# taz.de -- Rapper FaithMC im Rollstuhl: Statt Trübsal Kopfnicker-Beats
       
       > Seit einem Unfall sitzt FaithMC im Rollstuhl – und will nicht, dass ihn
       > das definiert. Im Netz hat sich der Rapper eine stabile Fan-Gemeinde
       > erarbeitet.
       
 (IMG) Bild: Musikalisches Tagebuch gegen den Stillstand: FaithMC veröffentlicht jeden Monat einen neuen Song
       
       „Ende vom Anfang“ hat damals etwas in Gang gebracht: Veröffentlicht vor
       rund vier Jahren, ging [1][der Rap-Song] mit über 100.000 Klicks viral. Was
       FaithMC darin erzählt, ist krass: In seinen Reimen geht es um die Folgen
       seines [2][Mofa-Unfalls] vor inzwischen 14 Jahren. Der hatte das Leben des
       damals 16-Jährigen komplett aus den Angeln gehoben: Querschnittlähmung,
       massive Atemprobleme, Depressionen, Medikamentenabhängigkeit. Im Video
       machen Bilder aus dem Krankenhaus die Tragik noch greifbarer.
       
       So viel Offenheit schlug im Netz hohe Wellen. Auch Beschämendes und
       Beleidigungen blieben nicht aus, aber die Unterstützer:innen waren
       weit in der Überzahl mit Kommentaren wie: „Gänsehaut, deine Raps gehen
       unter die Haut!“ FaithMC realisierte ziemlich schnell: Das war ein
       Wendepunkt. „Zum ersten Mal hatte ich einen richtig deepen Track gemacht“,
       erklärt er. „Danach habe ich angefangen, in meiner Musik sehr viel aus
       meiner Vergangenheit zu verarbeiten.“
       
       Geboren und wohnhaft ist FaithMC in der Nähe von Kiel. Ihm ist wichtig,
       sein Herz auszuschütten, in seinen Titeln steckt oft eine Portion
       Schwermut, Absturz und Kummer. Aber Aufgeben sei keine Option. Am wohlsten
       fühlt sich der 30-Jährige in sentimental-emotionalem Rap. Er verpackt seine
       Worte trotzdem gerne in treibende Kopfnicker-Beats.
       
       Seine wohl größte Inspiration ist die Saarbrücker HipHop-Band Genetikk.
       Anfangs habe er deren Songs einfach gecovert, erzählt er. Dann eigene Texte
       auf ihre Beats geschrieben. Darin blitzt ein Drang nach Ehrlichkeit auf,
       wie er ihn auch an seinen Vorbildern erkennt: „Genetikk waren für mich die
       Ersten, bei denen es irgendwie cool war, dass sie selbst dann die Wahrheit
       gesagt haben, wenn sie dabei nicht so gut dagestanden haben“, sagt er. Das
       habe ihn „total abgeholt“. Ob er damit auch die teils hart am
       Verschwörungsgläubigen entlangschrammenden Aussagen Genetikks [3][wider die
       Corona-Bekämpfungsmaßnahmen] meint?
       
       ## Die Kontrolle zurückerobern
       
       Anstatt sich weiter von irgendwelchen Schamgefühlen triezen zu lassen und
       sich in seiner Wohnung zu verschanzen, habe er endlich wieder die Kontrolle
       über sein Leben übernommen, erzählt FaithMC. Das nach dem Abi begonnene
       Studium habe er sich nicht mehr leisten können – und den Plan gefasst, sich
       ganz auf seine Musik zu konzentrieren.
       
       Auch auf die Gefahr hin, zu scheitern: „Sollte es nicht klappen, kann ich
       stolz sagen: Ich hab's versucht.“, [4][heißt es in „Stacheldraht“]. Ein Akt
       der Selbstermächtigung, durchdrungen von dem Wunsch, andere zu motivieren:
       „Ich möchte jedem Menschen mit Einschränkung nahebringen: Was ich geschafft
       habe, kannst du auch erreichen.“
       
       Tatsächlich hat FaithMC eine erstaunliche Energie. Ob Lungenembolie,
       Herzstillstand oder Nierenprobleme: Mit enormer Willenskraft ringt er mit
       seinen gesundheitlichen Problemen. 2024 konnte er nach vier
       Entziehungskuren seine Medikamentensucht besiegen. „Das war ein Kampf“,
       sagt er. In seinen Tracks rückt er aber lieber das Positive in den
       Vordergrund: „Es ist möglich, sich aus einer Abhängigkeit zu lösen.“
       
       ## Ein neuer Track pro Monat
       
       So arbeitet sich FaithMC an seinen (Sehn-)Süchten ab. Ein Leitmotiv ist der
       Drang, kreativ zu sein; keine Kohle, aber Ambitionen. „Langsam wird es
       ernst, ich schreib schnell einen Text“, [5][rappt er in „Dragonball Z“].
       Musikalisch spielen harte, schnelle Beats die Hauptrolle in dieser ziemlich
       neuen Nummer. Überhaupt, Nummern: Etwa einmal im Monat legt FaithMC einen
       Track vor.
       
       „In der heutigen Musikszene ist die Konkurrenz riesig“, führt er aus. „Wenn
       man sichtbar bleiben will, muss man konstant liefern.“ Den
       Vier-Wochen-Rhythmus nennt er den „perfekten Mittelweg“: „Häufig genug,
       damit die Menschen dranbleiben. Aber mit Zeit genug, damit jeder Song die
       Qualität bekommt, die ich mir wünsche.“
       
       Ein anderer Punkt: Seine Lieder seien wie Kapitel seines Lebens. „Wenn man
       alle Veröffentlichungen hintereinander hört, entsteht fast so etwas wie ein
       musikalisches Tagebuch.“ Auszüge daraus bringt FaithMC inzwischen sogar auf
       die Bühne. Er gastierte bei der Millerntor Gallery in Hamburg oder im St.
       Pauli Shop auf der Reeperbahn, das Unpluggedival Festival in Berlin buchte
       ihn ebenfalls.
       
       ## Auftritte sind eine Herausforderung
       
       Eigentlich tritt er gerne vor Publikum, nur ist es für ihn schon eine
       Herausforderung, überhaupt auf die Bühne zu kommen. Ohne Rampe hätte er
       keine Chance, das soll sich aber in näherer Zukunft ändern: „Mir wurde nach
       meinem dritten Widerspruch endlich ein Treppensteiger-Rollstuhl bewilligt.“
       
       Damit hat er wieder eine Hürde genommen. Würde man ihn für einen Aktivisten
       halten, ginge ihm das ein bisschen zu weit, sagt er. „Ich würde jetzt nicht
       behaupten, für die Rollstuhl-Community zu stehen“, sagt er. „Dennoch würde
       ich mir wünschen, dass mal ein Rapper mit hundertprozentigen
       Einschränkungen in den Mainstream vorstößt – [6][einfach um Barrieren
       abzubauen].“
       
       FaithMC wirkt wie jemand, der seine innere Balance gefunden hat. Aus seiner
       Sicht stimmt das aber nur bedingt. „Aktuell gibt es in meinem Leben mehr
       helle als dunkle Tage“, resümiert er. Zudem habe er für die dunklen Tage
       Bewältigungsstrategien, allen voran: stets ein Ziel vor Augen zu haben:
       „Dadurch habe ich das Gefühl, selbst eine Krise kontrollieren zu können.“
       Man merkt im Gespräch auf seiner Terrasse, wie er oft hippelig wird. „Mein
       Motto ist: Stillstand ist der Tod“, räumt er ein. „Wenn ich nichts mache,
       holen mich nämlich die negativen Gedanken ein.“ Darum strebt FaithMC bloß
       in eine Richtung – vorwärts!
       
       3 Aug 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.youtube.com/watch?v=O9FQuOnZgrE
 (DIR) [2] /Verkehrsunfaelle/!t5334042
 (DIR) [3] https://hiphop.de/magazin/news/vertraege-gekostet-genetikk-ueber-folgen-ihrer-kritik-an-corona-massnahmen-413471
 (DIR) [4] https://www.youtube.com/watch?v=lm4PjVoeVrY
 (DIR) [5] https://www.youtube.com/watch?v=bS9hnVE-a2M
 (DIR) [6] /Der-Inkluencer/!5624231&s=rap+rollstuhl/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dagmar Leischow
       
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