# taz.de -- Fußballschauen in der Ukraine: Public Viewing, aber nur bis Mitternacht
> In der Ukraine spielt die WM kaum eine Rolle. In Odessa muss man die
> Fußballbegeisterten erstmal finden. In Lwiw gedenkt man eines getöteten
> Torwartes.
(IMG) Bild: Das ukrainische Nationalteam bei der WM-Quali 2022
Wer in Odessa Public Viewing sucht, hat es nicht so einfach. Die meisten
Spiele finden um oder nach Mitternacht statt und da ist schon längst alles
wegen der nächtlichen Ausgangssperre geschlossen. Aber auch bei Spielen vor
Mitternacht ist von Fußballbegeisterung im Stadtbild wenig zu spüren.
„Versuchen Sie es mal in der Fußgängerzone, der Deribasowska-Straße“ rät
ein Kneipenbesitzer etwas abseits vom Zentrum. „Da haben Sie sicherlich
Glück.“ Und tatsächlich: In einem Restaurant mit Tanzfläche mitten in der
Fußgängerzone läuft auf allen vier großen Bildschirmen Fußball.
Doch die wenigen Männer im Raum sehen mehr auf die tanzenden Frauen als auf
die Bildschirme. Nicht einmal Messi reißt hier die Leute von den Stühlen.
Irgendwann fangen Männer auf der Fußgängerzone an, sich zu schlagen. Die
meisten schauen nun interessiert auf die Schläger. Dann stellen sich einige
junge Frauen zwischen die Streitenden, warten bis die Polizei kommt.
Und dann wird man doch noch fündig. An einem zur Straße offenen Schanktisch
zwei Dutzend Meter weiter in der Fußgängerzone stehen vier Männer und eine
Frau vor ihrem Bier und kleben mit den Augen am Bildschirm, wo das Spiel
Argentinien gegen Österreich läuft. Auch wenn man kein Russisch verstehen
würde, wüsste man sofort, worum es geht. Jedes dritte Wort ist „Messi“.
Auch beim Elfmeter, den Superstar Messi verschossen hat, hört man dreimal
ein enttäuschtes „Messi, ach Messi“.
## Eher im Boxen gut
„Nein, der Messi“, ruft ein Mann gegen Spielende und kurz nach dem zweiten
Tor aus. „Der hat sie wieder mal alle ausgetrickst. Einfach nur wunderbar“,
kommt er ins Schwärmen und philosophiert anschließend, warum die Ukraine im
internationalen Fußball keine Rolle spielt.
„Fußball ist einfach nicht unser Ding“, meint er. „Im Boxen sind wir gut“,
und erwähnt die Brüder Klitschko und [1][Weltmeister Olexandr Usik].
„Wahrscheinlich liegt das daran, dass wir gute Einzelkämpfer sind, uns aber
nicht in Spielen in die Mannschaft einbringen können und wollen. Bei uns
will jeder Spielführer sein.“
Mehr Fußballbegeisterung herrscht im westukrainischen Lwiw. „In Lwiw“, so
der ukrainische Journalist Grigori Pyrlik, der in Lwiw lebt, gegenüber der
taz, „ist Fußball mehr als nur ein Sport.“ Die westukrainische Metropole
lebt den Fußball auf eine Weise, die sich zwischen Leidenschaft, Alltag und
Identität bewegt. Wenn große Turniere stattfinden, füllen sich in der
westukrainischen Metropole die Cafés und Bars rund um den Rynok-Platz,
Spiele werden gemeinsam verfolgt, analysiert und emotional diskutiert.
In Kneipen wie dem Kumpel oder auf öffentlichen Plätzen werde jeder große
Wettbewerb zum Ereignis, so Pyrlik. Auch natürlich bei dieser WM. Doch der
Krieg nagt an der Fußballbegeisterung. Nur Spiele, die vor Mitternacht
enden, können in der Öffentlichkeit gemeinsam angesehen werden. Punkt
Mitternacht beginnt die nächtliche Ausgangssperre.
## Torwart und im Krieg getötet
Alle anderen Spiele kann man sich also nur zu Hause ansehen. Gerade während
der WM, so Pyrlik, denkt man in Lwiw an die Spieler, die einst auf dem
Platz standen, [2][heute an der Front sind oder auch im Krieg getötet
wurden]. Einer von ihnen war Jurij Jatzkiw. Der ehemalige Torwart der
Jugendakademie des FC Lwiw wurde im Gebiet Lwiw geboren und durchlief dort
die fußballerische Ausbildung.
Mit dem Beginn des russischen Angriffskrieges änderte sich sein Leben
grundlegend. Wie viele andere Sportler in der Ukraine zog auch er in den
Krieg. Im ostukrainischen Torezk wurde der 26-Jährige am 30. März 2025
getötet. Gerade jetzt, während der WM, sei Jatzkiw wieder in aller Munde,
so Pyrlik.
30 Jun 2026
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