# taz.de -- Erfurt im Glücksatlas ganz oben: Deprimiert, gerupft, zufrieden
       
       > Erfurt macht seine Bewohner*innen so glücklich wie keine andere
       > Großstadt. Mit einem depressiven Brot und Weihnachtsbaum „Rupfi“.
       
 (IMG) Bild: Grummeligster Sohn der glücklichen Stadt: Bernd, das Brot
       
       „Ich hasse mein Leben“, sagt ein deprimiertes Kastenbrot und schaut traurig
       in die Kamera – Tausende Kinder freuen sich. Ich war sechs, als ich Bernd
       das Brot begegnet bin, meinem ersten Erfurter. Dauerhaft schlecht gelaunt,
       genervt von seinen Mitmenschen, will einfach nur seine Ruhe. Trotzdem ein
       Sympathieträger, der schon [1][dazu genötigt wurde, in einer amerikanischen
       Late-Night-Sendung aufzutreten,] und dessen Beliebtheit dafür sorgte, dass
       seine Statue vor dem Erfurter Rathaus eine Entführung durchlebte.
       
       Kurz vor der [2][Pandemie] zog ich in die Nähe von Erfurt, der Stadt mit
       dem chronisch unzufriedenen Maskottchen, deren Bewohner*innen dennoch
       die glücklichsten Großstädter*innen Deutschlands sind. So steht es
       [3][im diesjährigen SKL-Glücksatlas]: Erfurt belegt Platz eins von vierzig.
       Die Studie entsteht jedes Jahr in Zusammenarbeit mit der Universität
       Freiburg, Hauptsponsor und Namensgeber ist die „Süddeutsche
       Klassenlotterie“.
       
       Als Vergleichsgröße zieht der Atlas die sogenannte „objektive
       Lebensqualität“ heran, ermittelt anhand von Daten zu Arbeitsmarkt,
       Familiengründung, Mietspiegel und Wohnsituation. Im Kontrast zur
       subjektiven Goldmedaille beim Empfinden der Bürger*innen landet Erfurt
       hier auf Platz 27 – im hinteren Drittel. Damit ist Erfurt das, was die
       Studie „Overperformer“ nennt: eine Stadt, deren Bewohner*innen
       zufriedener sind, als sie trotz objektiver Kriterien vielleicht sein
       sollten.
       
       Besonders auffällig bei den Gründen, warum die Stadt objektiv so schlecht
       abschneidet: Die Geburtenrate liegt fast 20 Prozent unter dem Schnitt der
       anderen untersuchten Städte. Dabei wird der Humor aber direkt mit in die
       Wiege gelegt, denn jedes Neugeborene in Erfurt bekommt automatisch den
       Status als „Puffbohne“ – samt dazugehörigem Plüschtier. Das Kuscheltier mit
       Smileygesicht soll an die Hülsenfrucht erinnern, die einst in der Region
       angebaut wurde. Als Zugezogener habe ich meine Puffbohne erst zu einem viel
       späteren Geburtstag bekommen. Trotz ihres Anblicks behalte ich sie, in
       einer Schublade.
       
       ## Massentourismus und Künstlerkiez geben sich die Hand
       
       Schön hingegen ist das Leben in Erfurt. An den Wasserärmchen der Gera durch
       das Grün von „Klein Venedig“ schlendern. In der Nachmittagssonne einen
       Kaffee trinken, gotischen Domblick inklusive. Auf der Krämerbrücke
       beobachten, wie Massentourismus und Künstlerkiez sich die Hand geben. Das
       Klischee-Programm für Wochenendtourist*innen überzeugt. Ich kann den
       Kopf darüber schütteln und mich dann trotzdem in die Schlange einreihen, um
       bei Goldhelm das beste Eis Deutschlands zu essen. Ich kann mich im
       Linkshänderladen an einer Tasse erfreuen, die dank kleiner, einseitiger
       Löcher Rechtshänder*innen zuverlässig einen nassen Schoß beschert, wenn
       sie sie zum Trinken kippen. Wer aber mit links den Henkel greift, bekommt
       die Seite ohne Löcher und behält sein Shirt ohne Kaffeeflecken. Die
       Menschen, die hier geboren und aufgewachsen sind, die Buchhandlungen, Cafés
       und Ateliers betreiben, sie sind es, die mich immer wieder überraschen.
       
       Es ist 2018. Ich wärme meine Hände an einer damals schon überteuerten Tasse
       Glühwein, die ich durch eine behäbige Masse an Vorweihnachtsbegeisterten
       balanciere, während ich meine Freunde suche. Über allem thront Rupfi – der
       wohl hässlichste Weihnachtsbaum Deutschlands. Die kahle Rotfichte gibt
       einen erbärmlichen Anblick ab. Die Erfurter*innen? Schließen den
       bedauernswerten Baum trotzdem ins Herz. Solidaritätsbekundungen häufen
       sich, eine eigene Facebookseite folgt. „Ich bin nicht perfekt, aber wer ist
       das schon?“, schreibt Rupfi seinen Follower*innen.
       
       Erfurt ist nicht trotz deprimierter Brote, nicht trotz Touristenmassen,
       nicht trotz mäßiger objektiver Lebensqualität und gerupfter Weihnachtsbäume
       glücklich. Vielleicht sind Erfurter*innen einfach mit dem Unperfekten,
       dem Fehlerhaften zufrieden. Oder sogar: gerade deswegen.
       
       9 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Bernd-das-Brot-bei-John-Oliver/!6111736
 (DIR) [2] /Schwerpunkt-Coronavirus/!t5660746
 (DIR) [3] https://www.skl-gluecksatlas.de/artikel/staedteranking-2026.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Albrecht Kaiser
       
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