# taz.de -- Analoge Fotografie: Ein Schuss, ein Treffer
> In der Smartphone-Ära ist gefühlt jedes Bild, jedes Album bis ins Detail
> kuratiert. Früher war mehr Schnappschuss. Was damit verloren geht.
(IMG) Bild: Wer gar nicht erst versucht, das perfekte Foto zu schießen, hat mehr Zeit für Urlaub
Kürzlich war ich bei meiner Mutter zu Besuch, die gerade auf meine
dreieinhalbjährige Nichte aufpasste. Auf dem Tisch im Schlafzimmer bemerkte
ich einen Stapel alter Fotoalben. Die Oma hatte ihrer Enkelin Fotos aus
unserer Kindheit gezeigt, allen voran natürlich viele Bilder meines
Bruders. Die Kleine freute sich, ihren Papa als Jungen zu sehen. Sie
verstand, dass auch er einmal ein Kind gewesen war.
Natürlich konnte ich nicht widerstehen und schlug die Einsteckalben mit den
verblassten Umschlägen und kitschigen Strandmotiven auf. Da waren sie also,
die Bilder aus Portugal oder vom [1][Campingurlaub] an der Ostsee aus den
Achtzigern und Neunzigern. Ungestellte Momentaufnahmen von uns Kindern und
unseren Eltern. Auf jedem zweiten Bild mindestens eine ungewollte doofe
Grimasse, halb geschlossene Augen oder jemand, der erst gar nicht in die
Kamera guckte.
Zeugnisse einer Realität, in der man nicht so viel Zeit darauf
verschwendete, alles perfekt aussehen zu lassen. Kein zehnminütiges
Wiederholen der Aufnahme, weil sich jemand zu hässlich fand, das Doppelkinn
störte oder ein Fuß abgeschnitten wurde. Kein: „Meine Haare sehen scheiße
aus. Mach nochmal!“ Die rohe, unbearbeitete Realität lachte mir entgegen.
Etwa auf einem Foto unseres Vaters, der bedeckt von einem Kaftan mit
Zebramuster unterm Sonnenschirm saß, weil die portugiesische Sonne seiner
hellen Haut einen Hummerton verpasst hatte. Oder der kleine Bruder, der
stets in letzter Sekunde Faxen machte und das Familienfoto ruinierte, was
wir aber erst entdeckten, als die Bilder entwickelt waren. Dabei will man
doch genau daran erinnert werden. An die Momente, die niemand geplant hat.
Heute ist gefühlt jedes Bild, jedes Album bis ins Detail kuratiert. Der
Mensch mit der Kamera oder dem Smartphone in der Hand muss so oft den
Auslöser drücken, bis alle happy sind – oder eben total entnervt. Mit einem
Wisch lassen sich der Feuerlöscher im Hintergrund oder die Frau am
Nebentisch aus der Aufnahme entfernen, früher konnten das nur die Profis.
Alle anderen mussten sich überraschen lassen.
Ja, die vielen Bilder, für die man sich in der Pubertät schämte, waren
zuweilen eine Bürde. Ich weiß noch, wie ich manche aus dem Album zog und
versteckte oder gar wegschmiss, nur, damit sie ja niemals jemand sieht. Das
bereue ich mittlerweile. Aber es sind noch genug übrig.
Für meinen Sommerurlaub habe ich mir vorgenommen, [2][meine alte, analoge
Kamera] mitzunehmen. Die Filme sind heute so teuer, dass eine Situation
selten mehr als ein einziges Bild wert ist. In der übrigen Zeit kann ich
meine Ferien genießen, anstatt sie bloß gut aussehen zu lassen.
13 Jul 2026
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## AUTOREN
(DIR) Marta Popowska
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