# taz.de -- Klassiker von Art Ensemble of Chicago: Die Great Black Music ist eine lebendige Skulptur
       
       > Das Album „People in Sorrow“ von Art Ensemble of Chicago setzte in den
       > 1960ern neue Maßstäbe für die Kollektivimprovisation. Jetzt wurde es
       > wiederveröffentlicht.
       
 (IMG) Bild: Während des Aufenthalts in Paris spielte das Art Ensemble überall, so auch im Film „Les Stances à Sophie“ von Moshé Mizrahi (1971)
       
       Es war im Umsturzjahr 1968, als der in Paris lebende Jazz-Schlagzeuger
       Claude Delcloo einen Brief an die drei Jahre zuvor ins Leben gerufene
       Chicagoer Musikervereinigung AACM – Association of the Advancement of
       Creative Musicians – schrieb.
       
       In seinem Schreiben an die gemeinnützige Organisation betonte der
       französische Künstler ausdrücklich seine Begeisterung die er für die neue
       Musik aus der drittgrößten Stadt der USA empfand: Von den Mitgliedern der
       AACM kam ein Sound, [1][der Jazz um Elemente der zeitgenössischen
       Komposition und Avantgarde erweiterte] und zugleich auf neue Klang- und
       Performanceaspekte wie [2][Rezitation, Kostüme und rituelle
       Gesichtsbemalung] setzte. Schließlich, so schloss Delcloo seinen Brief,
       würde er die Künstler nur zu gerne für Konzerte in Paris und in Europa
       vermitteln.
       
       Im Zuge der Studentenrevolte 1968 gab es auch in Frankreich Proteste gegen
       den Vietnamkrieg und es kam zu Solidaritätsbekundungen für die
       US-Bürgerrechtsbewegung. In Chicago hatten es zur selben Zeit Schwarze
       Musiker schwer, denn es gab kaum noch lukrative Auftrittsmöglichkeiten für
       experimentelle Musik. So beschlossen vier junge Musiker der AACM, die bis
       dahin als Roscoe Mitchell Art Ensemble firmiert hatten, sich auf den Weg
       nach Paris zu machen.
       
       ## Den Hausstand auflösen
       
       Neben dem Saxofonisten Roscoe Mitchell waren das der Flötist und Oboist
       Joseph Jarman, Bassist Malachi Favors und Trompeter Lester Bowie gemeinsam
       mit seiner Frau, der Soulsängerin Fontella Bass. Dafür schaltete der
       28-jährige Lester Bowie im Frühjahr 1969 eine Kleinanzeige in der
       Lokalzeitung Chicago Defender. Um dem Kollektiv, das sich fortan Art
       Ensemble of Chicago nannte, die Reise nach Frankreich überhaupt zu
       ermöglichen, mussten Bowie und Bass ihren gesamten Hausstand auflösen und
       verkaufen.
       
       Wenige Tage nach ihrem Abschiedskonzert in Chicago treffen die
       Künstler:innen schließlich am 28. Mai 1969 in der französischen
       Hauptstadt ein. Laut dem US-Jazzmagain Down Beat planten die Musiker, „auf
       unbestimmte Zeit“ in Europa zu bleiben.
       
       [3][US-Komponist und Musikwissenschaftler George E. Lewis, ebenfalls
       Mitglied der AACM], beschreibt es in seinem Buch „A Power Stronger Than
       Itself: The AACM and American Experimental Music“ so: Als sich herumsprach,
       dass eine Gruppe von talentierten Musikern in Paris eintreffen würde,
       wurden auch etablierte französische Musikmagazine aufmerksam und schrieben
       von einer „Nouvelle Vague“ und der „École de Chicago“. Das Art Ensemble
       checkte derweil für 20 Francs pro Nacht in einem Mehrbettzimmer plus
       Gemeinschaftstoilette in einem Hotel am Place Saint-Michel ein.
       
       ## Energie, Humor und Stille
       
       Das Pariser Konzertdebüt des AEC ging am 12. Juni 1969 im Théâtre du
       Lucernaire in Montparnasse über die Bühne. Seine ungewöhnliche Mischung aus
       Energie, Humor, Stille, Alltagsgeräuschen und selbstgebauten Instrumenten
       sowie kollektiver Improvisation, theatralischer Performance und
       Klangmontage wurde [4][vom Pariser Publikum sofort gefeiert]. Wobei die
       Musiker:innen ihren Stil nicht zu Jazz verkürzt wissen wollten, sondern
       als „Great Black Music“ bezeichneten, als konzeptuelles Gesamtkunstwerk.
       
       Die französische Wochenzeitung L'Observateur verglich den
       Künstleraufenthalt des Art Ensembles of Chicago in Paris mit einer
       „lebendigen Skulptur.“ Bereits in den ersten Monaten entstand eine Reihe
       von Alben, darunter etwa das pulsierende „Message to Our Folks“ mit dem
       Song „A Brain for the Seine“. Insgesamt spielten die Musiker während ihrer
       Residenz in Paris bis zu ihrer Rückkehr in die USA 1972 sage und schreibe
       14 Studioalben ein.
       
       Darunter ist die am 7. Juli 1969 aufgenommene 40-minütige kollektive
       Improvisation „People in Sorrow“. Zeugnis einer intimen, dicht ineinander
       verwobenen kollektiven Trauer, Requiem für einen tief empfundenen Schmerz
       über die strukturelle Benachteiligung der Schwarzen. Noch spielen AEC ohne
       Schlagzeuger. Don Moye stößt mit seinen Trommeln erst einige Monate später
       zur Stammbesetzung. Derweil behelfen sich die anderen Musiker mit einem
       Arsenal aus Perkussion: Muscheln, Glocken, Pfeifen und selbstgebaute
       Klangkörper. Bis zu 500 dieser „Little Instruments“ sind auf der Bühne
       verteilt.
       
       ## Das Weihnachtsgeschenk
       
       Die Tageszeitung Le Monde ist von der Darbietung so begeistert, dass sie
       der Erstveröffentlichung von „People in Sorrow“ eine ganze Printseite
       widmet. Mit der Überschrift „People in Sorrow: Das Art Ensemble schenkt
       Ihnen diese Musik zu Weihnachten“ erscheint in der Ausgabe vom 24. Dezember
       1969 ein Gedicht und Essay von Bandmitglied Joseph Jarman.
       
       Jetzt hat das Berliner Label play loud! die Musik im Originalzustand
       wiederveröffentlicht, mit dem ursprünglich dafür gedachten Cover, auf dem
       das Ensemble seine Zugehörigkeit zur AACM betont. Die in einem Studio in
       Boulogne-Billancourt nahe Paris für das französische Label Pathé
       eingespielte Musik von „People in Sorrow“ beginnt langsam. Ein dezenter
       Klavierton setzt ein, dann Glocken und das behutsam darunterliegende,
       gezupfte Bassmotiv von Malachi Favors folgen. Alles klingt betont ruhig,
       fast meditativ, mit viel Raum zwischen den Tönen. Gongs kommen hinzu, dann
       erst setzt die Stimme von Joseph Jarman ein.
       
       Es ist kein Singen, Jarman summt leise und wiegend, wie der Vorbeter bei
       einem Gospelgottesdienst. Erst danach erklingt die Trompete von Lester
       Bowie, sparsam, wie ein langsamer Tanz, eine einzelne, sich verzweigende
       Melodie. Sie fragmentiert sich, schluchzt und schmatzt. Beruhigend legt
       sich das Altsaxofon von Roscoe Mitchell darüber, wie eine weit entfernte
       Erzählung.
       
       Unisono werden sie schneller, drängender, bis die Melodie wieder
       ausschleicht. Hinein in ein wimmelndes, brodelndes Biotop aus Mikroklängen,
       nervös und mäandernd zugleich. Stille kommt als Klangelement dazu, aus ihr
       ist die wiederkehrende Musik zuerst nur zu erahnen, als vorsichtiges
       Schaben einzelner Klänge. Zum Finale befriedet ein klagend-zärtliches
       Trompetensolo die Unruhe, ein besänftigender Tutti-Ausklang monastisch
       relaxiert. Ruhe als rituelle Handlung, melancholisch und intensiv. „People
       in Sorrow“ ist und bleibt ein Meisterwerk kollektiver Improvisation.
       
       19 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Live-Album-von-US-Jazzer-Thelonious-Monk/!6163712
 (DIR) [2] /Blaxploitation-Scifi-Musikfilm-mit-Sun-Ra/!5613979
 (DIR) [3] /Musik-Symposium-zu-Vielfalt/!6136077
 (DIR) [4] /Jazzsaxofonist-Barney-Wilen/!5419668
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Maxi Broecking
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Free Jazz
 (DIR) Chicago
 (DIR) Paris
 (DIR) Neues Album
 (DIR) Schwerpunkt 1968
 (DIR) Nachruf
 (DIR) Free Jazz
 (DIR) Neues Album
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Nachruf Freejazz-Pionier Peter Brötzmann: Auflösung der Gestaltungsprinzipien
       
       Der Saxofonist Peter Brötzmann ist tot. Freejazz hat er hierzulande als
       eigenständige Kunstform gegen große Widerstände etabliert. Eine Verneigung.
       
 (DIR) Jazzconnection Madagaskar – Frankreich: Hardbop-Blues mit Bambus-Zither
       
       Musiker aus Frankreich und Madagaskar schufen in den 60ern eine florierende
       Jazzszene. Einige mitreißende Alben der Zeit sind wieder erhältlich.
       
 (DIR) 50 Jahre Art Ensemble of Chicago: Zukunft, aus Vergangenheit gebaut
       
       Das Art Ensemble of Chicago verbindet Alte und Neue, klassische und
       populäre, schwarze und weiße Musik. Zum 50. Jubiläum gibt es ein neues
       Album.