# taz.de -- Stillen in der Öffentlichkeit: Das ist Nahrung, keine Provokation
> Eine Kampagne macht auf die Stigmatisierung von Stillen aufmerksam.
> Auslöser ist der Rauswurf einer stillenden Frau aus einem Kaufhaus in
> Saarbrücken.
(IMG) Bild: Protestaktion #ichstillwoichwill: Stillende Mutter in der U-Bahn
Die Fotografin verrenkt sich auf dem Boden am Alexanderplatz, um die
Perspektive einzufangen. Vor ihrer Linse steht eine Frau breitbeinig mit
ernster Miene. Hinter ihr ragt der Fernsehturm empor, an ihrer Brust
nuckelt ihr Sohn und spielt mit ihren feuerroten Haaren. Zwei Handwerker
stehen mit angewinkelten Beinen an der Wand gegenüber, rauchen, glotzen.
„Wir wollen nicht provozieren“, sagt Katharina Kokott. „Wir wollen
[1][zeigen, dass Stillen natürlich ist]. Aber leider ist es immer noch ein
Statement.“ Kokott ist Initiatorin des „Mama Netzwerks Berlin“, einer
Community für Schwangere und Mütter. Neben ihr stehen fünf weitere
Mutter-Baby-Paare, im Viertelstundentakt kommen neue dazu.
Für die Protestkampagne [2][#ichstillwoichwill] fotografiert das Netzwerk
mehr als Hundert stillende Mütter in Cafés und Geschäften, im Bus, im Park
und auf der Straße. Gestartet wurde die Kampagne 2026 von Sirid Böhm
zusammen mit der Fotografin Anika Krickl und Britta Fuchs, Autorin des
Buches „Unstillbar“. Feministische Initiativen haben sich nun der Kampagne
angeschlossen in Reaktion auf einen Vorfall in einem Kaufhaus in
Saarbrücken Ende Mai. Dort wurde eine stillende Mutter vom
Sicherheitsdienst herausgeschmissen. Die Hebamme der Frau machte den Fall
auf Instagram öffentlich. „Stillen ist keine Störung der Öffentlichkeit,
[3][sondern ein Grundbedürfnis eines Kindes]“, schrieb sie. Als Protest
gingen daraufhin mehrere Mütter in das Kaufhaus, stillten dort und
fotografierten sich. Nun folgen Aktionen in Berlin, Trier und Köln.
Eine Mutter steht im U-Bahnhof Alexanderplatz, hinter ihr die ikonischen
türkisen Fliesen, vorne nuckelt das Kind an der Brust. Die U8 fährt ein,
eine Schulgruppe läuft vorbei, obdachlose Menschen sitzen auf der Bank und
trinken Dosenbier. Fast alle Blicke richten sich auf die Mutter. „Man wird
immer angestarrt“, sagt Kokott. „Manche reagieren mit Ekel und fragen, ob
das sein muss.“ Andere würden ungefragt Bewertungen äußern, etwa, dass es
schön sei, dass man noch stille, oder man werde sexualisiert. „Einer
Freundin wurde beim Stillen ‚MILF‘ (Mother I'd Like to Fuck)
hinterhergerufen“, erzählt sie.
„Still doch zu Hause“
In Onlineforen berichten Frauen von ähnlichen Erfahrungen: In Cafés und
Restaurant seien sie gebeten worden, das Stillen zu unterlassen, oder im
Wickelraum zu stillen, weil man damit andere Gäste störe. Unter dem Post
der Hebamme aus Saarbrücken schreiben Nutzer: „Still doch zu Hause“, „Ihr
wollt doch nur Aufmerksamkeit“ oder „Ihr präsentiert eure Titten.“
Eine Mutter aus dem Netzwerk kritisiert: „Das Problem sind nicht stillende
Frauen. Das Problem ist eine Gesellschaft, die weibliche Körper akzeptiert,
solange sie dekorativ sind, aber irritiert reagiert, sobald sie ihre
eigentliche biologische Funktion erfüllen.“ Für Lovis Trummer, eine der
Fotografinnen der Aktion, zeigt sich darin eine Doppelmoral: Es ärgere sie,
dass Frauen sich mit Sexualisierung herumschlagen müssen, obwohl sie nur
ihr Kind ernähren – „was gesellschaftlich wiederum erwartet ist, sonst wird
sie auch kritisiert.“
Kokott stimmt zu: „Stillen ist kontrovers.“ Frauen werden kritisiert, wenn
sie nicht stillen, aber auch dafür, wie sie stillen und wie sichtbar sie es
tun. In feministischen Debatten wird indes die Frage diskutiert, ob Stillen
überhaupt als feministischer Akt verstanden werden kann. Kokott ist wichtig
zu betonen: Die Kampagne richtet sich an stillende Eltern ebenso wie an
Familien, die abpumpen, zufüttern oder mit der Flasche ernähren. Es gehe
darum, unterschiedliche Wege der Ernährung zu respektieren. „Wir wollen
mehr Akzeptanz, Sichtbarkeit und Bewusstsein für die Bedürfnisse der Mütter
zu schaffen“, so die Anfang-30-Jährige. Stillen sei nur der Ausgangspunkt,
die eigentliche Frage laute: Welchen Platz haben Mütter in unserer
Gesellschaft?
Die Online-Kampagne startet am 27. Juni in Kooperation mit Blogger:innen
und Creators aus dem Bereich Mutterschaft. Zu den Fotos erscheinen
Interviews mit den Müttern und Stillberaterinnen.
23 Jun 2026
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