# taz.de -- Pflegeheimbetreiber vor Gericht: Was geschah wirklich im Haus Linde?
       
       > In Braunschweig sind Pflegeheimbetreiber angeklagt, die Pflegebedürftige
       > systematisch sediert, eingesperrt und kränker gemacht haben sollen.
       
 (IMG) Bild: Auf den ersten Blick recht idyllisch: 2020 führte die Polizei eine Razzia im Haus Linde durch
       
       Als „Horror-Heim“ bezeichnet die Zeitung Die Welt die Einrichtung in bester
       Springer-Manier. Dabei sieht es eigentlich ganz idyllisch aus – eines
       dieser typischen spitzgiebligen Fachwerkhäuser im Harz, über einen
       gläsernen Gang mit einem neueren Anbau verbunden. Mittlerweile dürfen sich
       die Bewohnerinnen hier auch wieder frei bewegen. Das war, wenn man den
       Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft glauben will, mindestens in
       den Jahren 2017 bis 2020 anders.
       
       Mehr als zwei Stunden braucht Staatsanwalt Fabian Londa am Freitag beim
       Prozessauftakt in Braunschweig, um die Fälle vorzutragen, auf die sich die
       Anklage nun konzentriert. Auf der Anklagebank sitzen: der Inhaber des
       Altenheims Ralf S. (60), seine Ehefrau Iris S. (63), die von ihnen
       eingesetzte Heimleiterin Kathrin G. (51) und die [1][Pflegedienstleiterin]
       Angela F. (59).
       
       Ein „umfassendes Herrschaftsregime“ habe das Ehepaar in diesem Heim
       etabliert, sagt der Staatsanwalt. Das Muster soll immer das gleiche gewesen
       sein: Oft habe man schon kurz nach dem Einzug begonnen, die
       Medikamentendosis hochzuschrauben, habe gegenüber den Hausärzten behauptet,
       die Patienten seien unruhig oder auch aggressiv, hätten sich gegen die
       Pflege gewehrt, seien im Haus herumgegeistert, hätten nachts gerufen, Dinge
       kaputt gemacht.
       
       Aus der Bedarfsmedikation mit Angstlösern, Beruhigungsmitteln und
       Psychopharmaka sei dann ganz schnell eine Dauermedikation geworden. Und
       auch die sei ständig weiter erhöht worden. Da war zum Beispiel Rosemarie
       B., die 76 Jahre alt war, als sie einzog. Aufgrund ihrer Demenzerkrankung
       konnte sie nicht mehr alleine leben, aber körperliche Gebrechen hatte sie
       nicht. Mit ihrem Hund Tobi ging sie mehrmals am Tag im Dorf Gassi.
       
       ## Bettlägerig nach nicht einmal einem halben Jahr
       
       Doch im Heim war sie wohl auch viel unterwegs, suchte den Kontakt zu
       anderen Bewohnern. Das soll der Heimleitung missfallen haben. Sie erhielt
       deswegen unter anderem das beruhigende Neuroleptikum Dominal. Einmal soll
       sie davon so weggetreten gewesen sein, dass eine Pflegekraft sie mit dem
       Gesicht im Suppenteller vorfand. Nicht einmal ein halbes Jahr verging nach
       ihrem Einzug und sie war bettlägerig.
       
       Ihr gesetzlicher Betreuer erschrak als er sie nach der Corona-Zwangspause
       wieder besuchen kam. Erst [2][nachdem das Haus Linde im August 2020]
       durchsucht worden war und die Medikation ausgeschlichen wurde, berappelte
       sie sich wieder. Mittlerweile kann sie zumindest wieder alleine im
       Pflegerollstuhl sitzen und an den Mahlzeiten und Aktivitäten im
       Gemeinschaftsraum teilnehmen. Geblieben ist ihr ein ständiges Zittern.
       
       Rosemarie B. war nicht die einzige, der es so erging. Auch Victor D., ein
       ehemaliger Maschinenbauingenieur, soll der Pflegedienstleistung zu
       anstrengend gewesen sein. Ständig sei er aus seinem Zimmer gekommen.
       Anfangs habe man Besteck auf der Türklinke deponiert, damit das Geschepper
       die Pflegekräfte alarmiere.
       
       Dann soll er stundenweise eingesperrt worden sein. Und schließlich soll er
       „abgeschossen“ worden sein, dass er nicht mehr alleine sitzen, nicht mehr
       alleine essen konnte und schließlich bettlägerig wurde. Eine mitleidige
       Pflegeassistentin soll seine Tabletten zwischendurch heimlich entsorgt
       haben. Erst Monate später soll er für Vernehmungen wieder ansprechbar
       gewesen sein. Beim ersten Besuch habe er sich teilweise nur über Stöhnen
       artikulieren können.
       
       ## Höhere Pflegegrade bringen mehr Geld
       
       Es gibt Dutzende weitere Fälle. Und die Staatsanwaltschaft glaubt, dass
       dies nicht nur mit Überforderung und [3][schlechten Personalschlüsseln] zu
       tun hat – sondern auch mit Betrug. Systematisch sollen die Bewohner hier
       kränker gemacht worden sein, als sie waren. Vor allem vor den
       Begutachtungsterminen durch den Medizinischen Dienst – um so die Einstufung
       in einen höheren Pflegegrad zu erwirken.
       
       Auch die Angehörigen oder gesetzlichen Betreuer sollen regelmäßig belogen
       worden sein – zum Beispiel, in dem man die höheren Medikamentengaben
       verschwiegen habe. [4][Freiheitsentziehende Maßnahmen] wie Bettgitter
       hätten eigentlich beantragt und genehmigt werden müssen, doch auch darauf
       verzichtete man hier. „Aufgrund des Misstrauens gegenüber staatlichen
       Stellen“, wie es der Staatsanwalt ausdrückt.
       
       Unter Beobachtung durch staatliche Stellen stand das Heim durchaus schon
       länger. Bereits 2005 habe es eine Reihe von Beschwerden gegeben, teilte der
       zuständige Landkreis Goslar der Deutschen Presse-Agentur mit. In der Folge
       seien immer wieder Bußgelder verhängt und Belegungsstopps angeordnet
       worden. 2008 und 2011 wurde den Betreibern vorübergehend auch die
       Heimleitungstätigkeit untersagt.
       
       Doch Ermittlungen nach einer ersten Strafanzeige aus dem Jahr 2009
       verliefen im Sande. Erst 2020 kamen sie richtig ins Rollen – nachdem
       wiederum die Heimaufsicht des Landkreises Anzeige erstattet hatte. Dieses
       Mal wurden auch umfangreiche Überwachungsmaßnahmen eingeleitet.
       
       ## Kontrollanrufe aus Mallorca
       
       Die Polizei hörte mit, wie sich die Betreiber jeden Tag – manchmal sogar
       mehrfach am Tag – haarklein Bericht erstatten ließen. So kommt der
       Staatsanwalt zu seiner Formulierung eines „umfassenden Herrschaftsregimes“.
       Oft riefen sie dabei von ihrer Finca auf Mallorca aus an.
       
       Angeklagt sind die vier Führungspersonen nun unter anderem wegen
       Freiheitsberaubung, Misshandlung von Schutzbefohlenen, gewerbs- und
       bandenmäßigen Betrugs und schwerer Körperverletzung.
       
       Wobei es wohl nicht ganz einfach werden wird, die Tatbeiträge im Einzelnen
       den einzelnen Personen nachzuweisen – schon weil sich in diesem System
       vieles von selbst verstand und nicht explizit angewiesen werden musste.
       Aber auch, weil bei so hochbetagten und schwer kranken Menschen schwer
       auszumachen ist, was nun tatsächlich Folge der mangelhaften Pflege oder der
       Sedierung ist und was ein natürlicher Alterungsprozess oder
       Krankheitsschub.
       
       Der Vorsitzende Richter Pedro Serra de Oliveira appelliert deshalb schon am
       ersten Prozesstag deutlich an die Angeklagten, über ein Geständnis
       nachzudenken – bei einer derart aufwendigen Beweisaufnahme spielt der
       Zeitpunkt eben schon auch eine Rolle, wenn man auf Strafminderung hofft.
       
       Das Betreiber-Ehepaar lässt seine Verteidiger gleich verkünden, dass sie
       von ihrem Recht zu schweigen Gebrauch machen wollen. Die Heimleiterin und
       die Pflegedienstleiterin wollen sich einlassen – aber lieber nicht gleich.
       Vor allem die Heimleiterin steht im Fokus: 456 Mal taucht ihr Name in der
       Anklageschrift auf, wie ihr der Staatsanwalt am zweiten Prozesstag noch
       einmal vorhält.
       
       ## Angeklagte beklagen „Spießrutenlaufen“
       
       Das liegt daran, dass sie diejenige war, die den Kontakt zu den Ärzten
       hielt und dort um immer neue Rezepte bat, aber auch die Begutachtungen
       durch den Medizinischen Dienst begleitete. Der Vorsitzende Richter begegnet
       den beiden Frauen zunächst mit viel Verständnis, wenn sie – immer nur über
       ihre Verteidiger – etwa über die psychische Belastung durch den Prozess
       klagen oder das „Spießrutenlaufen im Dorf“ infolge der umfangreichen
       Berichterstattung über die Vorwürfe.
       
       Er habe aber, sagt Serra de Oliveira, auch eine Menge Fragen – und die
       bezögen sich eben nicht nur darauf, wer wann welche Pille verabreicht hat.
       Sondern auch auf die internen Strukturen im Heim Linde.
       
       Und welche Motive trieben die Heim- und Pflegedienstleitung, die
       offensichtlich finanziell nicht wirklich profitiert haben? Man werde
       darüber nachdenken, ob und in welchem Umfang man nach der
       Verteidigererklärung noch Fragen beantworten könne, versichern die Anwälte
       der beiden Frauen.
       
       Die ehemaligen Heiminhaber haben in jedem Fall am Ende noch einen schönen
       Profit gemacht. Kurz nach der Razzia im Sommer 2020 sollen sie ihr Heim für
       mehrere Millionen Euro verkauft haben, weiß die Braunschweiger Zeitung.
       Mittlerweile gehört es zur Auvictum-Gruppe, die bundesweit Pflegeheime
       betreibt.
       
       Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt. Es sind mehr als 50
       Verhandlungstermine bis in den Januar 2027 anberaumt.
       
       5 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Pflege/!t5016952
 (DIR) [2] /Misshandlung-im-Pflegeheim/!5706147/
 (DIR) [3] /Personalmangel-in-Schulen-und-Pflege/!6007538
 (DIR) [4] /Freiheitsbeschraenkung-im-Pflegeheim/!5029635
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nadine Conti
       
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