# taz.de -- Taty Almeida ist tot: Oberste Mutter gestorben
> Sie kämpfte gegen die Straflosigkeit von Argentiniens brutaler
> Militärdiktatur – und um ihren Sohn, der 1975 entführt wurde. Nun ist
> Taty Almeida tot.
(IMG) Bild: Taty Almeida am Internationalen Tag der Frau am 8. März in Buenos Aires, Argentinien
Taty Almeida ist tot. Die Vorsitzende der argentinischen
Menschenrechtsorganisation Madres de Plaza de Mayo, den Müttern des Platzes
der Mairevolution, starb am Sonntag im Alter von 95 Jahren. Almeida hatte
sich auf der Suche nach ihrem verschwundenen Sohn Alejandro 1979 den Madres
angeschlossen. Nach dem [1][Tod von Nora Cortiñas] 2024 führte sie die
[2][Línea Fundadora (Gründerinnenlinie) der Madres] weiter.
Am 24. März 1976 hatte das Militär in Argentinien die Macht ergriffen. Bis
zu ihrem Ende 1982 sind [3][30.000 Menschen] verschwunden oder wurden
ermordet. Im April 1977 trafen sich Mütter von Verschwundenen auf der Platz
vor dem Präsidentenpalast zum ersten Mal und forderten Aufklärung über den
Verbleib ihrer Kinder. Seitdem drehen die Madres jeden Donnerstag um 15 Uhr
30 Uhr ihre Runden auf diesem Platz. Weiße Stoffwindeln, getragen wie
Kopftücher, wurden zum Erkennungszeichen der Gruppe.
Lydia Estela Mercedes Miy Uranga wurde am 28. Juni 1930 geboren. Schon bald
erhielt sie den Kosenamen Taty, unter dem man sie in Argentinien kannte.
Taty wuchs in einer Militärfamilie auf. Ihr Vater war ein Oberstleutnant im
Ruhestand, ihre Mutter Hausfrau. Ihre drei Schwestern heirateten Männer,
die bei der Luftwaffe dienten. Ihr Bruder Carlos stieg bis zum Oberst auf.
Nach einigen Umzügen ließ sich die Familie schließlich in Buenos Aires
nieder.
Hier erwarb sie ihr Lehramtsdiplom. Mit 21 Jahren heiratete sie Jorge
Almeida, der ebenfalls aus einer Militärfamilie stammte. Aus der Ehe gingen
die drei Kinder Jorge, Alejandro und Fabiana hervor. 1970 ließen sich Taty
und Jorge Almeida scheiden. Taty begann als Sekretärin in einer Arztpraxis
zu arbeiten. Ihrem Sohn Alejandro verschaffte sie eine Stelle bei der
staatlichen Nachrichtenagentur Télam. Zugleich studierte er Medizin an der
Universität Buenos Aires und arbeitete nebenbei auch beim
Militärgeografischen Institut.
## Der Terror begann schon vor dem Putsch
Am 17. Juni 1975 wurde der 20-jährige Alejandro von der regierungsnahen
paramilitärischen Terrorgruppe Triple A (Alianza Anticomunista Argentina)
verschleppt und ist seither spurlos verschwunden. Dass er sich der
Guerillagruppe ERP (Revolutionäre Volksarmee) angeschlossen hatte, erfuhr
sie nach eigenen Angaben erst viel später. „Man muss daran erinnern, dass
dieser Horror des Staatsterrorismus nicht erst 1976 begann, sondern unter
einer verfassungsmäßigen Regierung, wenn auch, wie ich meine, keiner
demokratischen“, sagte sie einmal.
Alejandro gehörte zu den rund 2.000 Menschen, die bereits [4][vor Beginn
der Militärdiktatur] verhaftet wurden und verschwanden. Dies war für Taty
Almeida der Wendepunkt. „Ich habe das Gefühl, Alejandro hat mich geboren.
Er hat mich aus dieser Blase geholt, in der ich mein ganzes Leben verbracht
hatte. Und ich bin so stolz darauf, dass er mich geboren hat“, sagte sie
einmal in einem Interview und meinte damit ihre Herkunft aus einer Familie
von Militärs.
Aber auch: „Es ist eine Lüge, wenn man sagt, dass die Zeit alle Wunden
heilt. Ich vermisse ihn jeden Tag mehr und mehr. Ich würde gern wenigstens
ein kleines Knöchelchen von Alejandro haben.“ Die sterblichen Überreste
ihres Sohnes wurden nie gefunden. Jürgen Vogt, Buenos Aires
15 Jun 2026
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