# taz.de -- Kunstprojekt am Mehringplatz: Die schöne Seite des Vandalismus
> Der Mehringplatz in Kreuzberg bekommt ein neues Mural in Form einer
> großen Fliesenwand. Sie zeigt Graffiti-Schriftzügen und Tags von Berliner
> Künstlern.
(IMG) Bild: 30 Meter hoch und auf Fliesen, die bleiben: Blick von unten auf die neue Graffitiwand am Mehringplatz
Bis vor Kurzem war die Hauswand noch grau. Jetzt ist sie bedeckt von
farbenfrohen Fliesen, sie schmücken die komplette Fassade des Wohngebäudes
Friedrichstraße 245 A am Mehringplatz. Das 30 Meter hohe Wandbild zeigt
Graffiti-Tags, also im Prinzip die stilisierten Signaturen oder Spitznamen
von Graffiti-Künstlern, die diese oft an Wänden hinterlassen.
„Bamboo“ steht etwa in schwarzer Ballon-Schrift ganz oben, in den für
Graffiti typischen Buchstaben, die an aufgeblasene Luftballons erinnern.
Daneben läuft eine Reihe von Symbolen von oben nach unten, die an
chinesische Schriftzeichen erinnern. Teils enthalten die Tags auch Symbole
wie Herzen, Peace-Zeichen oder Dollarzeichen. Manche Worte wie „Spirit“
lassen sich leicht lesen, andere sind schwerer zu erkennen. Die Wand gibt
den Eindruck einer Farbexplosion zwischen dem üblichen, alltäglichen Grau.
50 Graffiti-Künstler und Jugendliche aus dem Viertel haben an dieser Wand
mitgearbeitet. Es ist ein Projekt des Konzeptkünstlers Brad Downey,
ermöglicht durch die Initiative Lichtenberg Open ART (LOA), die wiederum
zur Stiftung Stadtkultur gehört. Dem Werk wurde der Name „Vandalism – a
social sculpture“ gegeben.
Auf einem Untergrund aus über dreitausend verschiedenen Fliesen haben
Graffitikünstler aus Berlin ihre Namen und Tags hinterlassen. Die bunte
Natur von Graffiti als Kunstform überträgt sich auch auf dieses Werk, wie
man an den vielen Farben und Mustern sehen kann. Vor allem stehen aber die
Tags der Künstler im Vordergrund.
Entstanden ist das Mural durch viel Arbeit und Mithilfe der Gemeinschaft.
Brad Downey und der künstlerische Leiter der LOA haben das Bild zuerst aus
diversen Schriftzügen, Fill-ins und Bildern der 52 Künstler sowie aus
Malereien von Nachbarn und Anwohnern zusammengesetzt und auf die
Hausfassade gesprüht. Das haben sie fotografiert und Künstler in Bulgarien
haben die Fotos auf Keramikfliesen übertragen und gebrannt. Diese Fliesen
wurden dann an der Fassade des 10-geschossigen Gebäudes angebracht, um eine
dauerhafte Abbildung zu schaffen. Das Mural verbindet damit zwei Berliner
Kunsttraditionen: die oft illegalen Graffiti-Malereien und die Mosaikbilder
des sozialistischen Realismus.
Der künstlerische Leiter der Initiative LOA Berlin Jan Kage, der das Mural
zusammen mit Brad Downey kreiert hat, beschreibt Graffiti als eine der
demokratischsten Kunstformen, weil jeder Mensch Zugang zu ihr hat. Der
Gedanke hinter dem Projekt sei, das flüchtige Graffiti, welches oft als
purer Vandalismus angesehen wird, als Kunst zu verewigen, sagt Kage. Ziel
ist, dass Anwohnende sich mit dem Werk identifizieren können, so wollen die
Initiatoren ein Gemeinschaftsgefühl erschaffen. Diese Möglichkeit kam durch
verschiedene Workshops, Mitmachaktionen und Veranstaltungsformate zustande,
in denen sie gemeinsam mit den Nachbarn an dem Projekt gearbeitet haben.
Brad Downey spricht mit dem Werk ein Problem in der Sichtweise der Menschen
an. Durch die Darstellung der Straßenkunst wie sie vielen Menschen bekannt
ist, macht Downey darauf aufmerksam, dass Graffiti nicht nur Vandalismus
ist und motiviert, die künstlerische Seite an Streetart zu erkennen. Das
Bild soll das darstellen, was sonst verachtet, übermalt oder übersehen wird
und es so präsentieren, dass jeder Mensch ermutigt wird, Graffiti als Kunst
anstatt als Beschmierung zu sehen. Brad Downey selbst versteht Graffiti
nicht als Protest oder Vandalismus, sondern als eine Form der sozialen
Skulptur.
2 Jul 2026
## AUTOREN
(DIR) Edgar Kunze
(DIR) Benjamin Ruwwe
## TAGS
(DIR) Bildende Kunst
(DIR) Kreuzberg
(DIR) Kultur in Berlin
(DIR) Friedrichshain-Kreuzberg
(DIR) Berlin-Kreuzberg
(DIR) Friedrichshain-Kreuzberg
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