# taz.de -- HBO-Serie „Half Man“: Rationalität ist eine Fiktion
       
       > Die britische Fernsehserie „Half Man“ zeigt, was der Politik fehlt:
       > Widersprüchlichkeit, Ambiguität, Zweifel. Und an Verzweiflung und
       > Emotionen.
       
 (IMG) Bild: Jamie Bell (l) als Niall und Richard Gadd als Ruben in einer Szene der Miniserie „Half Man“
       
       Es ist ja doch selten, dass mich Kunst so durchschüttelt, dass sich die
       Bilder verschieben und die Wirklichkeit aufbricht und in ihren Klüften und
       dunklen Gründen und Gefilden sichtbar wird. Als sei das, was wir Leben
       nennen, eben doch nur die Erfindung eines Regisseurs mit sehr boshaften
       Absichten. Die Tragödie jedenfalls, als die von Sophokles bis Camus die
       Existenz betrachtet wurde, muss in jeder Zeit neu durchgespielt und
       definiert werden. Und die Art, wie der schottische Schauspieler, Regisseur
       und Autor Richard Gadd seine Charaktere führt, sie fallen lässt, sie wieder
       und wieder aufstehen lässt und dabei die Debatten um toxische Maskulinität,
       Liebe, Hass, Gewalt, Familie, Abhängigkeit auf verwirrende Weise
       weitertreibt, ist ziemlich einzigartig, in manchen Momenten, dachte ich
       sogar, genial.
       
       „Half Man“ heißt die britische sechsteilige Fernsehserie von Gadd, der mit
       seiner ersten Serie [1][„Baby Reindeer“] vor ein paar Jahren berühmt wurde.
       Diese Serie, die von einer Stalkerin handelt und einem Comedian mit einer
       tiefen Vergangenheit von Missbrauch, habe ich nach ein paar Folgen
       abgebrochen. Was vielleicht ein Fehler war. Aber einerseits ist es so
       schwierig heute, bei all dem anderen medialen Geschwirre selbst eine sehr
       gute Serie konstant zu schauen. Andererseits war mir „Baby Reindeer“
       vielleicht einfach doch zu negativ, zu kaputt.
       
       „Half Man“ allerdings ist, soweit ich mich an „Baby Reindeer“ erinnere,
       noch einmal dunkler, kaputter, tiefer – und auf eine Art und Weise
       gewalttätig, die die Gewalt fast aufhebt, sie in ihrer performativen Kraft
       zeigt, wie sie sich um die Figuren legt, aber auch auf den Zuschauer oder
       die Zuschauerin übergreift, durch den Bildschirm hindurch. (Keine Ahnung,
       wie eine Frau diese Serie sieht, ich habe sie allein geschaut – vielleicht
       mit gutem Grund.)
       
       Erzählt wird die Geschichte zweier Brüder oder Halbbrüder, aber das ist
       eigentlich schon die falsche Zusammenfassung. Auch die Betonung der Gewalt,
       wie sie in manchen Kritiken vorgenommen wurde, führt in die falsche
       Richtung. Tatsächlich, würde ich sagen, handelt „Half Man“ davon, wie sich
       Menschen selbst zerstören, womöglich notwendigerweise. Es ist schließlich
       eine Tragödie, ohne Schuld und doch nicht ohne Schuld, vor allem deshalb,
       weil sie keine Worte und keine Wege finden aus der Angst.
       
       „Half Man“ ist damit mehr als eine Reflexion über die Manosphere – dazu ist
       das, was Richard Gadd als Regisseur und speziell als Darsteller
       veranstaltet, viel zu existenziell, abgründig, auf eine fast künstliche
       Weise wahr. Gadd hat sich körperlich komplett verwandelt im Vergleich zu
       „Baby Reindeer“, er ist eine Muskelmasse von Mensch, schnaufend am Leben,
       voller Aggression, die sich in jedem Moment entladen kann. Er ist Gefahr,
       und er ist Opfer. In dieser dialektischen Dynamik entfaltet sich die
       Handlung, die ihren Ausgangspunkt nimmt bei der genauen, harten,
       liebevollen Darstellung einer Jugend im Glasgow der achtziger Jahre.
       
       Was die beiden Brüder trennt, ist ihr Intellekt und ihre Sexualität – der
       schmale, smarte Niall (herausragend für den jungen Niall: Mitchell
       Robertson, den älteren Niall spielt Jamie Bell) und der laute, gewalttätige
       Ruben (besonders faszinierend Stuart Campbell als junger Ruben, der die
       Pathologien des älteren, von Richard Gadd selbst gespielten Ruben auf eine
       fast verzweifelte, verletzte Art in sich trägt). Ihr Drama, könnte man
       sagen, ist es, in einer lieblosen Welt aufzuwachsen; auch die beiden Mütter
       von Niall und Ruben, die – Skandal in den achtziger Jahren – in einer
       lesbischen Beziehung leben, sind von einer dezidierten Verachtung für ihre
       Kinder, die wiederum Ausdruck von sozialen Verhältnissen ist.
       
       ## Tragik und Tragödie
       
       Gadd aber geht es nicht darum, Armut oder Bildungsferne an sich zu
       beschreiben – was ihn interessiert, ist, wie Selbsthass und
       Selbstverleugnung entstehen, wie sie Leben und Liebe vernichten, wie sich
       Menschen dagegen sträuben und doch, das ist die Tragik der Tragödie, immer
       tiefer gezogen werden, gerade weil sie sich sträuben.
       
       Im Fall der beiden ungleichen Brüder ist das, was den Hass und den
       Selbsthass antreibt, die Homosexualität – der eine liebt Männer, der andere
       hasst Männer, die Männer lieben, jedenfalls glaubt das Niall, worauf sich
       ein Leben baut, das im Grunde recht unnötig (andererseits: Tragödie)
       verlogen und verloren ist. Die Angst und die Gewalt, all das, was zwischen
       den beiden herrscht, ist ein Ausdruck von so viel eigener und fremder
       Unterdrückung – und Gadds Genie besteht darin, dass er die psychologische
       Dynamik entwickelt, ohne die Charaktere zu verkleinern oder zu erklären.
       
       Im gesellschaftlichen Diskurs unserer Tage, wo [2][Männerkult,
       Frauenverachtung und rechte Politik eine gefährliche Verbindung eingehen]
       (Helen Lewis etwa hat das für die USA gerade in [3][einem langen Text] für
       die Zeitschrift The Atlantic aufgeschrieben), wirkt „Half Man“ damit wie
       die Antwort der Kunst auf die Politik. Oder umgekehrt: Die Kunst zeigt, was
       der Politik fehlt – an Widersprüchlichkeit, an Ambiguität, an Zweifel und
       Verzweiflung und Emotionen. Rationalität, das zeigt „Half Man“, ist eine
       Fiktion, eine notwendige Fiktion für Demokratie, die auf Vernunft basiert –
       aber eben eine Fiktion, die als solche gesehen und behandelt werden muss.
       Wenn sie sich verselbständigt, wenn sie hohl wird und floskelhaft, dann
       verliert sie ihre Wirkung. Dann wird es gefährlich.
       
       Insofern ist „Half Man“ auch politische Unterhaltung. Die Dunkelheit, die
       uns umgibt, wird hier auf epische Weise greifbar. Und deutlich wird so
       auch: Das Gegenteil von Rationalität ist nicht Irrationalität. Das
       Gegenteil von Rationalität ist das Verdrängen von Irrationalität. Ist
       Angst.
       
       10 Jun 2026
       
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