       Ebola, Nipah, Rift-Valley, Hanta, SARS-CoV-2, Maul- und Klauenseuche – das
       ist nur ein kleiner Auszug der Viren, mit denen auf Riems hantiert wird –
       hinter Schleusen und Desinfektionsduschen, an Sicherheitswerkbänken und in
       Vollschutzanzügen. Ziel ist es, die Viren da draußen in der Welt zu
       beherrschen. Aber wer sorgt dafür, dass von der Forschung selbst keine
       Gefahr ausgeht? Dass nichts Vergleichbares passiert wie [8][2007 in
       Südengland], als durch ein marodes Abwasserrohr auf einem Forschungsgelände
       das Maul- und Klauenseuche-Virus entweicht und Rinder in der Umgebung
       infiziert? Dass nicht [9][Laborunfalltheorien diskutiert werden müssen] wie
       bei der Coronapandemie, die 2019 ausgerechnet im chinesischen Wuhan ihren
       Ursprung hat, wo auch ein Forschungslabor mit Coronaviren experimentiert?
       
       ## Der BioRisk Officer
       
       „Die Lage auf der Insel ist nur der erste Schutz“, sagt Jens Teifke. Der
       Tierarzt sitzt in einem Büro im Erdgeschoss des Hauptgebäudes, Blick zum
       Wasser. Er ist „Bio Risk Officer“ – ein Job, den es in Deutschland so kein
       zweites Mal gibt. Teifke ist dafür zuständig, dass in der
       Bundesforschungseinrichtung am Standort Riems alles „bestimmungsgemäß
       abläuft“.
       
       Alles, was die Insel verlässt, wird kontrolliert: Abwasser, Abluft,
       Personen, Müll, Tierkadaver. Für die Unschädlichmachung von infektiösen
       Tierkörpern oder Proben sind martialisch klingende Prozeduren
       vorgeschrieben. Etwa das Kochen bei sehr hoher Temperatur im
       Rotationsautoklav, einer Art Schnellkochtopf. Oder die Auflösung von
       hochinfektiösem Material zu einer sterilen Flüssigkeit in der alkalischen
       Hydrolyse. Für nahezu jeden Arbeitsschritt in den Sicherheitsbereichen des
       Forschungsinstituts gibt es ein Protokoll. Die Einhaltung der Vorschriften
       wird in hoher Frequenz von den zuständigen Behörden kontrolliert.
       
       Gefährdungspotenzial, sagt Teifke, gebe es zum Glück ganz selten und einen
       wirklich schwerwiegenden Vorfall habe man hier auf der Insel noch nie
       erlebt. Aber absolute Sicherheit, die gibt es eben auch nicht. „Es geht vor
       allem darum, genügend Maßnahmen im Vorfeld zu ergreifen, damit sich im
       Ernstfall keine ganz gefährlichen Sachen ergeben.“ Und wenn doch etwas
       passiert, wenn Viren im Umfeld auftauchen? „Dann muss man dem mit absoluter
       Offenheit begegnen“, sagt Teifke. Um Spekulationen wie bei Wuhan zu
       vermeiden.
       
       Der Bio Risk Officer ist für die Sicherheit der Menschen und der Umwelt
       zuständig, aber auch für das Wohl der Tiere. Beinah zynisch klingt das in
       einer Anlage, in der Tiere nur für Versuchsreihen gehalten werden, an deren
       Ende immer der Tod steht. Auf der Insel Riems wird je nach Erreger mit
       Schweinen, Rindern, Wildschweinen, Schafen, Ziegen, Flughunden, Mäusen,
       Ratten, Hamstern, Fischen, Mücken, Bienen, Hühnern, Enten geforscht. Auf
       einer Weide vor dem Hauptgebäude grasen Alpakas – sie dienen als
       Blutspender.
       
       Noch geht es nicht ohne die Tiere – weil sie selbst zu den Opfern der Viren
       gehören. Weil sie die Überträger zum Menschen sind. Weil Impfstoffe an
       ihnen getestet werden müssen. „Ich sehe Tierversuche sehr kritisch“, sagt
       Teifke – „sie sind nur zulässig und werden auch nur genehmigt, wenn sie
       absolut nötig sind.“ Er selbst sei froh, dass er in seiner Funktion nicht
       mehr an Tierversuchen teilnehmen muss, und hofft auf die Ersatzmethoden, an
       denen hier auch schon geforscht wird. Wie zum Beispiel Impfstoffe bei
       Tieren wirken – darüber könnten [10][in Zukunft auch Organoide, aus
       Stammzellen gezüchtete Mini-Organe], in Verbindung mit künstlicher
       Intelligenz Auskunft geben.
       
       ## Alte und neue Seuchen
       
       Bläschen an Maul und Klauen, auffälliges Verhalten – 2025 erkranken in
       Brandenburg mehrere Wasserbüffel an altbekannten Symptomen. Blutproben
       werden auf die Insel Riems geschickt, und binnen kürzester Zeit bestätigt
       der zuständige Wissenschaftler den Verdacht: der [11][erste Fall von Maul-
       und Klauenseuche in Deutschland seit 37 Jahren]. Die Seuche, mit der auf
       Riems vor 116 Jahren die Forschung begann und die inzwischen als überwunden
       galt. Dank schneller Eindämmungsmaßnahmen bleibt es bei den wenigen Fällen.
       
       Viren sind eine Urgewalt. Winzig, unsichtbar und nur mit großem Aufwand
       beherrschbar. Sie können Jahrzehnte scheinbar verschwinden, um dann jedes
       Schlupfloch zu nutzen, das eine Welt des Klimawandels, der politischen
       Konflikte, der nationalistischen Interessen, der Beförderung von Tier und
       Mensch um den Globus oder schlichte Nachlässigkeit eröffnen. Auf der
       kleinen Ostseeinsel in Mecklenburg-Vorpommern wirkt das alles sehr weit weg
       und ganz nah zugleich.
       
       18 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.rki.de/DE/Institut/Das-RKI/Geschichte/Geschichte-des-RKI/Bildband_Salon/1921-1930.html
 (DIR) [2] https://ns-zeit.uni-greifswald.de/projekt/personen/waldmann-otto/
 (DIR) [3] https://www.museum-der-1000-orte.de/kunstwerke/kunstwerk/sinn-und-praxis-der-virologie
 (DIR) [4] /Hantavirus-auf-der-Hondius/!6175587
 (DIR) [5] https://www.rki.de/DE/Themen/Infektionskrankheiten/Infektionskrankheiten-A-Z/H/Hantavirus/Merkblatt_PDF.pdf?__blob=publicationFile&v=3
 (DIR) [6] https://www.dzif.de/de/seltenes-von-ratten-uebertragenes-virus-infiziert-frau-deutschland-verbindung-zu-privater
 (DIR) [7] /Ebola-in-DR-Kongo/!6189587
 (DIR) [8] https://www.theguardian.com/uk/2007/sep/07/footandmouth.immigrationpolicy
 (DIR) [9] /Christian-Drosten/!6061896
 (DIR) [10] /Alternativen-zu-Tierversuchen/!5913446
 (DIR) [11] https://www.bmleh.de/DE/themen/tiere/tiergesundheit/tierseuchen/mks.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Manuela Heim
       
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