# taz.de -- Drang nach oben: Wen der Berg ruft
       
       > Wie kommen Menschen auf die Idee, Gipfel zu besteigen, auch wenn das
       > anstrengend und manchmal sogar gefährlich ist? Eine Spurensuche.
       
 (IMG) Bild: Horch, er ruft doch! Luis Trenker mit Heidemarie Hatheyer in dem Film „Der Berg ruft!“
       
       Ach, [1][die Berge]! Ewige Sehnsucht, ungestillt. Und jetzt sind wir also
       in diesem Gasthaus, das sie in die Felswand hineingebaut haben, nicht weit
       von der Einsiedlerhöhle. Schwindelerregend klebt es am Fels, die Gäste
       sitzen an verwitterten Holztischen, vor sich ein Brett mit Käse oder mit
       Wurst von der Alm, und genießen die Aussicht.
       
       Das Gasthaus ist alt, eines der ältesten im Appenzeller Land. Kurz hat es
       sogar mal auf Instagram Karriere gemacht, weil es da prominent empfohlen
       wurde, aber das ist nicht mein Problem. Das Problem ist: Das Gasthaus ist
       nicht da, wo ich hin will. Es liegt Richtung Tal. Wir sind mit der Seilbahn
       hochgefahren, das war schon schlecht. Aber statt dann wenigstens weiter
       aufzusteigen, ging es gleich wieder nach unten, mit Rücksicht auf die
       Mitglieder der Reisegruppe, die es bergauf nicht schaffen würden.
       
       Ich aber will nach oben. Unbedingt. Es zieht mich hoch auf den Gipfel, der
       da hinten in Sichtweite vor mir liegt, es ist wie ein Sog, der mich
       anzieht. Einige Jahre zuvor war ich da gewesen: Der Klettersteig notdürftig
       nur mit einem Seil gesichert, vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzen.
       Achtung, die rutschige Stelle! Stehen bleiben. Ausatmen. Einatmen. Die
       Berge auf der anderen Seite sehen, die noch höher hinaufgehen, auf ihren
       Gipfeln liegt im Frühsommer Schnee.
       
       ## Der Großvater bei „Heidi“
       
       Seit Langem träume ich davon, wenn ich alt bin, in einer Hütte in den
       Bergen zu leben, über der Baumgrenze, so wie der Großvater bei „Heidi“.
       Morgens würde es nach Holz riechen, durch die Fenster würde ich die Alm
       sehen, die Ziegen, die von den Bergbauern hochgetrieben werden. Es kommt
       keiner vorbei, und ich muss nirgendwo hin. Abends geht die Sonne hinter
       einem Gipfel auf der anderen Talseite unter, dessen Namen man mir gesagt
       hat.
       
       „Ey, da gibt’s aber kein Kino, und keine Kneipe, weißt du?“, sagt meine
       Umgebung. Weiß ich. „Aber trotzdem.“ – „Das hältst du nicht lange aus!“ –
       „Mal sehen.“
       
       Die Sehnsucht nach dem Berg sitzt tief. Das letzte Mal ist erst wenige
       Monate her, ich sitze im Postbus, und unten das Rhone-Tal mit seinem
       Bahnhof und der letzten kleinen Stadt, die ich für die nächsten Tage sehen
       werde, bleibt zurück. Der Bus schraubt sich hoch in die Berge, über
       Abgründe, in denen Bäche rauschen, die Kurven sind so eng, dass der Fahrer
       vor ihnen hupt, zwei Autos kommen hier nicht aneinander vorbei.
       
       Der Himmel ist ein kleiner Ausschnitt, der sich zeigt, wenn man den Kopf in
       den Nacken legt. Da oben sind die Almen, mit Hütten, schneebedeckt. Am Ende
       wird die Straße nicht mehr weitergehen. Es gibt Pässe, die sich nur zu Fuß
       laufen lassen, und hinten im Tal einen Stausee.
       
       Und wieder ein uraltes Wirtshaus, diesmal mitten im Dorf, zwischen
       ramponierten Holzhäusern, die teilweise leer stehen, mit vergilbter Reklame
       zur Straße hin. Im Gasthaus schenkt der Tourismuspfarrer, der auch
       Heimatforscher ist, selbst angebauten Wein aus und erzählt von der Angst
       der Menschen vor dem Berg.
       
       Wenn man den Sagen glaubt, rief der Berg gar nicht, er jagte den Menschen
       Angst ein. Begegnete einer bei Dunkelheit dem Teufel und schaffte er es,
       ihn auszutricksen, so fuhr das Böse in den großen Gletscher oben am Berg
       und war dort eingeschlossen. „Freiwillig wären sie nie da hochgegangen“,
       sagt der Tourismuspfarrer. Aus anderen Gegenden in den Alpen gibt es
       ähnliche Erzählungen.
       
       Den Lexikoneinträgen zufolge waren die Ersten, die die Alpengipfel
       bestiegen, Naturforscher. Drüben in Österreich, [2][der Großglockner]: am
       28. Juli 1800 erreicht eine Expedition im Auftrag des Kärntner Erzbischofs
       den Gipfel und errichtete dort ein Kreuz. Der Gipfel wurde vermessen (3.798
       Meter) und ein Barometer installiert, das die nächsten 50 Jahre Daten
       lieferte.
       
       ## Die erste Frau auf dem Mont Blanc
       
       Der Mont Blanc, mit 4.805 Metern höchster Berg der Alpen, wurde sogar schon
       am 7. August 1786 bestiegen, von dem Arzt Michel-Gabriel Paccard aus
       Chamonix, der oben Experimente durchführte. Als erste Frau auf dem Mont
       Blanc gilt die Comtesse Henriette d’Angeville, die sich im September 1838
       mit sechs Bergführern, ihrer Kammerzofe und großem Equipment auf den Weg
       machte. D’Angeville schrieb [3][in ihrem später veröffentlichten
       Reisetagebuch], sie habe sich in den Berg verliebt, seit sie seinen Gipfel
       das erste Mal von Genf aus gesehen hatte.
       
       Den Erstbesteigungen ist gemeinsam, dass es Personen von Stand sein
       mussten, die sie begingen. Die Führer, die sie engagiert hatten, im Falle
       des Großglockners nur „die Glockner“ genannt, waren womöglich schon vorher
       oben gewesen. Doch sie zählten nicht.
       
       So hatte auch beim Mont Blanc vor der Adligen d’Angeville eine andere Frau
       den Gipfel erreicht: [4][Marie Paradis, eine Dienstmagd aus der Gegend].
       Sie hatte sich dem Führer der ersten männlichen Expedition, dem Gamsjäger
       und Kristallsucher Jacques Balmat, angeschlossen und kehrte völlig
       erschöpft zurück, wie ihre Nachfolgerin d’Angeville in ihrem Reisetagebuch
       berichtete.
       
       Paradis hat kein Reisetagebuch geschrieben. Sie eröffnete nach ihrer
       Rückkehr eine Teestube, in der sie von ihren Abenteuern erzählte – gegen
       ein Trinkgeld.
       
       ## Führer für die Gäste von außerhalb
       
       Auch in unserem Tal im Wallis sind die Einheimischen irgendwann hoch auf
       die Gipfel gegangen, so erzählt der Tourismuspfarrer. Ihre Namen waren
       dieselben, die es noch heute im Ort gibt und die auf den Grabkreuzen
       stehen, [5][die alle gleich aussehen]. Sie verdingten sich als Führer für
       die Gäste von außerhalb. Oft waren das Engländer, die sich in den 1850er
       Jahren einen Wettlauf um die Erstbesteigung der 4000er lieferten, die hier
       in den Himmel ragen, einer neben dem anderen.
       
       Den Film dazu, „Der Berg ruft“, drehte Luis Trenker 1938 im Nachbartal, nur
       wenige Kilometer entfernt: düstere Schwarz-Weiß-Töne, Schicksal, Helden. Es
       geht um die Erstbesteigung des Matterhorns, der Bergführer Tonio aus dem
       benachbarten Aostatal, gespielt von Luis Trenker selbst, tritt gegen den
       englischen Bergsteiger Edward Whymper an.
       
       Das Mädchen: „Was suchst denn immer dort oben? Was treibt dich denn immer
       hinauf? Wüst ist’ s da, und nichts wachst. Nur Steine, und Eis, und Schnee.
       Geh, ich versteh dich nicht! Bei uns im Tal, da ist doch alles schön und
       grün! Warum bleibst du denn nicht bei uns?“ 
       
       Tonio: „Des wird geschehen, wenn ich auf dem Gipfel gewesen bin!“ 
       
       Die Mutter: „So lang’ s nur ein Rock ist, macht das nichts, kann man
       zusammenflicken. Aber wenn’ s dich einmal erwischt, was mach ich dann?“ 
       
       Tonio: „Mich erwischt’ s net, brauchst kei Angst haben, Mutter!“ 
       
       Mutter. „Hast du vergessen, wie sie deinen Vater bracht haben? Erschlagen?
       Vom Berg?“ 
       
       Tonio: „Ja, aber schau, das kannst net vergleichen, sind ja ganz andere
       Zeiten.“ 
       
       Mutter: „Solange die Leute denken, ist von dem Steinblock da oben nur
       Unglück in unser Tal kommen.“ 
       
       ## Fernsehonkel in Sachen Berge
       
       Luis Trenker war ja tatsächlich Bergführer, [6][noch mehr aber
       Schauspieler, Regisseur, Geschichtenerzähler]. Er machte bei den Nazis
       Karriere als Bergfilmer, fiel in Ungnade, avancierte in der Nachkriegszeit
       zum Fernsehonkel in Sachen Berge. In dem Dokumentarfilm „Erlebnisse am
       Matterhorn“ von 1971 sieht man einen Bergsteiger, braun gebrannt, mit
       markanten Gesichtszügen, Kameraschwenk auf die Wanderschuhe, die in der
       Wand ihren Weg suchen, die Sonne, der Fels, die Gipfelwelt.
       
       Es ist Luis Trenker als alter Mann, immer noch am Berg unterwegs, vor ihm
       ein Führer, der ihn mit Seil sichert, und dann sitzen sie da, schauen in
       die weite Bergwelt und trinken Cognac. Echt jetzt?
       
       Sie sitzen auf einem Felsen und Luis Trenker erzählt Anekdoten aus dem
       Filmbusiness. Wie er sich das Trinken bei den Dreharbeiten abgewöhnen
       musste, weil er davon immer so Magenschmerzen bekam. Ein Professor in
       Berlin nahm ihm schließlich die Flasche weg.
       
       In dem Dokumentarfilm kommt während des Aufstiegs immer wieder dieser
       Hubschrauber ins Bild, in dem Luis Trenker anfangs auch sitzt. Womöglich
       klettert er in dem Film nur ein bisschen zur Show und lässt sich sonst
       fliegen?
       
       Aber das macht alles nichts. Der Berg ruft immer noch, ich kann es hören.
       Und am Matterhorn war ich noch nie.
       
       8 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Alpen/!t5007943
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fglockner
 (DIR) [3] https://aether.ethz.ch/ausgabe/montan-welten/medien-der-erstbesteigung/
 (DIR) [4] https://austrian-mountaingirls.at/pionierinnen-am-berg-marie-paradis-1778-1839/
 (DIR) [5] https://www.pfarreisaasgrund.ch/kapellen/friedhofskapelle-mit-friedhof/
 (DIR) [6] /ARD-Film-Luis-Trenker/!5254042
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Daniel Wiese
       
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