# taz.de -- Nachwahlen Großbritannien: Andy Burnham macht das Rennen
> Der Bürgermeister von Manchester sichert sich einen Parlamentssitz im
> Wahlkreis Makerfield. Jetzt greift er nach dem Vorsitz der Labour-Partei.
(IMG) Bild: Wahlsieger Andy Burnham am 9. Juni in Ashton-in-Makerfield
Etwas bizarr und typisch britisch mutete es am Freitagmorgen an, als in
einer Halle im englischen Süd-Wigan das Ergebnis der Nachwahl im Wahlkreis
Makerfield verkündet wurde. Beobachter:innen hatten von der
bedeutendsten britischen Nachwahl seit dem Zweiten Weltkrieg gesprochen.
Um genau sieben Minuten nach drei Uhr morgens war es für Andy Burnham so
weit. Der bisherige Oberbürgermeister des Großraums Manchester trug ein
schwarzes Sakko, sein Markenzeichen, daran eine Anstecknadel mit dem Wappen
der Biene von Manchester, ein schwarzes T-Shirt und im Gesicht eine dicke
schwarze Hornbrille.
Burnham stand zwischen zwei Mitbewerbern, dem Scherzkandidaten „Count
Binface“ (Graf Mülleimergesicht) und Robert Pownall, einem unabhängigen
Tierschutzkandidaten, der in einem Fuchskostüm auftrat. Die Wahlleiterin
las, sichtlich erschöpft, das Ergebnis der Wahl vom Donnerstag vor.
„Burnham Andrew Murray, commonly known as Andy Burnham, The Labour and
Co-operative Party, 24.937.“ Durch die Halle ging ein großes Aufatmen,
unter Burnhams Unterstützer:innen brach Jubel aus. [1][Mit insgesamt
54,81 Prozent aller abgegebenen Stimmen war es für Burnham ein eindeutiges
Ergebnis].
## Schwere Niederlage
Burnhams größter Kontrahent in Wahlkampf, Robert Kenyon von der rechten
„Reform UK“-Partei, kam nur auf 15.696 Stimmen. Für Farages Partei, die
seit über einem Jahr in den Meinungsumfragen führt, ist dies eine schwere
Niederlage. Sie folgt auf die Schlappe im Wahlkreis Gorton und Denton.
Aber es ist auch ein genereller Sieg Labours über alle rechten Kräfte. Denn
selbst wenn man die Stimmen für Rebecca Shepherd, Kandidatin der
ultrarechten Partei „Restore UK“ (3.111 Stimmen) und für den konservativen
Kandidaten Michael Winstanley (997 Stimmen) zusammenrechnet, kamen die
Rechten gemeinsam auf nur 19.804 Stimmen. Damit blieben sie mit 5.133
Stimmen bzw. ganzen 11,27 Prozent hinter Labour. Die Wahlbeteiligung lag
bei knapp 60 Prozent.
In seiner Ansprache erklärte Burnham, dass diese Wahlnacht einen Wendepunkt
für alle darstellen könne, die glaubten, dass die Politik nicht liefere und
das Land nicht dort sei, wo es sein sollte. Das Ergebnis symbolisiere einen
lauten und finalen Ruf nach einer Veränderung. „Es wird keine zweite Chance
geben. Dies ist die Möglichkeit, eine neue Politik auf der Basis von
Einheit und Hoffnung aufzubauen“, sagt er.
Gleichzeitig bedauerte Burnham, dass seine Zeit als Bürgermeister von
Manchester beendet sei. Eins seiner Ziele sei es, dem Norden Englands die
Möglichkeit zu eröffnen, sein ganzes Potenzial zu entwickeln. Dafür wolle
er alles geben. „Ohne Veränderungen in der nationalen Politik, kann das
Nord-Süd-Gefälle Englands nicht aufgehoben werden, so Burnham. Dafür wolle
er alles geben. Am Freitagvormittag wiederholte er diese Aussagen vor
seinen Anhänger:innen.
## Griff nach der Macht
Auch auf die Kritik vor allem von Reform UK in den vergangenen Wochen, dass
die Nachwahl nur ein Griff nach der Macht sei, reagierte Burnham, dessen
Nickname „König des Nordens“ ist. Sein Sieg diene vielmehr dazu,
Westminster mit den Menschen in Makerfield zu verbinden.„Meine Wahl wird
sicherstellen, dass solche Orte, die das Westminster-Parlament abgehängt
hat, endlich mit Fairness behandelt werden.“
Wann genau Andy Burnham den Kampf um die Führung von Labour aufnehmen wird,
ist derzeit noch nicht bekannt. [2][Mitstreiter Wes Streeting, ehemaliger
Gesundheitsminister, forderte einen sofortigen Beginn des Rennens]. Einige
Mitglieder des Kampagnenteams um Burnham hatten in den vergangenen Tagen
durchblicken lassen, dass Burnham Starmer etwas Zeit geben wolle. Am
kommenden Montag wird Burnham als Abgeordneter bestätigt werden.
Sein Sieg löst eine sofortige Nachwahl für das Amt des Oberbürgermeisters
von Manchester aus. Bei der vorherigen Nachwahl in Gorton und Denton im
Februar, die die Grüne Hannah Spencer gewonnen hatte, verwehrte die Führung
Labours Burnham eine Kandidatur. Offiziell hieß es, seine Kandidatur könne
negative Konsequenzen für den Bürgermeisterposten in Manchester haben. Doch
bereits damals, ja schon beim Parteitag im Oktober 2025 war Burnham von
zahlreichen Labour-Genoss:innen als potenzieller Herausforderer und
Nachfolger Starmers angepriesen worden.
Sein sicheres und charismatisches Auftreten, seine Stimme für den Norden
des Landes und seine Erfolge als Oberbürgermeister Manchesters sehen viele
als Hoffnungsschimmer für Labour. Die Labour-Partei und das Ansehen
Starmers haben seit dem Wahlerfolg bei den Nationalwahlen 2024 stark
gelitten.
## Verheerende Verluste
Seitdem häufen sich verheerende Verluste – an Reform UK, die SNP und die
walisische Nationalpartei [3][bei den englischen Kommunalwahlen] sowie den
Wahlen zum schottischen und walisischen Nationalparlament im vergangenen
Mai. Trotzdem hatte Starmer erst diese Woche angekündigt, seine Führung der
Partei verteidigen zu wollen. Für Burnham sehe er eine große Rolle in
seiner Regierung, sagte Starmer am Mittwoch.
Starmer warnte am Freitagvormittag in einer Dankesrede an die
Labour-Mitglieder, die sich für Burnham eingesetzt hätten: Die Partei und
die Bewegung müssten sich jetzt zusammenreißen. Er wiederholte einen Appell
aus den vergangenen Wochen. „Das Einzige, was wir jetzt vermeiden müssen,
ist, unsere Partei und unser Land ins Chaos zu stürzen, indem wir
gegeneinander kämpfen und unsere Partei und Bewegung auseinanderreißen.“
Derartiges habe bereits die konservative Vorgängerregierung getan und man
müsse daraus lernen, sagte Starmer.
Anders als in England gingen zwei Nachwahlen an der Ostküste Schottlands
aus. Auch hier konnte Reform UK nicht genug punkten und kam nur auf 8
Prozent. In Aberdeen South war das Ergebnis jedoch beachtlich, denn es war
der erste Wahlerfolg der Tories in 50 Jahren.
Der konservative Douglas Lumsden holte sich den Sitz mit 49,52 Prozent der
Stimmen. Aberdeen South wurde vorher vom ehemaligen Fraktionschef der
schottischen Nationalpartei (SNP) im Westminster-Parlament, Stephen Flynn,
gehalten. Zur Nachwahl kam es, da Flynn sich für das schottische Parlament
hatte aufstellen lassen.
## Mehr Erdöl fördern
Der Sieg der Tories ist zum einen auf ihre Befürwortung einer Erweiterung
der Erdölförderung zurückzuführen, denn Aberdeen ist wirtschaftlich eng mit
dieser verbunden. Andererseits spielte das Geständnis von Peter Murrell
Anfang Juni eine Rolle. Murrell, der einstige Ehemann der ehemaligen
SNP-Parteiführerin Nicola Sturgeon und ehemaliger Geschäftsführer der SNP,
hatte eingeräumt, umgerechnet 460.000 Euro Parteispendengelder tausender
Mitglieder für eigene Zwecke ausgegeben zu haben. Das Geld war für die
Finanzierung einer Kampagne für die schottische Unabhängigkeit gedacht.
Murrell erwartet nun eine langjährige Haftstrafe.
Dennoch konnte sich bei einer weiteren schottischen Nachwahl Lara Bird, die
SNP-Kandidatin für Arbroath and Broughty Ferry mit 41 Prozent der Stimmen
gegen den konservativen Herausforderer Jack Cruickshanks (19 Prozent)
behaupten. Labour stürzte um 18 Prozent ab und kam hinter SNP, Tories und
Reform mit nur 15 Prozent auf den vierten Platz.
Doch vor allem der Sieg Andy Burnhams bei den Nachwahlen am 18. Juni ist
von besonderer Bedeutung. Inwiefern dieser Sieg tatsächlich zu einem
Wendepunkt wird, werden die nächsten Wochen und Monate zeigen.
19 Jun 2026
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