# taz.de -- KI und Sportjournalismus: Wir sollten uns ehrlich machen
       
       > Der Einsatz von KI macht den Journalismus nicht besser, sondern
       > verdichtet Arbeit. Im Sportjournalismus zeigt sich diese Entwicklung seit
       > Langem.
       
 (IMG) Bild: Die Produktionsmittel im Sportjournalismus sind bereits seit Jahren durch KI Nutzung bestimmt
       
       Ich habe einmal mit einem Kollegen zusammengearbeitet, der Texte, die
       Nachrichtenagenturen lieferten, einfach unter seinem Namen veröffentlichte.
       Er tat dies, weil er der festen Überzeugung war, die Geschäftsführung der
       Zeitung, bei der er als Redakteur angestellt war und für die ich auf
       Grundlage eines Honorarvertrags arbeitete, zähle die Artikel, die er
       schreibe. Wer binnen eines Jahres am wenigsten verfasst hätte, drohe
       gekündigt zu werden, so erklärte er es mir einmal. Das ist alles schon über
       zwanzig Jahre her, und es war damals so falsch wie heute.
       
       Der Kollege jedoch glaubte, auf eine Zeitungskrise reagieren zu müssen. Wie
       er das tat, war illegal, unkollegial und betrügerisch. Gleichwohl habe ich
       den Kollegen damals nicht denunziert, und das würde ich auch heute nicht
       tun, wenn er oder jemand anderes Artikel von künstlicher Intelligenz (KI)
       schreiben ließe und dies als eigenes Werk präsentierte.
       
       Irgendwie intervenieren müsste ich, das weiß ich, denn das Verhalten
       schadete ja auch mir. Aber in diesem Text geht es mir nicht um ein Urteil
       über diesen einen Kollegen, denn mir scheint, er hat vieles nur auf die
       Spitze getrieben, das gerade in Krisenzeiten sehr verbreitet ist und das
       heute in der Debatte um den Einsatz von KI erörtert wird.
       
       Wie stark, sollte man wohl fragen, unterscheidet sich eigentlich die
       Praxis, einfach den eigenen Namen über den gesamten Text eines anderen zu
       schreiben, davon, wenn nur einzelne Textblöcke aus diesem fremden
       Manuskript verwendet werden?
       
       ## Textblöcke einfügen
       
       Oder, wie man das früher nannte, Agenturtexte einfach „umzudichten“:
       gleicher Inhalt, aber andere Formulierungen, vielleicht sogar eine andere
       Gliederung? Oder: Wie groß ist denn der Unterschied noch, wenn man sich
       durch Übersetzungstools Artikel ausländischer Blätter ins Deutsche
       übertragen lässt und die so gewonnenen Textblöcke in das eigene Manuskript
       einfügt?
       
       All das ist gängige redaktionelle Praxis, auch wenn sie mit seriösem
       journalistischen Arbeiten nichts zu tun hat. Dass ich selbst so etwas noch
       nie getan hätte, wäre gelogen. Und wer mir sagt, er oder sie habe so etwas
       noch nie gemacht, weckt bei mir Zweifel ob der jeweiligen Glaubwürdigkeit.
       Wir sollten uns ehrlich machen.
       
       Gängige Praxis, das ist meine These, wurde dieser schlechte Journalismus
       nicht durch eine Häufung individuellen Fehlverhaltens. Gängig wird das
       Vorgehen durch strukturelle Zwänge.
       
       Dass die KI dieses Problem verschärfen wird, ist offensichtlich, und man
       merkt es daran, dass es Verlagshäuser gibt, die solches Arbeiten offensiv
       fordern. Wichtig ist mir dabei jedoch zweierlei: Die KI hat das Problem
       nicht geschaffen, es war schon immer da. Und: Viele Anforderungen des
       Medienmarktes zwingen KI (und ihre Vorgängertechniken) geradezu herbei.
       
       ## Und nun zum Fußball
       
       Ein Beispiel habe ich schon genannt: Übersetzungen. Dass die Übertragung
       von Texten aus Fremdsprachen ins Deutsche mittlerweile beinah
       ausschließlich via KI stattfindet, ist ja keiner Faulheit der Menschen in
       den Redaktionen geschuldet. Es geht halt viel, viel schneller, zudem lassen
       sich so deutlich größere Textmengen verarbeiten, und mittlerweile wird
       sogar mitunter auf eine kritische Überprüfung der Übersetzung verzichtet.
       
       Ein weiteres Beispiel kommt aus dem Sport, genauer: dem [1][unterklassigen
       Fußball.] In Deutschland finden an jedem Wochenende Zehntausende Liga- oder
       Pokalspiele statt, und Fachzeitschriften wie auch Onlineportale berichten
       darüber.
       
       Beinah alle [2][Spielberichte sind von der KI geschrieben,] und zwar schon
       seit vielen Jahren. Ich habe ein Textbeispiel herausgesucht, doch weil es
       mir wirklich nicht ums Denunzieren geht, habe ich alle Namen anonymisiert,
       auch die der Vereine. „Im Spiel von SV gegen den SC gab es Tore am
       laufenden Band. Am Ende stand es 6:5 zugunsten des SV.“
       
       Wäre das Spiel 0:0 geendet, hätte die KI wohl „… blieben Tore Mangelware“
       gedichtet, denn der Bericht enthält durchaus sportjournalistische Wertungen
       und auch Floskeln. Dass das erste Tor in der 2. Minute fiel, verarbeitet
       die KI so: „Kurz nach Spielbeginn schockte der Spieler XY den SV.“
       
       ## Wer kümmert sich um die Widersprüche?
       
       Nur ganz am Ende gerät dieser KI-generierte Spielbericht leicht ins
       Straucheln. Einerseits: „Mit dem Sieg kletterte der SV auf Platz 13 und
       erreichte damit am letzten Spieltag das erklärte Saisonziel, den
       Klassenerhalt.“ Andererseits: „Die Saison war für den SV eine einzige
       Enttäuschung. Lediglich acht Siege, fünf Remis und satte 17 Niederlagen
       dokumentieren das.“
       
       Einerseits Saisonziel erreicht, andererseits alles sehr enttäuschend. Aus
       statistischen Informationen naheliegende Wertungen konstruieren, das kann
       die KI. Wenn die sich aber widersprechen, ist keiner da, der es bemerkt.
       Ich traue mich nicht, zu behaupten, dass solcherart Widersprüche nie in
       einem komplett menschengeschriebenen Fußballbericht vorkämen, aber das
       menschliche Hirn ist immerhin fähig, sie zu erkennen.
       
       Das bringt mich zu einem weiteren Punkt, der mir im Zusammenhang der
       aktuellen Debatte über KI im Journalismus zu kurz kommt. Wir wissen ja,
       dass – entgegen jeder jeweils neu in die Welt hinausposaunten Prognose –
       technologische Innovationen gerade nicht zu Erleichterung der Arbeit oder
       zu mehr Freizeit führen.
       
       Das hat die Industriesoziologie durch ihre Beobachtung in Betrieben
       herausgefunden, und das wissen wir auch etwa aus der feministischen
       Technikforschung. Es ist wissenschaftlich erwiesen: Was steigt, ist nicht
       die frei verfügbare Zeit und schon gar nicht die Arbeitszufriedenheit. Was
       viel mehr steigt, sind die Ansprüche und die Palette der zu bewältigenden
       Aufgaben.
       
       ## Den Niedergang verwalten
       
       Ich versuche nun, diese Befunde auf den Journalismus zu übertragen. Wenn
       das Ziel lautet, die Zeitungen und Onlinedienste besser zu machen, dann
       muss die Erleichterung, die KI bietet, zu ihrer Kontrolle genutzt werden.
       Jemand mit entsprechender Qualifikation muss also schauen, ob die
       Übersetzung aus dem Russischen, die mir ein KI-Tool bietet, angemessen ist.
       
       Und jemand, der von Fußball etwas versteht, muss die Spielberichte der KI
       gegenlesen, ob die nicht eher Fragen aufwerfen. Das verkürzt die Arbeit
       nicht, aber es erleichtert sie, und das Produkt wird besser. Es gibt
       Menschen, die für diese Seite der Nutzanwendung das Marx’sche Wort
       Gebrauchswert verwenden.
       
       Wenn das Ziel jedoch lautet, [3][Arbeitskräfte freizusetzen und Geld
       einzusparen] – hier könnte man mit dem Wörtchen Tauschwert argumentieren –,
       dann verdichtet sich bloß die zu bewältigende Arbeit auf immer weniger
       Menschen. Diese stets kleiner werdende Gruppe von Redakteuren und
       Redakteurinnen muss dann den Niedergang ihrer Branche verwalten, solange
       diese noch ein schickes Profitchen abwirft. Hinzu kommt, dass die Kollegen
       und Kolleginnen sich nicht dabei erwischen lassen dürfen, wenn sie die
       Forderung nach seriöser journalistischer Arbeit nicht erfüllen – weil sie
       sie strukturell gar nicht erfüllen können.
       
       Was ich zeigen wollte, ist dies: Mag sein, dass es verantwortungslos
       schlecht arbeitende Kollegen und Kolleginnen gibt. Aber diese Leute sind
       noch nicht einmal dann das Problem, wenn sie sich zu Fantasietiteln wie
       Editor-in-large haben hochschreiben lassen. Letztlich sind es die
       Bedingungen, unter den wir arbeiten, die den ganzen Mist produzieren.
       
       30 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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