# taz.de -- Temporäre Architektur in Braunschweig: Abreiben am Ideal des öffentlichen Raums
> Den Sommer über steht ein Kulturpavillon in Braunschweigs Innenstadt.
> Etwas hakt an dem Architekturprojekt, obwohl das Experiment selbst
> gelungen ist.
(IMG) Bild: Rendering vom Pavillon in der Braunschweiger Innenstadt, eine Black Box mit Bar, im geöffneten Idealzustand
Die jährlich [1][wechselnden Pavillons der Londoner Serpentine Gallery]
dienten der Braunschweiger Kulturdezernentin Anja Hesse als großes Vorbild,
als sie Ende 2022 einen temporären Architekturpavillon ins Auge fasste, der
über die Sommermonate der Braunschweiger Innenstadt neues Leben einhauchen
sollte. Hatte während zwei vorausgegangener Jahre die Coronapandemie das
städtische Leben ziemlich erlahmen lassen, galt es nun, bewährte Formate zu
dessen Frequenzsteigerung zu aktivieren – mit einem kostenfreien und
zwanglosen Programm an einem zentralen, neuartigen, im besten Fall
spektakulären Ort.
Im Mai ging der Pavillon nun an den Start, Standort ist der Burgplatz am
Dom. Über 30, teils mehrtägige Veranstaltungen sind gebucht, sie wurden via
Open Call durch das Kulturamt ermittelt. Das Spektrum reicht vom
gemeinsamen Kochen und Essen über Chorsingen, Musik- und Tanzperformances
bis zum Fachgespräch mit Braunschweigs Stadtbaurat.
Was aber so sommerlich leichtfüßig anmutet, musste viele Hürden deutscher
Bürokratie überwinden. Die Projektphasen bis zur Realisierung unterschieden
sich kaum von denen ungleich größerer, stationärer Bauten. Ein Wettbewerb
unter Architekturstudierenden der TU Braunschweig bescherte gemäß
Juryentscheid zehn aussichtsreiche Entwürfe. Ihren Baumeister:innen
wurden örtlichen Architekturbüros als Mentoren zugelost, ein
Realisierungswettbewerb unter sechs verbliebenen Teams brachte 2023 den
siegreichen Entwurf von Marc-André Tiede (TU Braunschweig) und Marcus
Aurelius Jensen (JUHU! Architektur) hervor.
Dieser musste dann baureif gemacht werden, vor allem als demontierbare
Konstruktion, die für mehrere Standzeiten wiederaufgebaut werden könnte.
Eine kommerzielle Gerüstkonstruktion, wie sie das Staatstheater für sein
sommerliches Opernevent, das Burgplatz Open Air einsetzt, schied wegen des
architektonischen Anspruchs aus, [2][das Vorhaben im Förderprogramm
„Resiliente Innenstädte“ der EU zu verankern]. Das Ergebnis, nach vielen
Konkretisierungs- und Optimierungsschritten: ein ausgetüftelter Stahlbau in
Schraubverbindung, dessen Aufbau rund zwei Wochen benötigte.
## Ein wetterfest verkleideter Innenraum
Die Örtlichkeit bietet nun einen wetterfest verkleideten, geschlossenen
Innenraum von rund 70 Quadratmetern Größe: die Black Box mit einer mobilen
Bar. Der Clou ist, dass sich die Raumgrenzen nach drei Seiten durch
insgesamt zwölf Hub-Faltläden aufheben lassen, sodass der Innenraum zum
Drehpunkt für Aktionen im öffentlichen Raum werden kann. Und dann gibt es
noch die Tribüne für gut 150 Personen, die über die geschlossene vierte
Seite emporsteigt. Sie greift ein vielschichtiges Architekturelement auf,
dem antiken griechischen Theater gleichermaßen zu eigen wie dem
massentauglichen Fußballstadion. Von der Tribüne erwarteten nicht nur die
Veranstalter besonders viel, da sie als „unprogrammierter Ort“, so die
Architekten, der spontanen Selbstaneignung dienen soll.
Zur Halbzeit im Juni zeigt sich eine durchwachsene Resonanz.
[3][Lokalpatrioten ist jede Intervention am Burgplatz] ein Sakrileg,
besonders, wenn sie so spröde daherkommt wie der mausgraue Pavillon im
leider viel zu häufig geschlossenen Zustand. Auch Nachtschwärmer, die nach
dem Kino- oder Theaterabend auf einen Absacker an dem neuen Ort hoffen,
treffen meist auf die heruntergelassenen Faltläden, die Tribüne ist dann
auch gesperrt.
Und so kommen sehnsüchtige Erinnerungen an die riesige rote Treppe auf, die
2002 zum Festival „Theaterformen“ das ehrwürdige Staatstheater aus dem
Stadtraum heraus auf so ungewohnte Weise umspielte. Ein Publikumsmagnet –
noch ein zweites Mal aufgebaut, war die Dokumentation 2006 gar ein
deutscher Beitrag [4][zur Architekturbiennale Venedig]. Lag die Latte für
das Architekturexperiment doch zu hoch?
19 Jun 2026
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## AUTOREN
(DIR) Bettina Maria Brosowsky
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